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Letzte Anweisungen gibt Trainer Ingo Hofschröer seinem Team vor der Partie gegen Wessobrunn. Am Ende sichert sich der SV Herzogsägmühle II mit einem 1:1 einen Punkt im Kellerduell.

Besonderes Integrationsprojekt

Asylbewerber kicken für den SV Herzogsägmühle: Wie Fußball Welten verbindet

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Weit weg von ihrem Zuhause haben Flüchtlinge beim SV Herzogsägmühle eine sportliche Heimat gefunden. Ein Bericht über ein besonderes Integrations-Projekt, bei dem der Erfolg auf dem Platz nur ein Nebenaspekt ist.

Herzogsägmühle – „Sport verbindet Menschen“, hat mal jemand behauptet. Wer einen Beweis für die Gültigkeit dieser auf den ersten Blick banal scheinenden Weisheit sucht, der muss nur den Fußballplatz des SV Herzogsägmühle besuchen. Es ist Donnerstagabend, noch ist das Flutlicht aus. Das Spiel der zweiten Mannschaft gegen Wessobrunn beginnt erst in einer Stunde. Es ist das Duell des Vorletzten gegen den Letzten in der untersten Spielklasse. Vor dem Sportheim haben sich dennoch schon die ersten Spieler versammelt. Der Herbstwind pfeift, die jungen Männer sind dick eingepackt, haben die Hände in den Taschen ihrer Jacken versenkt. Aus einem Handy scheppert Musik. Man scherzt, auf Deutsch, auf Englisch. Manchmal auch in der eigenen Muttersprache. Denn von hier sind die wenigsten. „Wir haben mal scherzhaft die Nationalitäten unserer Spieler gezählt und sind auf 35 gekommen“, sagt Trainer Ingo Hofschröer und lacht.

Noch einmal einschwören, dann geht’s los: Zusammenhalt wird beim SV Herzogsägmühle groß geschrieben.

Alles beginnt vor vier Jahren, als die große Flüchtlingswelle nach Deutschland schwappt. John Edward Schulz, Teilbereichsleiter des Herzogsägmühler Fachbereichs „Menschen in besonderen Lebenslagen“, bekommt als Helfer am Münchner Hauptbahnhof die Notlagen hautnah mit. Ihm ist klar: Nur die Grundbedürfnisse zu befriedigen, reicht auf Dauer nicht, um das Ankommen zu erleichtern. Zuhause fasst sich Schulz ein Herz. Er klappert die Asylunterkünfte in der Umgebung ab, fragt, wer Lust hat, Fußball zu spielen. Sport als Ablenkung vom oft trostlosen Alltag, das ist das Angebot, das Schulz macht. 

Neben der Berufsschule in Schongau findet das erste Training statt

Die Resonanz ist groß, am Trainingsplatz bei der Schongauer Berufsschule wird ab September 2015 einmal wöchentlich gekickt. Doch die Anfänge seien schwierig gewesen, erinnert sich Sepp Bücherl, der das Projekt seit Beginn als Trainer begleitet. Syrer, Afghanen, Eritreer: Die Skepsis und Vorbehalte der einzelnen Gruppen untereinander ist groß, die Ehrenamtlichen haben alle Hände voll zu tun, um Reibereien und Meinungsverschiedenheiten zu schlichten. Doch die Gruppe rauft sich zusammen. Bei Freundschaftsturnieren in ganz Bayern trumpft die Mannschaft groß auf, oft gewinnt sie. „Da ist ein richtiges Team entstanden.“

Doch es gibt auch Rückschläge. Versuche, Spieler in Vereine der Region zu integrieren, scheitern. So reift schließlich 2017 die Idee, dem ganzen Team ein neues Zuhause zu geben – beim SV Herzogsägmühle. „Wir mussten natürlich erstmal überlegen, ob wir das überhaupt stemmen können“, sagt Hofschröer im warmen Sportheim. Der Reichlinger, der seit 20 Jahren im Diakoniedorf arbeitet, hatte die einzige Mannschaft des Vereins erst zwei Jahre zuvor übernommen. Seine Spieler sind Hilfeberechtigte und Mitarbeiter, der Erfolg bescheiden, aber auch nicht entscheidend – der Spaß am Fußball steht im Vordergrund. 

Und nun kommen auf einmal 20 junge Männer hinzu, talentiert, ehrgeizig, für die Fußball die einzige Ablenkung in einem fremden Land ist. Ein Spagat. Doch er glückt. Erstmals in seiner Geschichte schickt der SVH in der vergangenen Saison zwei Mannschaften ins Rennen, die erste ist so gut, dass sie auf Anhieb den Aufstieg in die B-Klasse schafft.

Von den Gegnern werden die Überflieger aus Herzogsägmühle in der Hinrunde skeptisch beäugt, es gibt auch unschöne Szenen, Beschimpfungen. Einmal steht eine Partie sogar kurz vor dem Abbruch. Hofschröer spricht viel mit den anderen Vereinsverantwortlichen, erklärt das Projekt. In der Rückrunde ist die Akzeptanz für die Herzogsägmühler Kicker schon deutlich größer.

Ein Fahrdienst holt die  Spieler aus ihren Unterkünften ab

Mancher Verein streckt sogar die Fühler nach den begabten Technikern aus, doch das Werben endet meist abrupt wenn sie erfahren, welcher Aufwand damit verbunden ist. Denn viele der Spieler wohnen in den großen Flüchtlingsunterkünften in Rottenbuch, Altenstadt und Schongau, sie müssen zum Training und Spiel abgeholt und danach wieder zurückgebracht werden. Herzogsägmühle stellt dafür den Transportdienst zur Verfügung, manchmal sammeln auch die Trainer die Spieler ein. Der sportliche Erfolg, so schön er auch ist, er steht für die Verantwortlichen nicht im Vordergrund.

Während draußen auf dem Platz das Flutlicht angegangen ist und sich die Spieler warm machen, erzählt Hofschröer von der anderen Seite seiner Arbeit. Wenn Spieler über Nacht verschwinden, weil sie fürchten, abgeschoben zu werden. Wenn ein Schützling wochenlang nicht im Training auftaucht, weil er erfahren hat, dass sein Bruder in Afghanistan bei einem Anschlag ums Leben gekommen ist. Oder wenn die Sorge vor dem Gespräch mit der Behörde die Beine lähmt.

Nach dem Training sitzen Trainer und Spieler oft zusammen, erzählen. Gesprochen wird Deutsch, nur im Notfall Englisch, Sprachkurs im Alltag sozusagen. Von vielen kennt Hofschröer die Fluchtgeschichte, weiß Bescheid über die Einzelschicksale. So wie jenes von Precious Agamwonyi.

Verfolgten die Partie als Zuschauer: Waheed Eshagh, Yusuf Kamara, Precious Agamwonyi und Hassan Bah (v.l.).

Mit schwarzer Basecap auf dem Kopf und Rucksack auf dem Rücken, steht der 25-Jährige vor dem Sportheim. Vor vier Jahren kam der Nigerianer in Deutschland an auf der Flucht. Zuhause sei er auf dem Weg zum Fußballprofi gewesen, erzählt er. Die große Karriere ist nach einer schweren Knieverletzung vorbei, die Leidenschaft für das Spiel aber geblieben. Das Team, sagt Agamwonyi, sei ihm sehr wichtig, „es ist wie eine Familie“.

Als Spielertrainer der ersten Mannschaft ist der 25-Jährige heute nur zum Zuschauen gekommen. Der Sport habe ihm in den vergangenen vier Jahren viel geholfen. „Man vergisst für den Moment seine Probleme.“ Die Ungewissheit der eigenen Zukunft, das lange Warten auf die Behörden. Seit kurzem darf Agamwonyi arbeiten, stolz zeigt er auf das Emblem seines Arbeitgebers auf der Jacke, die er trägt.

Mit drei Mitspielern nimmt der 25-Jährige auf einer Zuschauerbank Platz, es ist mittlerweile dunkel geworden. Über den Platz gellen die Kommandos der Trainer, nicht immer können die Spieler sie umsetzen. Der erhoffte Sieg, er bleibt am Ende aus. 1:1, ein Punkt, besser als nichts. Traurig ist dennoch keiner. Denn zumindest für 90 Minuten war die Welt völlig in Ordnung.

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