Die Tage sind gezählt: Nach 14 Jahren als Einrichtungsleiter räumt Franz Straif Ende April seinen Schreibtisch im Peitinger Marienheim.
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Die Tage sind gezählt: Nach 14 Jahren als Einrichtungsleiter räumt Franz Straif Ende April seinen Schreibtisch im Peitinger Marienheim.

Ende einer Ära

Franz Straif über seinen Abschied aus dem Marienheim: „Die Entscheidung ist mir schwer gefallen“

  • Christoph Peters
    vonChristoph Peters
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Am 1. Mai dieses Jahres bricht im Marienheim eine neue Zeitrechnung an. Die AWO übernimmt offiziell die Trägerschaft der geschlossenen sozialtherapeutischen Einrichtung. Es ist gleichzeitig das Ende einer Ära, denn mit Franz Straif geht der Mann von Bord, der dem Marienheim in den vergangenen 14 Jahren als Einrichtungsleiter seinen Stempel aufgedrückt hat.

Im Interview spricht der Vater von zwei erwachsenen Töchtern über die Gründe für seinen Abschied, kräftezehrende Grabenkämpfe und erklärt, warum er mit 62 Jahren noch einmal ein neues Abenteuer wagt.

- Herr Straif, können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag im Marienheim vor 14 Jahren erinnern?

Das kann ich tatsächlich noch gut. Ich habe damals lange Zeit gebraucht, um mich zu entscheiden, die Stelle anzutreten. Das Marienheim hatte zu dem Zeitpunkt einen sehr schlechten Ruf, und ich fürchtete, wenn ich das Amt übernehme und scheitere, fügt das auch meiner Reputation Schaden zu. Mein erster Eindruck war dann auch so, dass der Ruf der Einrichtung gerechtfertigt war. Das Gebäude war verqualmt vom Zigarettendunst, es war düster, Menschen, die hospitalisiert waren, saßen in den Gängen. Ich erinnere mich noch wie ein finster dreinblickender Bewohner erschrak, als er mich erblickte und auf mich losgehen wollte. Eine Mitarbeiterin hat ihn dann ganz liebevoll am Arm genommen und ihm gesagt, dass er keine Angst haben muss, der Mann ist ganz nett. Daraufhin hat sich der Bewohner entspannt und war so friedlich – das hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.

- Was hat Sie trotz der Vorbehalte bewogen, die Stelle als Einrichtungsleiter anzutreten?

Im Endeffekt war es die Lust auf ein Abenteuer, darauf, ein Wagnis einzugehen. Zumal ich bei meinen Besuchen gemerkt hatte, es lohnt sich, sich den Leuten und Mitarbeitern zu widmen. Ich wollte schauen, ob es mir möglich ist, hier etwas voranzubringen.

- Sie haben die Arbeit im Marienheim komplett umgekrempelt, das bis dahin eigentlich nur eine Verwahreinrichtung war für austherapierte Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen.

Umgekrempelt insofern, als dass ich versucht habe, fachliche Standards einzuführen. Also ein sozialtherapeutisches Konzept zu entwickeln, das auf einer individuellen Förderung fußt. Es ging darum, eine systematische Arbeitsweise mit jedem einzelnen Bewohner zu etablieren, um herauszufinden, was bringt er mit, was braucht er, um weiterzukommen. Das hat sehr gut funktioniert.

- Wie schwer war es, die Verantwortlichen zu überzeugen, diesen Weg mitzugehen?

Die wirtschaftliche Lage des Marienheims war damals sehr prekär. Das Marienheim stand auf dem Index von Kliniken und Betreuungsstellen.

Franz Straif

Die wirtschaftliche Lage des Marienheims war damals sehr prekär. Es gab pro Jahr nur noch 20 bis 30 Anfragen für einen Betreuungsplatz in der Einrichtung. Das Marienheim stand auf dem Index von Kliniken und Betreuungsstellen. Deshalb ging es gar nicht anders, als etwas nachhaltig zu verändern.

- Heute gilt das Marienheim dank Ihrer Arbeit als Vorzeigeeinrichtung. Macht Sie das stolz?

Natürlich. Es war ja nicht garantiert, dass es so kommen würde. Im Gegenteil: Das Risiko, dass mein Vorhaben scheitert, war groß. Zu sehen, es hat funktioniert, ist eine Erfüllung. So eine Chance hat man nur selten im Leben.

- Viele Peitinger dürften erst im Zuge der Diskussionen um den geplanten Neubau am Bühlach erfahren haben, was im Marienheim eigentlich geleistet wird. Hat Sie der Gegenwind gegen das Vorhaben überrascht?

Ehrlich gesagt, nein. Die Arbeit im Marienheim betrifft einen Bereich, der ein Schattendasein in der Gesellschaft führt. Es geht um freiheitsentziehende Maßnahmen, um Einschränkung der Grundrechte. Das will ja im Grunde keiner. Meine Frau (Charlotte Straif, Geschäftsführerin des Marienheims, a.d.Red.) hat’s mal auf den Punkt gebracht: „Man braucht es, aber will es nicht“. Aus dieser Diskrepanz heraus war zu erwarten, dass es Kräfte gibt, die dagegen sind. Gewünscht habe ich mir immer eine objektivere Sicht der Öffentlichkeit als auch der Fachwelt, um die Chance zu erkennen, die unsere Arbeit im Marienheim eröffnet. Nämlich durch entsprechende Förderung der Betroffenen einen enormen Beitrag zur Rehabilitation und zur Vermeidung von Leid zu leisten.

- Beim Bürgerentscheid stimmte eine deutliche Mehrheit für den Neubau. Mit der AWO steht der neue Träger bereit, im Herbst sollen die Bagger rollen. Sie werden beim Spatenstich nicht mehr dabei sein. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, das Marienheim gerade jetzt zu verlassen?

Spätestens als mich meine Töchter damit konfrontiert haben, dass ich dabei bin, meiner Gesundheit und meiner Familie zu schaden, war klar, dass sich etwas ändern muss.

Franz Straif

Zuerst einmal, die Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen, weil ich mich im Laufe der Jahre natürlich mit der Einrichtung identifiziert und viel Herzblut hineingesteckt habe. Ausschlaggebend war der Substanzverlust und Verschleiß, der über die Jahre entstanden ist, und der zuletzt beschleunigt wurde durch die kräftezehrende Auseinandersetzung auf politischer Ebene, den Existenzkampf und den Dauerstress durch Corona. Spätestens als mich meine Töchter damit konfrontiert haben, dass ich dabei bin, meiner Gesundheit und meiner Familie zu schaden, war klar, dass sich etwas ändern muss.

- Wann ist Ihr Entschluss gefallen?

Am 7.7.2020. Das weiß ich deshalb so genau, weil an dem Tag mein hohes Fieber nachließ, an dem ich infolge eines stressbedingten Infekts gelitten hatte. Da wusste ich, ich muss nachhaltig etwas ändern, um einen Burnout zu vermeiden.

- Im Januar haben Sie die Mitarbeiter über Ihren bevorstehenden Abschied informiert. Wie waren die Reaktionen?

Es war ein schlimmer Tag für mich und fühlte sich so an, als würde ein Vater seiner Familie mitteilen, dass er sie verlassen würde.

Franz Straif

Die Erschütterung war groß, es gab viele Tränen. Es war ein schlimmer Tag für mich und fühlte sich so an, als würde ein Vater seiner Familie mitteilen, dass er sie verlassen würde. Aber es gab viele gute Wünsche, dass ich auf mich achten sollte. Die Verbundenheit wird bleiben, ich verschwinde nicht ganz von der Bildfläche, sondern werde die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen.

- Sie haben den großen Stress angesprochen. Sich für ein besseres Marienheim einsetzen hieß auch, an allen Fronten zu kämpfen.

Es ist ein unauflösbares Spannungsfeld gewesen. Die Unternehmenspolitik des Marienheims war auf gute Zahlen ausgerichtet, das war mein expliziter Auftrag. Gewinne erwirtschaften ließ sich nicht vereinbaren mit dem Anspruch, die Qualität zu erhöhen. Dazu kam der Bezirk, der als Kostenträger sehr auf der Bremse stand. Rückblickend sind wir lange Zeit weit im roten Bereich unterwegs gewesen, um trotz knapper Ressourcen unsere selbst gesteckten Qualitätsziele zu erreichen. Das war viel Kräfteverschleiß auf allen Ebenen. Dass wir immer noch unterwegs sind, ist ein kleines Wunder.

- Das neue Marienheim soll eine Vorzeigeeinrichtung werden, die vieles von dem erfüllt, wofür Sie in den vergangenen Jahren gekämpft haben. Hat dies bei Ihrer Entscheidung, zu gehen, keine Rolle gespielt?

Es erfordert schon die Kunst des Loslassens, zu gehen, wenn der Ertrag für all die Mühe der vergangenen 14 Jahre endlich fällig zu sein scheint. Im Endeffekt aber überwiegt die Freude, dass jetzt für all die Menschen und Wegbegleiter, die ich liebgewonnen habe, so eine gute Perspektive entstanden ist. Für mich beginnt jetzt ein neues Abenteuer.

- In der Tat. Sie werden als Einrichtungsleiter helfen, die neue Jugendhilfeeinrichtung Therapiehaus „Lindenhof“ in Steingaden aufzubauen. Wie kam es dazu?

Um ganz aufzuhören, fühle ich mich viel zu jung.

Franz Straif

Einer der Faktoren, die zum Erfolg des Marienheims beigetragen haben, war das Engagement von Psychiater Dr. Andreas Wöller. Er wiederum war so beeindruckt von der Kultur des Miteinanderumgehens im Marienheim, dass er mir die Stelle in seiner neuen Einrichtung in Steingaden ans Herz gelegt hat. Dazu kam, dass das Therapiehaus einen Bereich abdeckt, der eine viel höhere Akzeptanz genießt, nämlich junge Menschen wieder auf den richtigen Weg zu bringen. All das hat für mich den Reiz ausgemacht, mit 62 Jahren noch mal ein neues Abenteuer zu wagen. Um ganz aufzuhören, fühle ich mich viel zu jung.

- Ihre Frau hat dabei auch eine Rolle gespielt.

Ja, sie übernimmt bekanntlich wie schon im Marienheim die Geschäftsführung der Einrichtung. Die vergangenen sechs Jahre gemeinsam als Abenteuer zu erleben, war sehr befruchtend und inspirierend und hat unsere Beziehung sehr bereichert. Da ist es eine schöne Perspektive, auch das nächste Kapitel zusammen aufzuschlagen.

- Ihre Nachfolge im Marienheim ist bereits geregelt, neuer Einrichtungsleiter wird Ihr bisheriger Stellvertreter Jörg Reiprich.

Jörg verfügt über eine enorme Expertise und Erfahrung. Ich mag ihn menschlich sehr gern und deshalb freut es mich umso mehr, dass ich mein Vermächtnis an ihn übergeben darf. Dort ist es in guten Händen.

- Was werden Sie am meisten vermissen?

Jörg als Kollegen mit seinen Blödeleien, aber natürlich nicht nur ihn, sondern das ganze Team. Wir sind bildlich gesprochen auf ner alten Fregatte unterwegs gewesen, die eigentlich nicht mehr seetüchtig war. Gemeinsam haben wir viele Stürme und Kämpfe überstanden. Dass ich Kapitän von solch einer loyalen Mannschaft sein durfte, das war großartig.

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