Extra einen Hochglanzprospekt hatte Bürgermeister Peter Ostenrieder für die Gemeinderatssitzung anfertigen lassen, um sein Transport-Konzept vorzustellen.
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Extra einen Hochglanzprospekt hatte Bürgermeister Peter Ostenrieder für die Gemeinderatssitzung anfertigen lassen, um sein Transport-Konzept vorzustellen.

Zweijähriger Testlauf beschlossen

Mit dem „Peitingmobil“ kostenlos im Ort ans Ziel: Gemeinderat gibt grünes Licht für Pilotprojekt

  • Christoph Peters
    VonChristoph Peters
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Es ist ein bayernweit einmaliges Projekt: Drei Rufmobile sollen Peitinger Bürger ab kommendem Jahr auf Wunsch innerörtlich von A nach B bringen und das sogar kostenlos.

Peiting – In Wirtschaftskreisen wird gern über „the next big thing“ geredet, also das nächste große Ding, wenn es um die Vorstellung eines neuen Produkts geht, das die Welt ein Stück besser machen soll. Peitings Bürgermeister Peter Ostenrieder nutzte die Formulierung am Dienstag zwar nicht, gepasst hätte sie aus seiner Sicht aber wohl allemal. Denn schließlich soll das Konzept, das der Rathauschef an diesem Abend den Gemeinderäten vorstellte, nichts weniger als den Nahverkehr im Ort revolutionieren.

Schon Anfang April hatte Ostenrieder im Gespräch mit der Heimatzeitung erste Einblicke in sein Vorhaben eines individuellen Transportsystems gegeben, für das er schon im zurückliegenden Kommunalwahlkampf geworben hatte. Nun galt es den Gemeinderat von seiner Idee zu überzeugen. Seit Jahren diskutierte man darüber, wie man den zunehmenden Autoverkehr in den Griff bekommen könne, sagte Ostenrieder. Schon öfter habe man versucht, den öffentlichen Nahverkehr als Alternative zu stärken, doch sowohl der längst wieder eingestellte Ortsbus als auch vergünstigte Angebote wie das Ammer-Lech-Land-Ticket seien kaum angenommen worden, erinnerte er. Dabei wäre ein besseres ÖPNV-Angebot definitiv angezeigt, schließlich seien die Wege in der flächengrößten Gemeinde im Landkreis sehr weit, so Ostenrieder. Dazu komme der demografische Wandel, schon jetzt sei ein Drittel der Peitinger Bevölkerung über 60 Jahre alt.

Das System funktioniert ohne festen Fahrplan und Haltestellen

Das Problem betrifft laut dem Bürgermeister vor allem die „letzte Meile“ bis zur eigenen Wohnung. „Bevor jemand 500 Meter zur nächsten Haltestelle geht, setzt er sich lieber gleich selbst ins Auto.“ Genau hier setzt Ostenrieders Nahverkehrslösung an, die wie folgt aussieht: Die Gemeinde least drei Elektro-Autos und stellt entsprechend Fahrer für sie ein. Diese drehen dann von Montag bis Freitag zwischen 8 und 17 Uhr ihre Runden durch den Ort. Feste Haltestellen gibt es nicht. Wer mitfahren möchte, hält entweder ein Fahrzeug an oder ruft ein „Peitingmobil“ über eine zentrale Rufnummer herbei. Alternativ sollen die Mobile auch an stark frequentierten Orten wie dem Rathaus oder den Bahnhöfen anzutreffen sein. „Es soll ein möglichst niederschwelliges Angebot sein, ohne Apps. Wer anruft, spricht direkt mit dem Fahrer und klärt mit ihm die gewünschte Route wie mit einem guten Freund“, erklärte der Rathauschef.

Die Nutzung des Angebots ist für die Bürger kostenlos

Der Clou: Der Fahrgast braucht für den Service nichts zu bezahlen. Dadurch, dass das Angebot kostenlos sei und man keinen Dienstleister im Boot habe, unterliege man nicht dem Personenbeförderungsgesetz, was eine Reihe von Vorteilen mit sich bringe. Bedingung allerdings sei, dass die Fahrzeuge nur im Ortsgebiet unterwegs sein dürfen, wies Ostenrieder hin. Dadurch trete man auch nicht in Konkurrenz zu Taxis, die kaum für innerörtliche Fahrten in Anspruch genommen würden. Auch die Ortsteile Herzogsägmühle und Birkland sollen eingebunden werden – wie genau, ist noch offen.

Für die zweijährige Testphase sind 400.000 Euro veranschlagt

Die Kosten für den angedachten zweijährigen Probebetrieb bezifferte Ostenrieder auf rund 400.000 Euro. Größter Posten sind dabei die Personalkosten, die sich pro Fahrzeug für fünf bis sieben Minijobber als Fahrer auf rund 50.000 Euro pro Jahr belaufen. Dazu kommen Ausgaben für die Infrastruktur wie etwa die benötigten Ladestationen und das Leasing der Elektro-Autos selbst, mit deren Wahl man ein klares Signal setze, so Ostenrieder.

Allerdings könnte sich der finanzielle Aufwand für die Gemeinde um die Hälfte reduzieren, sollte es mit der angestrebten Förderung durch den Freistaat klappen. Sowohl die Regierung von Oberbayern als auch das Verkehrsministerium stünden dem Pilotprojekt jedenfalls positiv gegenüber, zeigte sich der Rathauschef optimistisch. Auch der Landkreis als Träger des ÖPNV begrüße das Vorhaben.

„Wir haben durch das Angebot die Chance, den innerörtlichen Verkehr extrem zu reduzieren“, warb Ostenrieder zum Schluss seines Vortrags eindringlich um Zustimmung für sein „Herzensprojekt“. Mit Erfolg: Die große Mehrheit der Gemeinderäte zeigte sich mehr als angetan vom vorgestellten Konzept. Franz Seidel (BVP) lobte das Transportsystem, das ohne feste Haltestellen und Linien auskomme und sich so spontan und flexibel nutzen lasse.

Auch Herbert Salzmann (SPD) und Günter Franz (Grüne) sprachen von einem „innovativen Projekt“, das man ausprobieren solle. Zwei Wermutstropfen gab es aber aus Sicht des Grünen-Rats. Der eine betraf die mögliche Konkurrenz zu Taxiunternehmen, die man schaffe. Der andere die Ortsteile Herzogsägmühle und Birkland, die im Konzept „ein bisschen hinten runterfallen“.

Sorge um örtliche Taxiunternehmen und hohe Kosten

Die Sorge um die örtlichen Taxler trieb auch Christian Lory um. „Wir gründen jetzt ein kleines Taxiunternehmen, das den Steuerzahler 400 000 Euro kostet“, gab der UP-Rat zu bedenken. Das sei aus seiner Sicht angesichts der vielen aktuell laufenden Projekte nicht nur zu teuer. Er habe auch mit örtlichen Taxiunternehmen gesprochen, die sich dadurch in ihrer Existenz gefährdet sähen. „Was machen wir, wenn die aufhören?“ Der UP-Rat verwies als Alternative auf Vilshofen, wo die Gemeinde für bestimmte Personengruppen für acht Taxi-Fahrten pro Monat die Hälfte der Kosten übernehme. „Die kommen mit 1500 Euro aus.“

Für den Bürgermeister ließ das freilich nur einen Schluss zu: „Das heißt für mich, kaum einer nutzt es.“ Wenn man es schaffen wolle, den ÖPNV zu stärken, „dann müssen auch die Kommunen mit in die Bütt“. Und was die Konkurrenz zu den Taxis angehe, „das Thema hätten wir auch, wenn ein Ortsbus entsprechend angenommen würde“, gab Ostenrieder zu bedenken.

Auch Salzmann wollte Lorys Argumente nicht gelten lassen. Würde man ein Busnetz entsprechend aufbauen, lägen die Kosten erheblich höher. Und niemand nutze im Ort ein Taxi, um mal schnell irgendwohin zu fahren. „Wenn man ein Haar in der Suppe sucht, dann findet man auch eins“, tat Michael Deibler Lorys Bedenken ab. Er jedenfalls sei überzeugt, dass das neue Angebot über die Testphase hinaus Bestand haben werde.

Richtig ins Schwärmen geriet Thomas Elste (Grüne). Mit dem neuen Konzept sei es möglich, den Individualverkehr zurückzufahren und gleichzeitig Flexibilität zu bewahren. Marion Gillinger (ÖDP) äußerte die Hoffnung, dass ältere Mitbürger durch das neue Angebot auf ihr eigenes Auto verzichten könnten, ohne sich in ihrer Mobilität einzuschränken. Doch auch für Jüngere seien die Rufmobile eine tolle Sache, fand Hermann Mödl (BVP). Sollte es gut angenommen werden, könnte man vielleicht auf das geplante Parkdeck im Ortszentrum verzichten. „Dann sparen wir uns die 400 000 Euro wieder ein.“

Gegen zwei Stimmen gab der Gemeinderat am Ende grünes Licht für den zweijährigen Testlauf.

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