Mit Freude bei der Arbeit: Juliane Skibbe aus München sieht den Einsatz als Ausgleich zum Fliegen.
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Mit Freude bei der Arbeit: Juliane Skibbe aus München sieht den Einsatz als Ausgleich zum Fliegen.

Bergwaldprojekt

Freiwillige tun mit Säge, Axt und Schere, was der Lech nicht mehr kann

  • Jörg von Rohland
    vonJörg von Rohland
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Früher war der Lech ein wilder Fluss, der sich sein Bett selber suchen durfte. Er sorgte für reichlich Bewegung und Artenvielfalt in den Lechheiden. Dass es die Heiden in ihrer ursprünglichen Form auch heute noch gibt, ist den Freiwilligen zu verdanken, die jüngst im Rahmen des sogenannten Bergwaldprojekts wieder am Lech im Einsatz waren, um die lichten Wälder zu pflegen.

Prem/Gründl – Mit Säge, Axt und Schere arbeiteten sie jeden Tag von 8 bis 16 Uhr in den Wäldern am Lech. Oft war es nass und kalt, der Regen peitschte den Frauen und Männern ins Gesicht. Keinen Cent haben sie für den einwöchigen Knochenjob bekommen. Sie mussten sogar auf eigene Kosten anreisen. Dennoch wirkten die Männer und Frauen unwahrscheinlich glücklich.

Hier ist die Arbeit erledigt: Die Freiwilligen haben in dem Kalkflachmoor die Hölzer entfernt, die früher der Lech weggespült hatte. Gebietsbetreuerin Claudia Gruber (Verein Lebensraum Lechtal, r.) und Simon Karrer (Verein Bergwaldprojekt, 3.v.l.) hatten sie eingewiesen.

Juliane Skibbe (26) war an den Lech gekommen, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. „Ich wollte in diesem Jahr zwei Urlaube mit Flügen machen“, sagt die Münchnerin, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beschäftigt ist. Den Arbeitseinsatz im Bergwaldprojekt hatte sich die 26-Jährige als Ausgleich für die zwei Flüge vorgenommen. Aus den Urlauben wurde wegen Corona nichts. Die 26-Jährige kam dennoch, um zusammen mit anderen Freiwilligen die Schneeheide-Kiefernwälder bei Lechbruck zu pflegen. „Und es hat sehr viel Spaß gemacht“, versichert sie.

Zwischen den Freiwilligen stand an diesem Tag auch Claudia Gruber mit ihrem Hund Frodo. Gruber ist die Gebietsbetreuerin des Lebensraums Lechtal, der mit dem deutschen Verein Bergwaldprojekt zusammenarbeitet. Gemeinsam mit Projekt-Betreuer Simon Karrer erklärte die Fachfrau den Freiwilligen den Sinn ihres Einsatzes:

Mehlprimeln, die im Frühjahr blühen, brauchen Freiraum

Die Ehrenamtlichen arbeiten in einem Landschaftsschutzgebiet auf der Lechbruck gegenüber gelegenen Lechseite. Der Standort sei eine ehemalige Flussrinne. Darin habe sich ein Kalkflachmoor gebildet, in dem im Frühling die Mehlprimeln blühen. Und die brauchen Freiraum.

Früher konnte der Lech noch selbst für freie Flächen sorgen

Bevor er seine Staustufen erhielt, hatte der Lech bei Hochwasser selbst dafür gesorgt, dass die sich ausbreitenden Büsche und Bäume weggespült wurden. Jetzt mussten wieder die Freiwilligen ran. Sie rückten dem Gehölz mit ihrem Werkzeug so zu Leibe, dass nur noch die Stümpfe stehen blieben. Die wird demnächst noch das Wasserwirtschaftsamt mit schwerem Gerät entfernen.

Auch im Wald nebenan geht es Hölzern an den Kragen

Im Wald nebenan ging es ebenfalls den Hölzern an den Kragen, die dort nicht hingehören. Er zählt zu den noch wenigen erhaltenen Schneeheide-Kiefernwäldern am Lech. Und Claudia Gruber schwärmt nur so von dem „Frauenschuh“, der darin blüht. „Das sind die schönsten heimischen Orchideen“, weiß die Gebietsbetreuerin. Damit die Orchideenarten samt Schneeheide weiter so schön wachsen und blühen, muss auch der Kiefernwald licht gehalten werden. Im Sommer fressen sich daher Rinder durchs Unterholz. Was sie nicht schaffen, schnitten nun die Freiwilligen im Zuge des Bergwaldprojekts heraus.

Bergwaldprojekt geht auf gemeinnützige Stiftung in der Schweiz zurück

Das Bergwaldprojekt geht auf eine gemeinnützige Stiftung zurück, die 1987 in Trin bei Graubünden (Schweiz) gegründet wurde. Mittlerweile haben bereits mehr als 65 000 Freiwillige in den Bergwäldern der Schweiz, Deutschlands, Kataloniens und des Fürstentums Liechtenstein gearbeitet. Die Arbeit fördere die „persönliche und ökologische Bewusstseinsbildung“, heißt es von der Stiftung.

Schwärmt von der Gruppendynamik: Maximilian Ludwig will auch in Zukunft wieder helfen.

Das Konzept ging auch jetzt am Lech wieder voll auf. Maximilian Ludwig, der aus Ulm angereist war, ist total begeistert. „Es ist einfach toll, am Abend auf die Fläche zu sehen, die man geschafft hat“, sagt der 31-Jährige, der ebenso wie Mitstreiterin Juliane Skibbe zum ersten Mal bei einem Arbeitseinsatz des Vereins dabei war. Beide schwärmen „von der Gruppendynamik“. Und ihm sei es wichtig gewesen, „der Natur etwas zurückzugeben“, sagt der Nachhaltigkeitsmanager aus Ulm.

Währen des Lockdowns ruhen alle Freiwilligen-Projekte

Skibbe und Ludwig wollen auch bei künftigen Bergwaldprojekten wieder mitarbeiten, die nun aber wegen der Corona-Pandemie und des Lockdowns ebenfalls ruhen müssen. Das Projekt am Lech war bis auf Weiteres das Letzte seiner Art, seit 2. November geht nichts mehr.

Infos zu den Projekten gibt es hier

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