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Sie wollen sich nicht mehr mit Urkunden abspeisen lassen , sondern fordern die menschenwürdige Behandlung ausländischer Mitbürger: Die Vertreter der Asylhelferkreise im Landkreis. 

Treffen in Peiting

Asylhelfer sehen sich von Politik verraten

In den Asylhelferkreisen macht sich Unmut breit. Beim „Runden Tisch Politik“, der erstmalig in Peiting stattfand, machten Vertreter aus dem ganzen Landkreis und Landsberg ihrem Ärger Luft.

Peiting Asylhelfer sind Kummer gewöhnt. Sie liefern sich Papierkriege mit Behörden, sammeln Möbel und Kleidung, geben Deutschunterricht, vermitteln Arbeitsmöglichkeiten, begleiten Arztbesuche, suchen Wohnungen und sind Ansprechpartner für alle Sorgen und Nöte ihrer Schützlinge. Das alles ehrenamtlich und in Ihrer Freizeit.

Dabei müssen sie auch ertragen, dass diese Bemühungen umsonst waren. Wenn der Betreute abgeschoben oder willkürlich umquartiert wird. Durch den bayerischen Sonderweg, was Zugang zu Integrationskursen und Arbeitsmarkt betrifft, fühlen die Helfer sich vor den Kopf gestoßen. „Alle unsere Bemühungen werden mit einem Schlag zunichte gemacht. Das ist menschenverachtend. Ich fühle mich benutzt und ausgenutzt“, brachte eine Besucherin die Gefühle der Anwesenden aus Peißenberg, Huglfing, Weilheim, Altenstadt, Rottenbuch, Wessobrunn, Landsberg und Peiting auf den Punkt.

Die Politik nehme gerne die Arbeit der freiwilligen Helfer an, ohne deren Einsatz vieles nicht funktionieren würde, ziehe ihnen aber per Gesetz die Arbeitsgrundlage unter den Füßen weg. Beim Koordinatorentreffen „Asyl im Oberland“ im Januar in Tutzing sahen sich deshalb die Ehrenamtskoordinatoren für den Landkreis, Jost Herrmann und Susanne Seeling, einer Woge der Wut und Frustration gegenüber, die sie so nicht erwartet hatten.

„Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Unterstützerkreise gut arbeiten. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, Frust loszuwerden?“, so Jost Herrmann. Auf die in Tutzing verabschiedete Resolution, die sich gegen die Aufspaltung der Asylbewerber auf die aus „sicheren“ Herkunftsländern, die mit guter Bleibeperspektive und der „Rest“ richtet, bekam er zustimmende Reaktionen von Asylhelfern aus ganz Bayern. Sein Telefon steht nicht mehr still, Anfragen von Presse und Fernsehen häufen sich.

Ein Afghane mit einem 80-Cent-Job darf plötzlich nicht mehr arbeiten

Stein des Anstoßes ist auch, dass in Bayern – anders als in anderen Bundesländern – Afghanistan immer noch als sicheres Herkunftsland gewertet wird. „Wir haben eine Familie mit fünf Kindern am Ort. Das jüngste ist im Januar hier geboren. Sie lernen fleißig deutsch, die Kinder sind im Kindergarten, der Vater hat so schnell wie möglich Arbeit angenommen. Erst einen Ein-Euro-Job, dann für 80 Cent in der Stunde“, erzählt Rosemarie Bertl aus Wessobrunn. Doch laut dem neuen Gesetz darf er eigentlich nicht mehr arbeiten.

Solche Behandlung hat nicht nur Frust und Tränen bei den Flüchtlingen zur Folge, sie hat auch Menschen, die ursprünglich nur helfen und menschlich sein wollten, dazu gebracht, politisch in Erscheinung zu treten. „ich fühle ich mich von Herrn Seehofer verraten. Da wird aus wahltaktischen Gründen am rechten Rand gefischt, die Menschen sind egal“, sprudelt es aus Gabi Zeitler heraus.

Viele Asylbewerber sind in Vereinen integriert, arbeiten in Berufen, die kaum noch einer machen will. Unbegreiflich ist es den Asylhelfern vor allem, warum junge und arbeitswillige Menschen nicht selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen dürfen, sondern von Steuergeldern leben sollen. „Die zahlen auch Steuern und Rentenbeiträge. Angesichts der Alterspyramide sollten wir hier froh um jeden jungen Menschen sein“, meint eine Anwesende.

Günter Krause ist sich sicher, dass viele Polizeieinsätze in Asylbewerberheimen vermieden werden könnten, wenn die Bewohner eine sinnvolle Beschäftigung hätten. Dass Senegalesen mittlerweile das Taschengeld, im günstigsten Fall 80 Euro, vollständig gestrichen wurde, sehen die Asylhelfer ebenfalls problematisch. Zudem wurde die Auszahlung der Unterstützung mittlerweile von der hart erkämpften Überweisung wieder auf Barauszahlung umgestellt, was gerade für Flüchtlinge in kleineren Orten ohne Kasse ein Problem darstellt.

Das waren nur einige der Themen, die in Peiting auf den „Runden Tisch Politik“ kamen. Klar war den Anwesenden, dass sie künftig öffentlichkeitswirksame Aktionen starten wollen, um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren. „Wir wollen ernst genommen werden“, sagt Herrmann.

Zum Protest

gegen den politischen Umgang mit Flüchtlingen treffen sich Unterstützer aus ganz Bayern am Samstag, 11. Februar, um 12 Uhr auf dem Moritzplatz in Augsburg.

Ursula Fröhlich

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