Johann und Andrea Schleich auf dem Acker der „Pflanzeria“. Hier wachsen alle erdenklichen Gemüsesorten. Mit im Team ist Gärtner Helge Reiter (rechts).
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Johann und Andrea Schleich auf dem Acker der „Pflanzeria“. Hier wachsen alle erdenklichen Gemüsesorten. Mit im Team ist Gärtner Helge Reiter (rechts).

Gemüseanbau vor Ort

Einzigartiges Projekt in der Region: Peitinger „Pflanzeria“ experimentiert mit solidarischer Landwirtschaft

  • Barbara Schlotterer-Fuchs
    VonBarbara Schlotterer-Fuchs
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Auf einem Acker in Peiting rührt sich was: Solidarische Landwirtschaft und Gemüseanbau vor Ort haben sich Johann und Andrea Schleich von der „Pflanzeria“ vorgenommen.

Peiting – Als Johann Schleich den elterlichen Hof übergeben bekommt, überlegt er lange mit seiner Frau Andrea. Hauptberuflich ist der Peitinger bei Gustav Klein in Schongau tätig. Die Schleichs wollen weg von dem verstaubten Image der Nebenerwerbs-Landwirtschaft. Hin zu etwas, das wertvoll, nachhaltig und vor allem wertschätzend ist. Sie beschließen auf einem brach liegenden Acker im südlichen Industriegebiet von Peiting eine „Solidarische Landwirtschaft“, kurz „SoLaWi“ in Angriff zu nehmen. Das Prinzip: Alle Teilnehmer tragen die Kosten und das Risiko, dürfen sich aber auch die erhoffte fette Ernte teilen. Das Motto: Umweltbewusst, regional und gesund.

Im Januar diesen Jahres starten die Schleichs mit ihren Vorbereitungen. Schon bald sprießen auf dem halben Hektar, der noch bis vor kurzem brach lag, alle erdenklichen Gemüsesorten. Salate, Rote Beete, Fenchel, Brokkoli, Wirsing, Spitzkohl, Mangold, Blaukraut, Zwiebeln, Tomaten, Sellerie, Rucola. Es gibt kaum etwas, was es nicht gibt.

Pflanzeria Peiting: So funktioniert die solidarische Landwirtschaft

Kurz bevor alle, die sich finanziell beteiligen, im Mai ihre erste wöchentliche Gemüsekiste geliefert bekommen, ein kleiner Schock für das Team: „Ende April hat uns die Super-Zelle ganz schön getroffen“, erinnert sich Johann Schleich noch gut an das schlimme Bild, das sich allen nach so viel pflanzen und päppeln geboten hat. Von den mehr als 6000 Gemüse-Pflanzen sind mehr als 1000 vom Hagel niedergemetzelt. Zuvor hatte die lang anhaltende Kälte die Umsetzung des Experiments nicht gerade leicht gemacht. Doch die Schleichs geben nicht auf. Trotzdem dürfen im Mai die bislang 40 Teilnehmer ihre erste Gemüse-Kiste in Empfang nehmen.

Wie funktioniert das Ganze? „Ein so genannnter „SoLaWi“ Betrieb ernährt die Menschen und alle teilen sich die damit verbundene Verantwortung, das Risiko, die Kosten und die Ernte“, erklärt Johann Schleich. Wer mitmachen möchte, zahlt 390 Euro im Jahr und bekommt dafür an mindestens sechs Monaten wöchentlich eine Kiste mit Gemüse in Bio-Qualität. Kleiner Haken: Risiken, wie zum Beispiel Hagelschäden oder eine verkürzte Saison durch früher einsetzenden Winter werden von allen mitgetragen.

Pflanzeria Peiting hat Gemüse Abnehmer aus der Region

Doch bei dieser Sache geht es nicht um Profit oder einen Preis-Vergleich mit Gemüse aus dem Bio-Laden. „Unser Grund-Gedanke sind kurze Wege vor Ort. Seitdem wir auf dem Acker den Pflanzen beim Wachsen zusehen, haben wir ein viel besseres Bewusstsein und viel mehr Wertschätzung für Lebensmittel bekommen“, sagt Andrea Schleich. Schädlinge oder Unwetter können auf einmal alles zerstören. „Es ist nicht immer selbstverständlich, dass immer alle Lebensmittel zur Verfügung stehen.“

Das hat natürlich auch seinen Preis. Jeden Abend, jeden Samstag und Sonntag, werkeln die Schleichs auf dem Acker. Ernten. Verpacken. „Wir wollten wissen, wie schwer das wird, das war der Reiz“, erzählt Johann Schleich. Und es ist verdammt schwer. Oft ist sie müde, erzählt Dreifach-Mama Andrea. Doch dann sind es wiederum diese ganz besonderen Momente, die aufzeigen, dass es die Mühe und die Arbeit wert sind: „Es gibt uns was Soziales zurück.“ Denn nicht nur fünf bis acht Kunden helfen jeden Samstag freiwillig auf dem Acker mit. Dort treffen sich jetzt immer wieder Leute zwischen zehn und 80, die beim gemeinsamen Anpacken ins Gespräch kommen. „Viele Spaziergänger kommen uns besuchen, und bestaunen, wie das alles wächst.“ Ein bisschen stille das die Sehnsucht der Leute nach Gesprächen, die durch Corona noch größer geworden war, haben die Schleichs bemerkt.

Die Anziehungskraft ist groß. Die Gemüse-Abnehmer der Solidar-Aktion kommen bis aus Schongau und Peißenberg. Das Projekt hat Potenzial, die Nachfrage ist riesig. Irgendwann möchten die Schleichs noch Gewächshäuser bauen. Wenn Zeit ist. „Unser Ideen-Horizont explodiert schon fast.“ Aber erst mal gibt es noch viel zu tun, die Ernte wartet.

Bäckerei Sesar als Kooperationspartner der Pflanzeria: Peitinger Korn wird in der heimischen Backstube weiterverarbeitet

Mit der Peitinger Bäckerei Sesar bekommt die „Pflanzeria“ gleich noch einen Kooperationspartner vor Ort: Das Peitinger Korn vom Pflanzeria-Acker geht jetzt in größeren Mengen im Direktvertrieb direkt in die Backstube.

Bäcker Thomas Sesar und seine Schwester Marlies im Peitinger Kornfeld mit Johann und Andrea Schleich von der Pflanzeria in Peiting.

Ab Herbst werden Peitinger Dinkel und Roggen in der Sesar’schen Backstube weiterverarbeitet. „Nach der Ernte im September wird das gedroschene Korn mit all den nötigen Ballaststoffen, Vitaminen und Spurenelementen in Papiersäcke abgefüllt und auf unserer hauseigenen Mühle frisch vermahlen. Dann wird es mit Sauerteig, Hefe, Salz und Brotgewürzen direkt zum Vollwertbrot verarbeitet und gebacken“, erklärt Marlies Sesar den Weg vom Feld in die Brottheke. Sie lobt die kurzen Wege, regionale Ware, eine geringe CO2-Belastung, „und vor allem schmeckt es.

Das Ganze ist ein Gewinn für alle, ein Anfang, der uns begeistert und inspiriert“, sagt Sesar. Sie träumt bereits von einem „Peitinger Kräuter Laib“.

Alle Infos gibt es auf der Homepage der Pflanzeria. Auch fleißige (Hobby)-Gärtner, die mit anpacken möchten, sind willkommen.

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