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Wechselvolle Geschichte: Im Dritten Reich diente das Haus als HJ-Heim und Stammlager des Reichsarbeitsdienstes. Auf dem sind Uniformträger vor der Abfahrt nach Nürnberg zu sehen.

Wechselvolle Geschichte

Das M32 in Peiting: Vom HJ-Heim zur Musikkneipe

Die Bauvoranfrage zur Errichtung von zwei Mehrfamilienhäusern mit Gewerbeeinheiten und Tiefgarage an Stelle des M32 löste bei vielen Peitingern wehmütige Erinnerungen aus. Ein Rückblick auf die wechselvolle Geschichte des Hauses. 

Peiting – Für den Sprecher der Peitinger Heimatfreunde, Franz Bleichner, war die Erforschung der Geschichte des dominanten Hauses am Nordbahnhof ein Herzensanliegen. Schließlich lernte er dort in der Flüchtlingsunterkunft nach dem Zweiten Weltkrieg viele Freunde kennen, arbeitete danach im Eulitwerk Staude und war beim Verkauf 1987 an Klaus Gräper mit eingebunden.

Ursprünglich stand dort ein Stadel

Ursprünglich stand auf dem Grundstück bei der „Eiselemühle“ ein landwirtschaftlicher Stadel mit Stall (Haus Nr. 149 ¼ und 149 1/5), 1896 im Besitz von Georg Bader. Der Ökonom und Holzhändler stammte aus dem Haus Bachstraße 3, wie Ernst Merk ermittelte. Bader erwarb unter anderem auch die Anwesen Müllerstraße 24 (1896) und den „Neuwirt“ an der Schongauer Straße 28 (1905). Sein Gesuch um Genehmigung des Baues einer Gastwirtschaft am Bahnhof Peiting-Nord lehnte der Gemeinderat 1919 ab. Hingegen wurde gegen den Einbau von Wohnräumen in den Ökonomiestadel (Haus Nr. 149 ¼) in 1920 keine Einwände erhoben.

Mit dem Umbau von Stadel und Stall zu einer Holzstabgewebe- und Mattenfabrik erhielt das Gebäude Münchner Str. 32 1922 sein heutiges Gesicht. Die GmbH von Wiedemann, Messing und Hoschke florierte zunächst gut, ging aber 1932 in Konkurs. Im Jahr 1933 kaufte die Gemeinde das Anwesen. Es diente als Lager des Reichsarbeitsdienstes und wurde zum HJ-Heim mit einer Dienstwohnung für den Hausmeister umgebaut. Im Nebengebäude waren während des Krieges 20 gefangene Serben untergebracht, die in der Landwirtschaft arbeiteten. Ebenso befand sich dort eine Webstube der Bauernschaft.

Nach dem Krieg wurden die Räumlichkeiten als Unterkunft für die mit dem Zug ankommenden Heimatvertriebenen genutzt. Heimatforscher Franz Bleichner erinnert sich noch gut: „In den fünf Sälen fanden jeweils 60 Personen eine erste Bleibe.“ Die Sudetendeutschen stehen nicht zuletzt dank der 1986/1987 errichteten Gedenkkapelle „Maria Kulm“ auf dem Kalvarienberg für die Opfer der Vertreibung in einer besonderen Verbindung zu Peiting. 

Auch erwarb der vor Pfingsten im Alter von 95 Jahren verstorbene Unternehmer Heinz Staude eine „Grulicher Kastenkrippe“, die seit 1995 im Museum im Klösterle steht. Das Eulitwerk Staude selbst ist gleichsam Zeugnis für den wirtschaftlichen Aufschwung Peitings. Die Produktion der Bandfabrik begann 1951 in der Münchner Straße 32 und 34. Als die Räumlichkeiten nicht mehr gebraucht wurden – der Betrieb hat jetzt seinen Standort an der Kapellenstraße – ging der Besitz an Klaus Gräper über.

Erfolgreiche Zeit als Musikkneipe

Gräper wollte erst ein Nachtlokal errichten, erinnert sich ein Nachbar. Da dies nicht genehmigt wurde, entstand eine gemischte Nutzung mit Wohnungen und Gewerbe. Besser gesagt eine Kulturszene mit Existenzgründercharakter. So schufen neben der Musikkneipe junge Künstler wie Marinus Wirtl, Andrea Kreipe, Richard Gruber und Christian Mayer (Künstlername „Tobin“). Mayer war der Erfinder der Kinetischen Steinskulptur und schuf den weltweit ersten Kugelbrunnen für München im Jahr 1983. 

Mario Bove betrieb im „M 32“ seine erste Pizzeria und auch Christian Breidenbach und das Architekturbüro Brems + Asanger starteten dort. Seine erfolgreichste Zeit hatte die Musikkneipe unter Sepp Erhard. Doch die Kneipenszene in Peiting änderte sich. Die Kulturszene ist heute breit aufgestellt. Seit acht Jahren gibt es Kabaretts, Bandauftritte und Bayerische Abende im Eggerstadel. Mit der Schlossberghalle hat die Gemeinde selbst einen Trumpf und dazu gibt es den Grünen Salon sowie mehrere Säle und Veranstaltungsräume.

Klaus Gräper – heute auf Sardinien lebend – suchte bis 2017 nach einem Nachfolger für das Objekt „M 32“ in Peiting. Das Nebengebäude wurde bereits im Jahr 2012 abgebrochen.

VON GERHARD HEISS

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