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Direktor Wilfried Knorr und Vorstand Hans Rock auf der Baustelle der „Casa Verde“ – eines von vielen aktuellen Bauprojekten in Herzogsägmühle.

Jahresgespräch in Herzogsägmühle

Gemeinwohl, gute Zahlen und viele Projekte

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Auf ein außergewöhnliches Jahr 2016 blickt das Diakoniedorf Herzogsägmühle zurück – und das in mehrfacher Hinsicht. Entsprechend zufrieden zeigte sich Direktor Wilfried Knorr am Montag beim Jahresgespräch. Doch die Herausforderungen bleiben groß.

Herzogsägmühle – Der Termin für das Jahresgespräch war ungewöhnlich, schließlich liegt 2016 schon einige Monate zurück. „Wir wollten warten, bis die Zertifizierung durch ist“, erklärte Pressesprecherin Sabine Keyser die späte Zusammenkunft. Zertifizierung, damit war die Überprüfung des Gemeinwohlberichts gemeint, den das Diakoniedorf 2016 erstmals erstellt hatte. Im März fand der sogenannte Audit statt, seit Sommer liegt die erste Gemeinwohlbilanz vor. Für Wilfried Knorr „ein ganz entscheidender Schritt“.

Der Direktor gilt als Verfechter der Gemeinwohl-Ökonomie. Das alternative Wirtschaftsmodell ist ein Gegenentwurf zum rein nach finanziellem Gewinn ausgerichteten System, indem es Werte wie Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz mit berücksichtigt. Wie gut ein Unternehmen die Kriterien erfüllt, zeigt sich in der Gemeinwohlbilanz.

Herzogsägmühle ist bundesweit die erste Diakonie-Einrichtung, die den Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie bis hierhin verfolgt hat. „Wir sind das Pionierunternehmen“, sagte Knorr. 428 Punkte weist die erste Bilanz für das Diakoniedorf aus, maximal gibt es 1000 zu vergeben. Viel wichtiger als der nackte Zahlenwert sei jedoch der Prozess, den man angestoßen habe, betonte der Direktor. „Wir wollen die Bilanz nicht als Feigenblatt, sondern tatsächlich etwas ändern.“

Das beginne bei einfachen Dingen wie dem Verzicht auf Coffee-to-go-Pappbecher, über die E-Mobilität bis hin zu großen Projekten wie der Installation von Batteriespeichern, um Energiespitzen mit eigenem Strom abfedern zu können. Spannend sei dabei auch die Frage, inwieweit die Kostenträger den Weg mitgehen werden, so der Direktor. „Dürfen wir beispielsweise mehr Geld für Essen ausgeben, wenn wir es regional einkaufen?“ Besonders freut ihn, dass die Mitarbeiter hinter dem Projekt stehen. „Die sind mit Begeisterung dabei.“

Der Gemeinwohlökonomie prophezeit Knorr nicht nur in der Diakonie eine größere Rolle, auch bundesweit werde sie an Dynamik gewinnen. Bislang habe die Politik rein marktwirtschaftlich gedacht, jetzt stelle sich zunehmend die Frage, wie ressourcenschonend produziert werden könne oder wie man es schaffe, dass die Belegschaft gesund zur Rente komme. „Die soziale Marktwirtschaft leistet das nicht mehr.“

Noch freilich stehen auch für das Diakoniedorf die betriebswirtschaftlichen Zahlen im Vordergrund. Und die übertrafen 2016 alle Erwartungen, wie Hans Rock, Vorstand der Inneren Mission München und Herzogsägmühle, erklärte. Das Wirtschaftsvolumen lag im abgelaufenen Jahr bei 91,3 Millionen Euro. Die Rendite belief sich auf über zwei Millionen Euro, ein außergewöhnlicher Wert, den Rock vor allem auf große Spenden und Sondereffekte zurückführte. 2017 rechne man mit einem deutlich gedämpfteren Ergebnis.

Der Vorstand ging auch auf die vielen laufenden Bauprojekte ein, die teils noch heuer abgeschlossen werden. Das gilt für den zweiten Bauabschnitt am Lindenhof, wo anschließend die Renovierung des Haupthauses starten soll. 70 Prozent des insgesamt 6,5 Millionen Euro-Projekts seien damit abgewickelt, so Rock. Ebenfalls vor der Vollendung steht das Apartmenthaus für Menschen mit psychischer Erkrankung in der Münchener Straße in Peiting. Auch die „Casa Verde“ mit 21 Wohnungen für anerkannte Asylbewerber und Räumen für die Gärtnerei soll noch heuer bezogen werden.

Weitere Großprojekte befinden sich in der Planung. Dazu zählt die neue, 5,6 Millionen Euro teure Zentralküche für 1000 Essen, die bis 2019 östlich vom MühlenMarkt entstehen soll. Vorangetrieben wird außerdem ein Neubau für die Suchthilfe am Haus Obland mit 21 Apartments. Neben der Halle der i+s Pfaffenwinkel in Peiting soll mit dem Neubau der Mechanischen Werkstatt das erste Ausbildungszentrum außerhalb des Diakoniedorfs entstehen. Unbedingt in Angriff nehmen möchte Rock die Schaffung von Wohnplätzen für schwer und mehrfach behinderte Menschen. Der Bedarf übersteige das Angebot deutlich.

Doch Gemeinwohlökonomie und Bauvorhaben sind nicht die einzigen Herausforderungen, denen sich die Verantwortlichen in den nächsten Jahren gegenübersehen. Das neue Bundesteilhabegesetz und die kommende Reform der Kinder- und Jugendhilfe hätten direkte Auswirkungen auf die Arbeit und das Angebot im Dorf, so Knorr. Strukturelle Anpassungen seien unabdingbar.

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