Aus dem Auto fotografiert: Freilaufende Pferde in Prem nach Sonnenuntergang.
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Aus dem Auto fotografiert: Freilaufende Pferde in Prem nach Sonnenuntergang.

Nervenkrieg in Bayern

Freilaufende Pferde terrorisieren ganzen Ort: Bewohner in Angst

  • Barbara Schlotterer-Fuchs
    vonBarbara Schlotterer-Fuchs
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Pferde haben den Ort Prem und darüber hinaus die Behörden monatelang in Atem gehalten. Immer wieder galoppierte die Herde durch die Straßen. Ein (beunruhigender) Rückblick.

Prem – Nicht nur einmal ist in den vergangenen Monaten beim Radiosender Antenne Bayern diese Meldung über den Äther gelaufen: „Achtung. Auf der Kreisstraße von Lechbruck Richtung Prem: Freilaufende Pferde auf der Fahrbahn!“ Hinter der Nachricht verbirgt sich eine haarsträubende Geschichte, die den ganzen Ort sowie die Polizei und das Veterinäramt seit November in Atem hält.

Ein Bewohner des Ortes kauft diverse Pferde. Und lässt sie immer wieder frei. Wie eine Wildpferde-Herde galoppiert die Tiergruppe durch den Ort, über die Straßen. So erzählen es Bewohner. Seinen Namen möchte hier keiner lesen. Die Angst geht um.

Freilaufende Pferde in Prem: Der Besitzer ist im Ort gut bekannt

Der Besitzer der Tiere ist ortsbekannt. Derzeit befindet er sich in ärztlicher Behandlung, bestätigt Bürgermeister Andreas Echtler. Die prekäre Angelegenheit hat einen der jüngsten Bürgermeister des Landkreises – neu gewählt – über Monate hinweg zermürbt. „Auf der Kreisstraße, wo Familien mit 100 Sachen im Auto fahren, sind die Pferde im Galopp gelaufen“, bestätigt er. Die Pferde sind unweit der viel befahrenen Straße im Gewerbegebiet Prem-Steinwies in einer Halle untergebracht. „Das ganze Dorf war über Monate hinweg auf den Füßen, um die Pferde einzufangen“, erzählt uns ein Anwohner.

Aus dem Auto fotografiert: Freilaufende Pferde bei Sonnenaufgang.

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Ähnlich ergeht es der Polizei: Nahezu täglich informieren Bürger, aber auch Autofahrer die Beamten der PI Schongau wegen der freilaufenden Pferde auf der Kreisstraße. Wie es dazu kommt, dass die Pferde desselben Halters immer wieder ausbrechen, „das muss man infrage stellen“, so Toni Müller, stellvertretender Leiter der PI Schongau. Oftmals bei Eintreffen der Streife, hätten hilfsbereite Bürger die Pferde bereits eingefangen und in die Stallung zurückgebracht. Aber auch die Polizei darf immer wieder mal Pferde führen.

Freilaufende Pferde in Prem sind wohl auf Futtersuche

Es beginnt im Spätherbst: Ein Mann aus Prem kauft diverse Pferde. Es ist wie eine Sammlung. Ein Hengst. Ein paar Stuten. Auch noch einige andere Tiere: Ein Wellensittich. Kälber. Bewohner aus Prem berichten, dass alle Tiere in einem mehr als schlechten Zustand waren. Wellensittich und Kälber seien kurz vor dem Krepieren gewesen, hätten Premer Bürger nicht aus Mitleid heimlich gefüttert. „Die Kälber haben Wasser ausgeschieden und Milchpulversäcke aufgerissen, damit sie überhaupt etwas zu fressen finden“, erzählt uns ein Beobachter.

Die Pferde-Herde sucht sich ihr Futter selbst. Angetrieben vom Hengst galoppiert und streunt sie zwischen Prem und Gründl in Richtung Steingaden. Die Tiere wälzen sich auf fremden Weiden und erfreuen sich an Köstlichkeiten aus fremden Vorgärten. Dies führt sogar dazu, dass bei der „Baywa“ in Steingaden zeitweise grün-gelbe Absperrbänder ausverkauft sind. Die Premer setzen auf Selbstschutz. Noch immer sind viele Grundstücke mit dem Band eingezäunt.

Veterinäramt ist alarmiert - doch Verwaltungsgemeinschaft und Polizei sind gefragt

Das Veterinäramt ist seit Monaten daueralarmiert. Tatsächlich betreffe die Angelegenheit „zunächst die Ordnungs- und Sicherheitsbehörden“, verweist Veterinärdirektor Jens Lewitzki auf die aktuelle Rechtslage. Im Klartext: Die Verwaltungsgemeinschaft Steingaden und die PI Schongau müssen das mit den freilaufenden Tieren regeln. „Das Veterinäramt ist hierbei nur unterstützend tätig und begleitet den Vorgang parallel aus tierschutzrechtlicher Sicht.“

Klar: Bei einem Verkehrsunfall mit freilaufenden Pferden ermittelt freilich die Polizei. „Hinter dem Fall in Prem steht eine mehrwöchige Zusammenarbeit zwischen den Behörden und weiteren Beteiligten wie Bürgermeister, Nachbarn, Zeugen, Mitarbeitern und Helfern am Betrieb.“ Laut Lewitzki befindet sich das Veterinäramt „fälschlicherweise im Fokus.“

Die Krux: Das Tierschutzgesetz spricht zwar von der Verpflichtung zur „verhaltensgerechten Unterbringung“ und weiter von den erforderlichen „Kenntnissen und Fähigkeiten“ über die ein Tierhalter verfügen muss, aber: „Hier sind die grundlegenden Anforderungen zu verstehen und nicht vordringlich die Sicherung der Haltungseinrichtung.“ Warum die Pferde frei laufen: Das müsse die VG Steingaden klären.

Die wiederum fühlt sich in Person von Bürgermeister Andreas Echtler allein auf weiter Flur. „Welche Handhabe haben wir denn?“ Sämtliche Stellen hätte man mit ins Boot genommen, „wir haben alles getan was geht“. Wie die Situation, die einen ganzen Ort beschäftigt, auf lange Sicht weitergeht? Nur viele Fragezeichen.

„Wir sind maßlos enttäuscht. Das alles wird von den Behörden stillschweigend hingenommen – wir fühlen uns im Stich gelassen,“ erklärt uns ein Mann aus Prem im Gespräch. Seinen Namen will er nicht genannt haben, betont aber, dass er für einen ganzen Ort spricht. Ein Ort, in dem endlich Ruhe einkehren soll.

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