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Peiting will nationalsozialistische Vergangenheit aufarbeiten lassen: Expertengutachten beschlossen

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Von: Christoph Peters

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Im Dritten Reich diente das ehemalige M32 in Peiting als HJ-Heim und Stammlager des Reichsarbeitsdienstes.
Im Dritten Reich diente das ehemalige M32 in Peiting als HJ-Heim und Stammlager des Reichsarbeitsdienstes. © Sammlung Gunnar Prielmeier

Wenig ist bislang über die nationalsozialistische Vergangenheit in Peiting bekannt. Um das zu ändern, hat die Peitinger SPD jetzt im Gemeinderat die Erstellung eines Expertengutachtens beantragt. Im Gremium rannte sie damit offene Türen ein.

Peiting – Es war SPD-Fraktionschef Herbert Salzmann, der den Antrag, den eine Arbeitsgruppe des SPD-Ortsvereins erarbeitet hatte, vortrug. Man habe im Ort ein kleines, wunderbares Museum, in dem man vieles über die jüngere Geschichte von Peiting erfahren könne. „Allerdings gab es auch dunkle Zeiten in Peiting, über die bisher sehr wenig bekannt ist.“ Eine solche sei die Zeit des Nationalsozialismus gewesen. Diese Vergangenheit näher zu untersuchen, sei längst überfällig, sagte Salzmann. „Den Antrag hätte man eigentlich vor 25 Jahren schon stellen müssen.“ Schließlich gebe es nicht mehr viele Zeitzeugen, die aus erster Hand berichten könnten. Sein eigener Vater, der mit 61 Jahren gestorben sei, habe als Kind und Jugendlicher noch miterlebt, wie sie damals „verführt“ worden seien, erinnerte sich der SPD-Fraktionschef.

Auch für den SPD-Ortsverein war die damalige Zeit laut Salzmann ein düsteres Kapitel. 1933 seien drei Gemeinderäte aus dem Gremium geworfen worden. Zwei seien ins Konzentrationslager nach Dachau gekommen, einer nach Herzogsägmühle, wo man aus ihm einen „guten Bürger“ machen sollte.

Herzogsägmühle als Beispiel für gelungene Aufarbeitung

Das Diakoniedorf nannte Salzmann auch als Beispiel für gelungene Aufarbeitung. Bereits seit vielen Jahren werde dort die NS-Geschichte von Experten untersucht. Mit solch objektiven Forschungen, das zeigten die bisherigen Ergebnisse, würde eine Erinnerungskultur geschaffen, die zu Akzeptanz und positivem Verhalten führe. Wichtig sei, dass das Gutachten „kein Peitinger macht“, betonte Salzmann. Schließlich werde es vielleicht auch um Namen gehen. Schnell könnte dann Kritik aufkommen. Externe Fachleute brächten zudem einen anderen Blickwinkel mit.

Die Untersuchung ist für die SPD auch mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen notwendig. „Das Erstarken von rechten Kräften in unserer Gesellschaft zeigt, wie wichtig es ist, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Die Forderungen und Rhetorik von heute entsprechen den Klängen von damals.“ Dem müsse man sich als Gemeinde entgegenstellen und durch Aufklärung und Bildung ein „klares Zeichen gegen rechts“ setzen.

Im Gemeinderat rannte die SPD mit ihrem Antrag offene Türen ein. Bürgermeister Peter Ostenrieder sprach von „Lücken in der Ortsgeschichte“, die es aufzuarbeiten gelte. Auch Ortsheimatpfleger Gerhard Heiß befürworte eine entsprechende Untersuchung. „Er hat angeboten, sich einzubringen.“

Auch Norbert Merk (CSU) begrüßte den Antrag, der zwar spät komme. „Aber besser spät, als nie.“ Noch gebe es Zeitzeugen, deren Wissen man aufschreiben müsse. Wenn man sich aber auf den Weg mache, müsse man sich freilich bewusst sein, dass ein gescheites Gutachten „ein paar Euro“ kosten werde.

Untersuchung als Gemeinschaftsprojekt

Marion Gillinger (ÖDP) bedauerte, dass das Thema erst jetzt angegangen werde. Aufklärung und Bildung seien wichtig, um die Demokratie zu schützen. „Aus vergangenen Zeiten können wir viel lernen.“ Ihr liege die Aufarbeitung als Nachfahrin einer im Dritten Reich massiv verfolgten Familie sehr am Herzen, betonte Gillinger.

Wie wichtig die Aufarbeitung sei, hob auch Claudia Steindorf (SPD) hervor. Als ihre Tochter sie vor zwei Jahren gefragt habe, wie die NS-Zeit in Peiting war, „musste ich sagen, dass ich keine Ahnung habe“, sagte die 42-Jährige. Auch sie plädierte für eine externe Expertise. „Das Thema ist sehr sensibel und emotional, das braucht Distanz.“

Günter Franz (Grüne) forderte, die Untersuchung als Gemeinschaftsprojekt durchzuführen und Bürger, Vereine und Schulen mit ins Boot zu holen. „Das hat mehr Resonanz, als ein Gutachten, dass in einem Archiv verschimmelt.“ Doch da konnte Ostenrieder beruhigen: „Das wird keine Forschungsarbeit am grünen Tisch, sondern etwas, das den Ort über mehrere Jahre beschäftigt.“

Einstimmig segnete der Gemeinderat am Ende den Antrag der SPD auf Erstellung eines Expertengutachtens zur Peitinger NS-Vergangenheit ab. Als nächstes soll nun eine Kostenschätzung für das Gutachten eingeholt und etwaige Fördermöglichkeiten geklärt werden.

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