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Mit Freudentränen zur Einkaufsfahrt: So lief der erste Tag mit dem Peitingmobil

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Von: Barbara Schlotterer-Fuchs

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Martin Lutzenberger holte die Kollegin für den Heimweg wieder ab.
Martin Lutzenberger holte die Kollegin für den Heimweg wieder ab. © Hans-Helmut Herold

Premiere für das „Bürger-Mobil“: Seit Montag bringt die Marktgemeinde Peiting als landkreisweites Pilot-Projekt Bürger von A nach B – zum Nulltarif. Wir haben es getestet.

Peiting – Was bekommen Peitings Bürger für ihr Geld eigentlich in Sachen Bürger-Mobil? Wir wollen es gleich am ersten Tag schon wissen. 599 599 ist die Nummer. Wir rufen an. Mal klingelt es durch auf der Hotline, mal nicht. Kurz darauf stellt sich heraus: technische Probleme am ersten Tag. Nur fünf Minuten später steht es vor der Haustür, das Bürger-Mobil. Am Steuer: Lydia Meßmer (55) aus Schwabsoien. Ich will – als Peitinger Bürgerin – für meinen Hund Joschi ein Wienerle bei der Metzgerei Schmaußer holen. Die erste Herausforderung: Das kleine schwarze Wollknäuel habe ich direkt auf dem Arm. Darf das Zamperl jetzt mit?

Eigentlich, erklärt Lydia Meßmer ganz lieb, geht das so nicht. „Nicht dass der Hund an die Scheibe fliegt, wenn ich mal bremsen muss, oder er beißt.“ Joschi beißt nicht, trotzdem leuchtet uns das Ganze ein. Hunde dürfen nur in einer Hundebox mit ins neue Bürger-Mobil. Sicher ist nun mal sicher. Daheim bleiben, muss Joschi trotzdem nicht. Ausnahmsweise darf er im Einkaufskorb mit auf Tour.

Ans Navi muss sich die Fahrerin noch gewöhnen

Damit wir unsere Jungfernfahrt für die Leser im Bild festhalten können, fährt auf dem Rücksitz Fotograf Hans-Helmut Herold mit. Alleine: Weil ich schon vorne sitze, lässt sich die hintere Tür nicht öffnen. Das geht bei diesem Mazda-E-Mobil nur, wenn vorne noch keiner sitzt. Joschi und ich müssen also nochmal raus, Lydia Meßmer öffnet hinten. „Ja, das ist ein bisschen neumodisch“, räumt sie ein.

Schon während der kurzen Fahrt durch Peiting erfahren wir so einiges über die Neu-Taxlerin Lydia. Ihren Büro-Job hat sie für das Bürgermobil an den Nagel gehängt. „Ich wollt’ schon immer mal was anderes machen und das hier passt total zu mir – wie die Faust aufs Auge.“ Kontaktfreudig und hilfsbereit ist Meßmer zweifelsohne. „Und ich fahr’ doch so gern Auto“, verrät sie. Beim durch den Ort lotsen helfen wir ihr noch ein bisschen. Den Dreh mit dem Navi kann sie freilich am ersten Tag noch nicht ganz raus haben. „Und außerdem bin ich doch so aufgeregt.“

Angst davor, dass auch schräge Typen neben ihr im Bürger-Mobil Platz nehmen könnten, hat sie nicht. Sie rechnet vor allem mit Senioren, die sie zum Arzt oder zum Einkaufen fährt.

Gemeinsam mit dem Hund geht‘s zum Metzger

Und wenn ich mittags bei ihr mitfahren will, schon deutlich was gebechert habe und von ihr zur Tanke gefahren werden will? „Wir sollen da nach Bauchgefühl entscheiden“, erklärt sie. Jemandem die Fahrt verwehren, das weiß sie freilich bereits jetzt: „Das ist bestimmt gar nicht so einfach.“ Aber wir sind ja friedlich.

Endstation Metzgerei Schmaußer. Joschi bekommt sein Wienerle. Hier wird das neue Bürger-Mobil von der ganzen Belegschaft bestaunt. Warten, bis der Einkauf erledigt ist, darf Lydia Meßmer nicht. Wer nach einem Einkauf wieder nach Hause möchte, ruft nochmal an und wird geholt, so das Prinzip. Nur so können die insgesamt zwei Bürger-Mobile, die montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr (vormittags zeitgleich) ausschließlich im Ortsgebiet unterwegs sind, permanent im Ort rotieren. Wer anruft, wird innerhalb von gut fünf Minuten abgeholt. Vorbestellt werden kann das Bürger-Mobil nicht. Dafür werden auch winkende Fahrgäste am Fahrbahnrand aufgelesen – und wenn’s sein muss, auch in abgelegene Peitinger Riedschaften gefahren.

Für den Rückweg steigen wir bei Martin Lutzenberger (43) ein. Er ist der Vollzeit-Peiting-Mobil-Fahrer, ein waschechter Vollblut-Peitinger, der bereits jetzt mit Herzblut hinter dem Projekt steht, das im Landkreis seinesgleichen sucht. „Das ist eine gute Sache für Peiting“, erklärt er voller Inbrunst. Die Bestätigung hat er bereits bei seiner ersten Fahrt an diesem Vormittag bekommen. Eine ältere Dame aus Peiting hat er zum Einkaufen zum V-Markt gefahren. „Die war überglücklich, hatte Tränen in den Augen und sich tausend mal bei mir und bei der Gemeinde bedankt.“

Jede Fahrt wird aufgezeichnet

Während der kurzen Fahrt hat ihm die Dame erzählt, dass sie nicht mehr Auto fahre und deshalb nicht mehr zum Einkaufen komme. Aber sie hat auch erzählt, dass sie bis zuletzt Hemmungen hatte, bei der Bürger-Mobil-Nummer anzurufen. „Die Frau konnte es nicht glauben, dass das wirklich kostenlos ist. Und sie hatte Bedenken, ob wir wirklich freundlich sind.“ Das jedenfalls steht nicht nur im Fall Martin Lutzenberger außer Frage. Wenn die Dame jetzt nochmal anruft und mit einem Getränke-Tragerl dasteht? „Dann lade ich ihr das natürlich ein und aus.“

Da kommt gleich die ganze Belegschaft: Die erste Fahrt des Peitinger Bürger-Mobils führte zur Metzgerei Schmaußer
Da kommt gleich die ganze Belegschaft: Die erste Fahrt des Peitinger Bürger-Mobils führte zur Metzgerei Schmaußer, eine Testfahrt unserer Redakteurin Barbara Schlotterer-Fuchs. Rechts hat sich fürs Bild dazugestellt Fahrerin Lydia Meßmer. © Hans-Helmut Herold

Fest steht: Die zwei Peiting-Mobil-Fahrer, die wir gestern am ersten Tag kennenlernen durften, sind jedenfalls so nett, dass wir sie am liebsten noch auf einen Kaffeeklatsch zu uns nach Hause eingeladen hätten. Wenn sich das erst mal herumgesprochen hat, so sind wir sicher, wird die 599 599 in Peiting schon bald zur heißen Nummer.

Wie das Ganze sich in den zwei Jahren entwickelt: Das wird fortlaufend aufgezeichnet. Jede einzelne Fahrt wird vom Fahrer dokumentiert. Wie viele Personen sind wann wohin gefahren? Unterm Strich wird sich spätestens dann zeigen, ob die 200 000 Euro Steuergelder der Peitinger Bürger und ebensoviel Fördergelder des Freistaats in ein Projekt investiert worden sind, das Erfolgs-Geschichte geschrieben hat.

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