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Reichlinger Leonhardifahrt aus dem Jahr 1913. Die Ursprünge reichen rund 600 Jahre zurück.

Tradition in Reichling

Seit 580 Jahren Leonhardiverehrung

Reichling - Die Leonhardiverehrung in Reichling ist erstmals im Jahre 1435 nachweislich erwähnt. Bis Ende des 17. Jahrhunderts befanden sich zwei Kirchen in Reichling, St. Nikolaus in der Mitte des Dorfes und die Kirche zum Hl. Leonhard am nördlichen Ortsende.

Die einzige Darstellung der Leonhardi-Kirche stammt aus dem Pfarrhof in Epfach aus dem Jahre 1752. Nach einem Inventarverzeichnis von 1652 war das Kirchlein mit einem Hochaltar, einem Altar zur lieben Frau und einem St. Antonius-Altar ausgestattet.

Über die Kirche finden sich diese Zeilen in den Archiven: „Reich fließen die Quellen für die Geschichte der Filialkirche St. Leonhard in Reichling. Der Lengenfelder Zimmermeister Simon Hohenadl hat Turmkuppel und Schießer ausgebessert und angestrichen, der Dießener Glaser Georg Probst in elf Fenster 1575 „durchsichtige Scheiben“ eingesetzt. “

Es wurden Hufeisen geopfert

Bereits 1637 ist die Rede von der Sammlung von Getreide am Leonharditag und von Pferdeopfern („ein Füllen dem hl. Leonhard verlobt!“). Alte Hufeisen wurden dort schon früher geopfert. Nach einem Plan von Mathias Schmutzer, dem Wessobrunner Maurermeister, wurde 1660 die Leonhardskapelle um „24 Schuh in die Lichte“ verlängert, bei einem Kostenaufwand von etwa 650 Gulden.

Das Vermögen derselben scheint nicht unbedeutend gewesen zu sein, weil im Jahre 1683 Churfürst Max-Emanuel laut Urkunde dasselbe mit einer Kriegssteuer von zwei Gulden belegt hat. 1690 bestellte man einen silbervergoldeten Kelch samt Deckel, der auch als Ciborium zu verwenden war und auf den Altar „zwei Bilder St. Leonhard und St. Paulus beim Maler zu Apfeldorf“.

Stuckrelief aus dem Pfarrhof zu Epfach anno 1752. Das Bild wurde zum Beispiel auch 1951 als Einladungskarte zum Leonhardifest verschickt.

Durch einen „Donnerstreich“ ist in diesem Jahr die Kuppel oder das Dach „ziemlich verletzt worden“. „Das Täfelwerk ob dem Langhaus ist 1701 ganz abgeschossen gewesen und wurde durch Hans Georg Augustin; Maler zu Oberfinningen, wiederum von neuem mit Bleiweiß angestrichen und unterschiedliches Blumenwerk darein gemalen. Der gleiche Maler hat 1730 drei Antependien gemalt, die der Reichlinger Kistler Joseph Bauer gefertigt hat. Der Maurermeister Georg Döttl von Obermühlhausen hat 1740 die St. Leonhardskirche am Kirchendach und an der Friedhofsmauer gründlich wiederhergestellt, die Kirche inwendig und auswendig sauber verputzt und verweißt.

50 heilige Messen mussten gelesen werden

1779 wurden beide Kirchen abgebrochen. Auf den Fundamenten der alten Kirche St. Nikolaus entstand die heutige Pfarrkirche mit den Patronen St. Nikolaus (Hauptaltar) und St. Leonhard (rechter Seitenaltar mit dem überführten Gnadenbild aus der alten Kirche), auch das Vermögen beider Kirchen wurde vereinigt. Aber es mussten jährlich 50 hl. Messen zu Ehren des hl. Leonhard gelesen werden. So hat sich die Verehrung des Heiligen bis auf den heutigen Tag erhalten. An Stelle des Leonhardi-Kirchleins befindet sich heute ein Bildstock, welcher 1935 zum 500-jährigen Bestehen der Leonhardiverehrung aufgestellt und eingeweiht wurde.

Bis heute feiert die Gemeinde das Hochfest des Heiligen Leonhard immer am Samstag um den 6. November. Zum Ross-Heiligen kommen aus der ganzen Umgebung Besucher, Wallfahrer und Pferdehalter mit geschmückten Pferden, Kutschen und Festwagen nach Reichling, um am Umzug und der Segnung teilzunehmen. Wegen der neuen Technik in der Landwirtschaft brauchte man immer weniger Pferde; 1969 gab es in Reichling gerade noch fünf. Die alte Tradition schien zu Ende. Da luden die Pferdefreunde Noll-Graf-Kölbl zur Fuchsjagd ein; damit kam neues Publikum mit neuen Pferden. Die Segnung blieb erhalten, der Umritt durchs Dorf mit vier gezierten Wagen ebenso. Abends wurde der Tag dann mit einem Jagdgericht abgerundet. Zwischen 1970 und 1985 wurden es wieder mehr Pferde. So konnte man 1986 zum ursprünglichen, kirchlich geprägtem Stil zurückkehren.

Im Jahre 2007 wurde der Leonhardiverein in eine „Bruderschaft zum Hl. Leonhard“ umgewandelt. 2008 restaurierte man die Leonhardistandarte und kleidete die Fahnenabordnung historisch nach dem Deckenbild der Kirche neu ein. 2009 wurde die 100. Leonhardifahrt mit Bischof Walter Mixa groß gefeiert.

Das Leonhardifest in Reichling findet am Samstag, 7. November statt. Um 9.30 Uhr zelebriert der ehemalige Wiespfarrer Georg Kirchmeir in der Pfarrkirche St. Nikolaus die Festmesse, gestaltet vom Kirchenchor/Projektchor unter der Leitung von Kiwha Kim. Anschließend folgt um ca. 11 Uhr die traditionelle Leonhardifahrt mit zweimaligem Umritt durch das Dorf, vorbei am Leonhardidenkmal und zur Segnung bis zur Bruckbergstraße.

Regina Wahl-Geiger

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