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Ihre Heimat sind Deutschland und der Iran: Susann Tabatabai-Schweizer aus Peiting ist im Iran geboren und aufgewachsen. 

Interview

Heimat Iran: Peitingerin zwischen Angst und Hoffnung

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Wenn Susann Tabatabai-Schweizer (58) aus Peiting in den Nachrichten sieht, wie Menschen in Teheran auf die Straße gehen, löst das in ihr gemischte Gefühle aus. Für sie ist der Iran ebenso Heimat wie Deutschland. 

Peiting Die USA haben bei einem Drohnenangriff den iranischen Top-General Ghassem Soleimani getötet. Wenige Tage später übte Teheran Vergeltung und attackierte US-Ziele im Irak mit Raketen. Dabei schossen die iranischen Revolutionsgarden auch ein ukrainisches Passagierflugzeug ab – versehentlich, wie sie beteuern. Im gebeutelten Iran selbst geht das wütende Volk auf die Straße. Nachrichten und Bilder, die bei Susann Tabatabai-Schweizer viele Emotionen auslösen.

Frau Tabatabai-Schweizer, was geht in Ihnen vor, wenn Sie in den Nachrichten das aktuelle Geschehen im Iran verfolgen?

Ich habe Angst. Mir geht es deshalb auch gerade gar nicht so gut. Ich habe dort Familie, Freunde. Ich hoffe einfach, dass es keinen Krieg gibt, in diesem Land, das mir genauso Heimat ist wie Deutschland. Ich hoffe, dass es die Trump-Administration beim Säbelrasseln belässt.

Würden Sie sagen, einer hat in dem Konflikt mehr schuld als der andere?

Ich glaube, dass auf der politischen Bühne viele Faktoren im Hintergrund eine Rolle spielen, die wir als normale Bürger gar erfassen können.

Haben Sie genug Abstand, um das so neutral betrachten zu können?

So würde ich das nicht sagen. Ich bin in zwei Kulturen groß geworden. Meine Mama ist Deutsche, mein Papa Iraner. Aufgewachsen bin ich im Iran, habe dort die deutsche Schule Teheran besucht. Wir sind als schiitische Moslems aufgewachsen. Trotzdem habe ich Jeans und Turnschuhe getragen. Kein Kopftuch. Im Sommer bin ich im Bikini baden gegangen. Ich bin in einer freigeistigen Familie großgeworden, mein Vater war sehr tolerant. Als ich 17 Jahre alt war, 1979, kam die Revolution. Es war gefährlich, meine Schule wurde geschlossen. Es gab Chaos, Schießereien. Das hat den Iran von Grund auf verändert.

Der Zeitpunkt also, zu dem Sie das Land verließen?

Meine Mutter hat mich, meine zwei Schwestern und meinen Bruder gepackt und ist mit uns nach Deutschland gegangen. Mein Vater ging wieder zurück in den Iran, um die Baumwollplantagen der Familie zu retten. Ich bin froh, dass meinem Vater nichts passiert ist. Er konnte dort bis zum Schluss als Landwirt arbeiten.

Was bekommen sie von der Stimmung vor Ort mit?

Die Leute sind wütend. Es herrscht eine richtige Kriegs-Panik. Der Kollege einer Freundin in Teheran hat, von Kriegsangst geschürt, seine beiden Kinder auf eine frühere Maschine gebucht, damit sie schneller außer Landes kommen. Zwei junge Studenten. Sie sind in der Maschine gesessen, die jetzt irrtümlich abgeschossen wurde. Auch die Bekannte einer Freundin in Teheran hat bei dem Absturz ihre Tochter verloren. Es ist einfach schrecklich.

Was ist ihre Einschätzung: Wie könnte sich die Lage vor Ort weiterentwickeln?

Das Beste wäre, wenn die iranische Regierung und das iranische Volk miteinander in Dialog kommen könnten und Kompromisse gefunden werden könnten. Das Wichtigste ist, dass möglichst alles friedlich abläuft und es Kompromisse statt Gewalt gibt. Man muss sich das ja mal vorstellen dort: Das sind ja keine Querulanten, die dort in Teheran auf die Straße gehen.

Wer traut sich das denn?

Das sind gebildete Menschen. Frauen. Omas. Die kämpfen für tief elementare Rechte. Die Menschen müssen das ausbaden, was die Welt-Politik anrichtet.

Konkret?

Durch die wirtschaftlichen Sanktionen werden die Leute immer ärmer. Jedes Jahr gibt es mehr Straßenkinder, für die ich übrigens seit zwei Jahren Spenden sammle. Die Inflationsrate steigt ständig. Für mich ist es traurig zu sehen, dass die Menschen in den Laden gehen und sich nicht mal mehr Brot und Käse kaufen können, was früher in diesem Land ein Essen für arme Leute war. Die Iraner sind ein höfliches und auch fröhliches Volk. Früher hast du aus jedem Laden Musik gehört. Das ist heute nicht mehr so. Die Fröhlichkeit ist einer Traurigkeit gewichen. Die Nerven liegen blank.

Ihre Hoffnung?

Im Herzen sind wir Menschen doch alle gleich. Wir wollen in Ruhe und in Frieden miteinander leben. Ich bin ein Brückenkind. Ich bin aufgewachsen in der Verbindung von zwei Kulturen. Jeder kann seine eigene Kultur behalten, aber wir müssen Brücken bauen, andere treffen und uns gegenseitig bereichern. Das einzige, was den Weltfrieden retten kann, ist eine Brücke des Verständnisses – und zwar über kulturelle Grenzen hinweg.

VON BARBARA SCHLOTTERER-FUCHS

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