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Sammler und Liebhaber von Elastolin-Figuren: Reinhard Borchers präsentiert eine Gerichtsszene der Hunnen. Die Figuren sind Einzelanfertigungen und bis ins Detail per Hand bemalt.

Er stellt Alltags- und Kampfszenen nach

Besondere Sammelleidenschaft: Peitinger hat über 3000 Elastolin-Figuren

Reinhard Borchers aus Peiting hat schon als Kind Indianerfiguren gesammelt. 25 Jahre später hat er diese Leidenschaft neu entdeckt - und wurde total vom Sammel-Virus infiziert.

Peiting– Wer kennt sie nicht, die Geschichten um Winnetou und Old Shatterhand? Oder die großen Schlachten am „Little Big Horn“, wo Indianerhäuptling „Sitting Bull“ unsterblichen Ruhm erlangte? Dann gab es auch noch den Hunnenkönig „Attlia“ mit Gefolge, die Römischen Feldherrn, die Wickinger oder auch Prinz Eisenherz, der die Phantasien von vielen Buben beflügelt hat. Doch wie hängen all die Figuren der Geschichte zusammen?

Das Schlüsselwort heißt Elastolin. Es ist eine Masse aus Sägemehl, Kasein, Leim und Kaolin, aus der die begehrten Spielfiguren für die Kinderzimmer der Buben ab den 1930er-Jahren hergestellt worden sind. Für die später entwickelte Ausgangsmasse Lineol wurde dazu Leinöl und Baumharz verwendet. Vor allem Soldaten wurden damals von den Buben als Spielzeug bevorzugt. Ein Weihnachtsbaum, unter dem zum Fest keine Figuren der Preussischen Infanterie lagen, wurde nur halbherzig beachtet.

Indianerfiguren haben Reinhard Borchers aus Peiting schon als Kind fasziniert - seine Mutter war nicht begeistert

Bei Familie Borchers lief es in den 50er-Jahren etwas anders: Nicht Soldaten bildeten die Basis einer gigantischen Sammlung, es waren Indianer. Vater Wilhelm brachte seinem Sohn Reinhard aus München einige Exemplare in Originalverpackung mit. Die haben den Buben unheimlich fasziniert. Eine fremde Welt im Kinderzimmer in Peiting.

Das beflügelte die Gedanken. Kampfszenen wurden gestellt, manche Friedenspfeife geraucht. Natürlich nur in Gedanken. Die Sammlung vergrößerte sich enorm, vor allem Fest- und Geburtstage brachten Figuren-Zuwachs.

Nicht so begeistert war Mutter Martina zur Weihnachtszeit. Da hat sich gerne mal der Häuptling der Sioux mit seinen Kriegern im Weihnachtskripperl auf die Lauer gelegt. „Doch mit 13 Jahren war dann plötzlich Schluss“, erinnert sich Reinhard Borchers. Die „Rolling Stones“ sowie die holde Weiblichkeit lockten mit anderen Waffen. Aus den Friedenspfeifen wurden „Lucky Strikes“.

25 Jahre später packte den Peitinger die Sammelleidenschaft

Der Zufall wollte es, dass Reinhard 25 Jahre später ein Comic-Heft über Wickinger gefunden hat. Darin war eine Figur abgebildet, die Reinhard schon auf einem Margarine-Bildchen – damals Sammelbilder – hatte. Erinnerungen wurden wach. Plötzlich packte ihn wieder die Sammelleidenschaft.

Beruflich mittlerweile als Fotograf und Laborant in München angestellt, hatte er kurze Wege zum Spielwaren-Eldorado Obletter. Dort erwarb er nach und nach alle Standardfiguren, die der Markt zu dieser Zeit hergab. „Zirka 500 Stück waren es damals“, sagt Borchers und blickt zurück.

Der Aufmarsch römischer Legionäre ist eine der vielen Massendarstellungen in den Räumen des Sammlers.

Irgendwann ging dem Sammler die Luft aus. Er wollte vor allem Alltags- und Kampfszenen der Indianer darstellen. Aber dafür brauchte er mehr verschiedene Figuren in noch mehr verschiedenen Körperhaltungen.

Reinhard Borchers aus Peiting lässt eigens Figuren anfertigen

Durch Sammlerzeitschriften bekam er Adressen, wo er nach Abbildungen Figuren-Anfertigungen bestellen konnte. Das war für ihn ein gefundenes Fressen. Als Fotograf hatte er leichtes Spiel. „Durch meine gute Ausbildung beim Foto Bromberger in Schongau war ich meinen Münchner Kollegen um Lichtjahre voraus“, erzählt Borchers, der die Figuren aus Büchern abfotografierte und die Bilder in der Dunkelkammer bearbeitete. So schaffte er perfekte Vorlagen. „Meine vielen Irokesen habe ich aus dem ,Lederstrumpf’ abgelichtet.“ Auch alle Darstellungen mit den Hunnen und Prinz Eisenherz sind Unikate und nur bei Borchers zu sehen.

Wilde Reiter zu Pferde: Ein Gefangener wird hinter einem Pferd geschleift. Eine Anfertigung nach einer Bildvorlage.

Weit über 3000 Figuren hat Borchers in seinen Zimmern quasi zum Leben erweckt. Sie alle sind zu Szenen auf großen Platten zu bewundern. Genau bemalt wie im Original. Ein Beispiel zeigt der Sammler an seinen Hunnen-Reitern und den Kämpfern von Karthago gegen die Römer: „Je länger eine Firma einen Typen produziert hat, desto schlechter und einfacher wurde die Bemalung“, so seine Aussage. Die erste Auflage ist immer die beste, die dritte ist 08-15.

Deshalb hat Borchers von allen Figuren vor allem die Schattierungen der Haut durch einen Freund mit ruhiger Hand nachmalen lassen. Ein Perfektionist lässt grüßen. Bei vielen Darstellungen hat Borchers tief in die Tasche greifen müssen: Die Frankfurter Firma Kaus fertigt immer wieder für ihn ausgeklügelte Situationen an. Wie gesagt, es werden nur die Figuren hergestellt, die Szene und das Drumherum baut Borchers selbst. So auch „Hunnen mit Rammbock“, bei der alles detailgetreu zu sehen ist. „Das Ganze ist ein Unikat“, so Borchers.

Drei Zimmer von Borchers Wohnung in Peiting sind mit Figuren und Szenen gefüllt

Drei Zimmer seiner Wohnung in Peiting sind mit Figuren und Szenen gefüllt. Dazwischen immer wieder Regale, in denen die verschiedenen Musteranfertigungen liegen. Beeindruckend auch die Bisonjagd der Cheyenne-Indianer, bei der über 20 Indianer auf Pferden und gute 60 Bisons zu sehen sind. Die Bisons fast alle Standardware, nur unterschiedlich bemalt. Daher die Wirkung, als ob jedes Bison ein Einzelstück wäre. Genauso seine „Türkischen Kanoniere“.

Borchers hat sich sechs Standardfiguren formen lassen, die es im Handel nicht gibt. Durch die unterschiedliche Bemalung ergibt sich eine spannende Szene mit über 40 verschieden wirkende Figuren. Über 450 Soldaten stellen die „Parade der deutschen Wehrmacht“ dar.

Da es keine Soldaten im Stechschritt oder Reiter mit Kesselpauken gibt, hat Borchers auch hier improvisiert. Er hat sie von einem Zinngießer bekommen. Aus diesem Material sind sie leicht zu bekommen. Wie gesagt, ein Perfektionist.

VON HANS-HELMUT HEROLD

Walter Ott aus Altenstadt teilt Borchers Hobby gewissermaßen. In seinem Herzen schlagen sogar gleich zwei Sammel-Leidenschaften. Und auf dem Hohen Peißenberg kamen nun zahlreiche Fans von Old- und Youngtimern  zum „Gipfeltreffen“ zusammen. Lesen Sie hier außerdem weitere Nachrichten aus Schongau und Umgebung.

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