John-Edward Schulz ist neuer Leiter der Fachstelle
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John-Edward Schulz ist neuer Leiter der Fachstelle

Wegen Corona und Wohnungsmangel

Wenn die Wohnungslosigkeit droht: Fachstelle rechnet mit steigenden Zahlen

  • Christoph Peters
    VonChristoph Peters
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Seit mittlerweile zwölf Jahren gibt es die Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit im Landkreis. Allein im vergangenen Jahr nahmen knapp 400 Bürger ihre Hilfe in Anspruch – Tendenz steigend. Die Corona-Krise und mangelnder Wohnraum könnte die Lage in Zukunft noch verschärfen.

Landkreis – 2008 war der Startschuss in Penzberg gefallen, doch bis auch die übrigen Gemeinden im Landkreis vom Nutzen der Fachstelle überzeugt waren, dauerte es. Heute existieren in den fünf großen Kommunen Penzberg, Weilheim, Peißenberg, Schongau und Peiting eigene Beratungsbüros. Seit 2018 sorgt der Landkreis für die Finanzierung des Angebots, das jeder Bürger, dem der Verlust der Wohnung droht, kostenlos in Anspruch nehmen kann. Betreiber ist Herzogsägmühle.

Anfragen haben sich seit 20212 verdoppelt

Die Nachfrage ist groß. Seit Jahren steigt die Zahl der Fälle, in denen die Mitarbeiter der Fachstelle um Hilfe gebeten werden. Verzeichnete man 2012 noch 195 Anfragen, waren es im abgelaufenen Jahr mit knapp 400 mehr als doppelt so viele. Allein gegenüber 2019 habe die Zahl der Hilfegesuche um zehn Prozent zugelegt, berichtet John-Edward Schulz, der in Herzogsägmühle Anfang Februar die Nachfolge des langjährigen Fachstellen-Verantwortlichen Martin Holleschovsky angetreten hat.

Häufigster Grund für Beratung sind Mietschulden

Der häufigste Grund für eine Beratung sind Mietschulden, die nicht selten zu einer fristlosen Wohnungskündigung führen. „Unsere staatliche soziale Sicherung ist hervorragend. Viele Betroffene fühlen sich jedoch bei der Geltendmachung ihrer Rechte und der damit verbundenen bürokratischen Herausforderungen überfordert. In unserer alltäglichen Praxis erleben wir regelmäßig, dass ein Sozialhilfeantrag nur unzureichend gestellt wurde“, sagt Stefan Schütz, der das Beratungsbüro in Schongau leitet. Als Fachstelle helfe man, indem man etwa für eine Nachzahlung der Sozialleistungen sorge. „Interessant dabei ist: Es kommt eher selten vor, dass Vermieter von einem zerrütteten Mietverhältnis sprechen und eine Fortführung des Mietvertrags ablehnen. Meist laufen die Mietverhältnisse über Jahre hinweg ohne Beanstandung. Gerade in diesen Fällen lassen sich kurzfristig für alle Beteiligten positive Lösungen finden“, weiß Schütz. Generell gelte: Je früher die Hilfe einsetze, desto seltener haben sich die Vertragsparteien überworfen. „Insofern freut es uns, dass sich mittlerweile immer häufiger Vermieter bei uns melden und an einer Lösung, die eine Wohnungskündigung verhindert, interessiert sind.“

Doch auch wer keine Mietschulden hat, kann plötzlich Gefahr laufen, seine Wohnung zu verlieren. Etwa wenn Vermieter wegen Eigenbedarfs kündigen oder eine Beziehung auseinandergeht. Letzteres habe immer öfter weitreichende Folgen, sagt Schulz. „Die noch bewohnte Wohnung ist für diejenigen, die gern bleiben würden, oft nicht finanzierbar, die Ausziehenden sind auf neuen Wohnraum angewiesen.“ Folglich führe eine Trennung häufig gleich zwei Hausstände an den Rand von Wohnungslosigkeit. „Wohnen dann auch noch Kinder im Haushalt, kann man durchaus von einem Debakel sprechen.“

Immer häufiger ist auch die bürgerliche Mitte betroffen

Verschärft wird das Problem durch den angespannten Wohnungsmarkt im Landkreis. Vor allem bezahlbarer Wohnraum sei kaum vorhanden, klagt Schulz. Projekte, wie beispielsweise der jüngst erfolgte soziale Wohnungsbau am Peitinger Bahnhof, müssten verstärkt vorangetrieben werden, fordert er. „Wenn es nicht gelingt, die Wohnraumproblematik einzudämmen, wird dies zu sozialen Missständen und einem fortschreitendem Auseinanderdriften unserer Gesellschaft führen“, fürchtet Schulz. Immer häufiger seien auch die bürgerliche Mitte und Gutverdienende betroffen. Längst ist das Problem auch nicht mehr auf die größeren Kommunen beschränkt. Auch in kleinen Gemeinden sei die Hilfe der Fachstelle immer öfter gefragt, berichtet Schütz.

Die Corona-Pandemie könnte die Lage noch zusätzlich verschärfen. Bislang sei man zwar einigermaßen gut durch die Krise gekommen, sagt Schulz. Heißt, nur in wenigen Fällen mussten Betroffene die Hilfe der Fachstelle in Anspruch nehmen. Für eine Entwarnung sei es aber noch zu früh, warnt der Fachstellen-Leiter. „Die Pandmie ist leider noch nicht durchgestanden, es kann gut sein, dass Fälle erst mit zeitlichem Abstand auftreten.“

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