Daimler-Chef Zetsche hört auf - Nachfolger steht wohl fest

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Nicht traumatisiert, aber gezeichnet: Roland Balschuweit kam nach Jahrzehnte zurück an den Ort seiner damaligen Peiniger, um Akteneinsicht zu bekommen. 

Misshandlung in Herzogsägmühle Anfang der 70er Jahre 

Schläge und von Hunden gehetzt

Misshandlungen und sexueller Missbrauch von in der Heimfürsorge untergebrachten Jugendlichen haben auch in Herzogsägmühle stattgefunden. Mit dem pensionierten Bundesbahn-Lokführer Roland Balschuweit (61) fand sich jüngst ein Betroffener und Zeitzeuge ein, der von Herzogsägmühle-Direktor Wilfried Knorr und der Chronistin und wissenschaftlichen Beauftragten, Professor Annette Eberle, zur Akteneinsicht empfangen wurde.

Herzogsägmühle Balschuweit war Anfang der Siebzigerjahre auf Betreiben seiner Mutter in Heimfürsorge geraten und vom damals zuständigen Jugendamt seiner Heimatstadt Mainz nach Herzogsägmühle verbracht worden. Er ist ein weiteres lebendiges Beispiel dafür, dass Misshandlungen und Missbrauch in Einrichtungen beider großer christlichen Kirchen nicht eben selten und kein Privileg von Erziehungsmaßnahmen in Heimen der ehemaligen DDR waren, sondern hässliche und seelische Dauerschäden hinterlassende Übung deutschlandweit wie international.

Roland Balschuweit hat sich nach mehr als 45 Jahren dazu entschlossen, vor Ort Vergangenheitsaufarbeitung zu betreiben und dazu den Kontakt zu offiziellen Stellen im Sozialdorf zu suchen. Er betont dieses: „Ich habe keine finanziellen Interessen. Mir geht es um Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit.“ Der heute in Greifswald nahe der Ostseeküste in der ehemaligen DDR lebende Pensionär rannte bei Wilfried Knorr und Annette Eberle offene Türen ein. Im Vorfeld von Balschuweits Besuch hatte der Direktor im Gespräch mit dieser Zeitung über die Spurensuche des früheren Heimzöglings freimütig dargelegt, dass sich bereits einmal ein Zeitzeuge gemeldet habe, körperliche Misshandlungen und sexuelle Übergriffe (Nötigungen wie Zwang zur Masturbation vor den Betreuern) bekannt seien und nicht geleugnet würden, Täter von damals noch lebten.

Der im Ruhestand lebende Ex-Lokführer berichtete Knorr und Annette Eberle bei einem gemeinsamen Gespräch glaubhaft von brutalen Schlägen auf Gesäß, Ober- und Unterschenkel, wenn er sich Zumutungen durch die Betreuer widersetzte, einem Vorfall, bei dem er mit einem Seil an einem Arm fixiert wurde. Zweimal habe er Fluchtversuche unternommen, einmal dabei mit Hunden gehetzt worden (dieser Sachverhalt war Wilfried Knorr neu) und einmal quer durch den Lech geschwommen, um der Unterbringung im „Weiherhof“ von Herzogsägmühle zu entrinnen. Sexuell habe man sich an ihm nicht vergangen.

Der Direktor und die für Nachforschungen hinzugezogene Professorin, die in der Vergangenheit mit zwei Standardwerken über das Diakoniedorf und seine Geschichte hervorgetreten ist und heute an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München-Benediktbeuren lehrt, hatten umgehend die an zentraler Stelle der evangelischen Landeskirche in Nürnberg liegende Akte zum Vorgang Balschuweit besorgt, der wiederum erheblich von seiner erlebten Wirklichkeit abweichende Inhalte darin feststellte. Die divergierenden Sachverhalte sollen nunmehr geklärt werden.

Roland Balschuweit war sichtlich bewegt, als er aus den Händen von Wilfried Knorr seine Akte zur Einsicht und Kopien daraus an die Hand gegeben bekam. Die Begegnung mit der Aktenlage und damit die Konfrontation mit der Vergangenheit ist nach Erfahrung des Direktors immer ein emotional aufgeladener Moment, in dem der Betroffene besonderer Schonung und Betreuung bedarf, und der nicht ohne Begleitung stattfinden sollte. Am Tag nach der Akteneinsicht war Roland Balschuweit im Übrigen an der Hochschule zu einem Gedankenaustausch über sein Erleben und Leiden mit dortigen Studentinnen und Studenten eingeladen.

Der leidgeprüfte Mann hält sich zwar nicht traumatisiert, aber lebenslang gezeichnet durch das Erlebte. Er hält sich dies zugute: „Ich bin nicht aus der Bahn geworfen worden, habe keine Drogen- oder kriminelle Karriere eingeschlagen, sondern mit aller Energie eine solide berufliche Karriere erreicht.“

Rüdiger Matt

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