Der sechste Streich der Henkerstochter-Romane.

Buchkritik 

Der Henker ist zurück in der Heimat

Schongau - Mit seinem mittlerweile sechsten Roman über die Schongauer Henkersfamilie Kuisl hat Autor Oliver Pötzsch, ein direkter Nachfahre der Familie, wieder in heimische Gefilde zurückgefunden – das Szenario spielt vor allem in Oberammergau, aber Schongau nimmt nach langer Pause wieder eine wichtige Rolle ein.

Wenn das kein Auftakt ist: Der Jesus-Darsteller der geplanten Oberammergauer Passion wird morgens tot am Kreuz hängend am Friedhof gefunden. Wie es der Zufall will, kommt der Schongauer Simon Fronwieser, Ehemann von Henkerstochter Magdalena Kuisl, genau an diesem Tag im Mai 1670 in Oberammergau an, um seinen ältesten Sohn in dem Ort unterrichten zu lassen. Schon ist der Leser mittendrin im Geschehen, und dieses Mal hat Pötzsch tatsächlich alle Register gezogen: Ausnahmslos jeder aus der Kuisl-Familie, von Henker Jakob über seine Töchter Magdalena und Barbara, Schwiegersohn Simon und Enkel Peter und Paul, droht in dem 647-Seiten-Wälzer das jähe Ableben. Das hat es auch noch nicht gegeben.

Heimatstadt spielt wichtige Rolle

Schön für die Schongauer Leser: Die Heimatstadt der Kuisls spielt mal wieder eine wichtigere Rolle, was zuletzt bei den Ausflügen nach Bamberg, Regensburg und Andechs nicht wirklich der Fall war. Köstlich sind die Klischees, die Kuisl über die Oberammergauer ausbreitet: Werden sonst die Schongauer stets als geldgierig, intrigant, und hinterwäldlerisch beschrieben, gilt das für die zerstrittenen Oberammergauer noch viel mehr. Beispiele gefällig? „Ein seltsames Volk, maulfaul und abergläubisch“, sagt Simon Fronwieser einmal. Und Jakob Kuisl ärgert sich über die engstirnigen Oberammergauer, „für die Fremdsein vermutlich schon in Unterammergau beginnt und Schongau so fern ist wie Westindien“. Als Höhepunkt bietet Pötzsch gleich zwei Massenschlägereien auf dem Oberammergauer Friedhof auf und zieht mit der drohenden Vertreibung der unerwünschten Tagelöhner beklemmende Parallelen zur derzeitigen Flüchtlingskrise.

Rätselhafte Handlungsstränge

Der Autor führt die Leser wieder gekonnt an der Nase herum, erst spät verweben sich die vielen rätselhaften Handlungsstränge in diesem historischen Mittelalter-Krimi – der Showdown zieht sich tatsächlich über 150 Seiten. Und Henker Kuisl hat, nachdem er zu Beginn noch ein saufendes Wrack war, am Ende neuen Lebensmut gefunden. Vielleicht das beste Henkerstochter-Buch von Pötzsch.

Die Henkerstochter und das Spiel des Todes, 647 Seiten, 9,99 Euro, Ullstein-Verlag

Boris Forstner

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