Mit einem speziellen Pflugwagen wurde eine knapp 1700 Meter lange Wasserleitung zum Anwesen von Christine Baier und Dominik Stier gelegt. 
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Mit einem speziellen Pflugwagen wurde eine knapp 1700 Meter lange Wasserleitung zum Anwesen von Christine Baier und Dominik Stier gelegt. 

Das war eine ganz besondere Herausforderung für eine Reichlinger Familie

77 Tage ohne Wasserversorgung

  • Klaus Mergel
    vonKlaus Mergel
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Während andere unter den Corona-Beschränkungen wie der Ausgangssperre leiden, gibt es noch ganz andere Entbehrungen: Eine Familie aus Reichling musste gerade 77 Tage ohne Trinkwasserversorgung auskommen. Eine ganz besondere Erfahrung.

Reichling – Eigentlich ist ja Autarkie etwas, von dem viele träumen. Selbst erzeugter Solarstrom, Heizen mit dem eigenen Brennholz und Wasser aus dem eigenen Brunnen: Genau so einen haben Christine Baier und ihr Sohn Dominik Stier auf ihrem Anwesen, das sich in Alleinlage etwa zwei Kilometer außerhalb von Reichling befindet. Seit den 1960er Jahren versorgte der etwa 60 Meter tiefe Hofbrunnen die Bewohner mit Wasser. „Das war nach Messungen sogar besser als das der Gemeinde“, sagt Stier.

Doch er und seine Mutter mussten die schmerzliche Erfahrung machen, wie kostbar das Wasser ist, das einfach so aus dem Hahn kommt. Denn: Irgendwann war es mit dem Brunnenwasser vorbei.

Seit September 2018 gab es Störungen

Schon im November des Jahres 2018 gab es eine Unterbrechung, wie Christine Baier erzählt: „Die Pumpe war kaputt.“ Rund einen Monat, so die 64-Jährige, mussten sie ohne fließendes Wasser auskommen. Aber das war absehbar. Dann 2020: eine Woche auf dem Trockenen, weil eine Stromleitung defekt war. Doch auch dieses Problem konnte noch behoben werden.

Am 5. Februar diesen Jahres jedoch zeichnete sich ein neues Dilemma ab, indem die Spülmaschine nicht mehr funktionierte. „Und irgendwann kam aus der Leitung nur noch ein Rinnsal“, sagt Stier. Es stellte sich heraus, dass in der wasserführenden Schicht in der Tiefe einfach kein Wasser mehr vorhanden war.

Man müsse sich vorstellen, so der 40-Jährige, dass früher in dem Anwesen eine Landwirtschaft mit 200 Schweinen und rund 50 Kühen betrieben wurde: „Was damals noch an Wasser da war.“ Doch diese Zeit ist vorbei: Ganz Deutschland leidet heute unter sinkenden Grundwasserspiegeln – so auch die Region Pfaffenwinkel.

Organisation und Kosten selbst übernehmen

Ein Anruf im Wasserwirtschaftsamt ergab: Man könne unter Umständen den Brunnen zwei Meter tiefer bohren. Doch es sei gar nicht sicher, ob man überhaupt noch Wasser finde.

Eine Nachfrage bei der Gemeinde Reichling ergab: Es sei natürlich möglich, die Familie an das Gemeindenetz anzuschließen – doch die Organisation und die Kosten müsste sie selbst übernehmen.

Doch gerade die Organisation gestaltete sich schwierig. Die Telekom musste mit ins Boot, da neun Telefonmasten für das Graben der Leitung abgebaut werden mussten. „Doch ich bin bei denen immer aus der Leitung geflogen, weil ich selbst keine Telekom-Nummer habe“, sagt Baier.

1700 Meter und 70 000 Euro

Dann mussten Eigentumsverhältnisse mit Ackerbesitzern und rechtliche Fragen geklärt werden. Muss man beim Verlegen über das Grundstück anderer gehen, muss man Grunddienstbarkeiten eintragen lassen? „Ich war schon ganz verzweifelt und hatte wirklich Angst, dass ich das Anwesen hier verliere, weil es hier kein Wasser mehr gibt“, sagt Baier im Rückblick.

Der rund 60 Meter tiefe Brunnen hat seit Februar kein Wasser mehr gegeben.

Denn: Ohne Wasser geht gar nichts. Zum Zähneputzen, Duschen, Wäschewaschen und Kochen, auch für die Klospülung – „überall brauchen wir Wasser“. Und nicht zuletzt: zum Trinken. Doch: „Wir hatten uns eigentlich recht schnell an den Zustand gewöhnt“, erzählt Sohn Stier. Kochen mit Sprudelwasser, Klospülen mit Regenwasser aus dem Kübel.

Und wie das so in Notzeiten ist: Es zeigt sich die Hilfsbereitschaft der Mitmenschen. Etwa von Franziska und Hans Steeb aus Reichling: Das befreundete Paar stellte nach Bedarf Wasser in ausrangierten Milchkannen zur Verfügung: Die füllten Baier und Stier auf und fuhren sie per Auto nach Hause. Bei zahlreichen Freunden konnten Christine Baier, Sohn Dominik Stier und dessen Partnerin Wäsche waschen, duschen – und auch mal baden.

Parallel auch Glasfaserkabel verlegt

Was in Coronazeiten aber gar nicht so einfach ist: „Wir mussten uns da sehr genau abstimmen, damit niemand gefährdet wird“, erklärt Stier. Und: Ein extrem sparsamer Umgang mit dem kostbaren Nass stellte sich ein. Haarewaschen nur in langen Intervallen. Möglichst bei körperlicher Arbeit nicht schwitzen oder sich dreckig machen.

Doch dann die Wende, als die Überlegung aufkam, gleich das Glasfaserkabel fürs Breitband mit zu verlegen. Ein Herr von der LEW stellte freundlicherweise den Kontakt zur Telekom her, es wurde ein Vertrag gemacht. Thomas Bach aus Rottenbuch machte eine GPS-Vermessung. Bei der sich rausstellte, dass man auf Gemeindegrund entlang der Felder verlegen könne.

Und wieder kam Hilfsbereitschaft aus dem Ort: Martin Mitschke aus Reichling stellte beim Bauunternehmen Hubert Graf sein Bauvorhaben zurück: Er will einen Feldstadel errichten, „aber die Wasserversorgung der Familie ist natürlich wichtiger“, sagte er.

Zahlreiche Helfer aus dem Ort

Auch die Gärtnerei Löwenzahn stellte bereitwillig einen Wasserschacht zur Benutzung zur Verfügung. Baier telefonierte alle Grundstücksbesitzer entlang der Trasse ab, falls man doch eventuell auf den Grund „rutsche“: „Für keinen war es ein Problem.“

Voll des Lobes sind Baier und Stier auch für den Reichlinger Wasserwart Walter Mayr: „Der hat uns überall unterstützt. Er hat mit den Firmen vermittelt, hat sich um den Anschluss gekümmert und die Zusammenarbeit mit der Gemeinde optimiert.“

Anfang April sollte es dann endlich losgehen. 1700 Meter waren bis zur Leitung in Reichling zu bewältigen. Doch wieder gab es Verzögerungen: Bei der Firma Erich Schleich, die den Anschluss bewerkstelligen sollte, kam es zu einem Arbeitsunfall. Der Reichlinger Bauunternehmer Hubert Graf, der gemeinsam mit der Kabel- und Rohrpflügungsfirma Böck aus Rückholz die Leitung verlegen sollte, musste für 14 Tage in Quarantäne.

„Haben Luxusvariante an Not erlebt“

Für Sohn Stier besonders unangenehm: der späte Kälteeinbruch. Denn er hat in seinem Gebäude einen wasserführenden Kachelofen – ohne fließendes Wasser gab es auch keine Heizung im ganzen Haus. „Frieren war angesagt.“

Schließlich der Durchbruch: Die Firmen Böck und Graf „schossen“ in zwei Tagen die Leitung in etwa zwei Metern Tiefe mit einem speziellen Pflugwagen durch. Für die Handwerker ist Baier voll des Lobes: „Das sind alles Leute, die denken mit und die haben schnell Lösungen parat.“

Inzwischen sprudelt das Wasser wieder glasklar aus dem Wasserhahn von Baier und Stier, auch die Klospülung rauscht wieder auf Knopfdruck. So ganz können sich die Bewohner jedoch noch nicht an den Zustand gewöhnen: „Man greift automatisch immer noch nach dem Eimer“, sagt Stier. Rund 70 000 Euro hat die Familie das fließende Wasser aus der Leitung gekostet. Doch sie haben auch viel gewonnen: die Erfahrung, wie hilfsbereit Menschen sind, die man vorher kaum kannte.

Und die, wie unglaublich kostbar das Wasser ist. Christine Baier im Rückblick: „Wenn man am Fernsehen sieht, wie manche Menschen auf der Erde ohne Wasser leben müssen, etwa in den Flüchtlingslagern, dann haben wir mit ein paar Wochen ohne Wasser nur eine Luxusvariante an Not erlebt. Wir sollten uns bewusst sein, dass Wasser ein kostbares und endliches Gut ist.“

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