Am 30. September 1992 wurde das letzte Mal Milch an der „Käskuch“ angeliefert.

Rückblick auf die Geschichte

Nur noch elf Milchbauern: Molkereigenossenschaft Reichling verkündet Aus nach 117 Jahren

Es war in zweierlei Hinsicht eine besondere Feier bei der Molkereigenossenschaft Reichling: Zum einen, weil 117 Jahre kein rundes Jubiläum sind, zum anderen, weil sich direkt danach die Molkereigenossenschaft aufgelöst hat.

Reichling – Auf Einladungdes letzten Vorstandsvorsitzenden Peter Harrer waren aktive und ehemalige Milchlieferanten ins Gasthaus Mitschke gekommen und bekamen einen beeindruckenden Rückblick in die bewegte Historie der Molkereigenossenschaft von Altbürgermeister und Archivar Manfred Mayr geliefert. So sind von den einst über 100 landwirtschaftlichen Höfen und Kleinbauern heute noch elf Milchbauern in Reichling und Reichlingsried übrig geblieben. Mit dem drohenden Ende der Anbindehaltung werden auch die vier noch im Ort befindlichen Höfe ihren Betrieb aufgeben.

1671 gibt es 81 Häuser im Ort. Die Kost der Leute ist schlecht. Kraut, Nudeln und Gerstenbrot sind die einzige Nahrung. Der Feldanbau macht große Mühe. Flachs und Rüben werden angebaut. Die Weidewirtschaft funktioniert mit Brachland und Stoppelfeldern, die Böden sind nass und moorig, die Ställe dunkel und eingestreut mit Fichtennadeln und Laub. Kühe gaben nur wenig Milch. Hunger und Epidemien waren allgegenwärtig.

Die Personen auf dem Bild sind nicht bekannt. Es handelt sich um eine Käserfamilie, die vor dem Gebäude der ersten Genossenschaft (gegründet 1902) steht.

Genaue Angaben gibt es ab 1704. Reichling hat 99 Häuser (Hofstellen), es gibt 256 Roß und Rinder, 95 Schafe und 105 Geißen. 1830 ist Reichling bereits auf 111 Häuser angewachsen. Erst mit dem technischen Fortschritt und dem Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft wird produktiver gearbeitet und der Lebensstandard bessert sich. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts beginnt ein Anstieg in der Viehwirtschaft. Es gibt einen ergiebigeren Futteranbau. Die Wiesen sind fast alle jetzt zweimähdig.

Vor Gründung der Molkereien werden vier kleine Käsereien erwähnt, von Thomas Baudrexl, Georg Dirr, Theodor Rapp und Konrad Sepp. Auf einer Schiefertafel der Milchlieferanten von Baudrexl aus dem Jahr 1897 sind die Anliefermengen von 26 Lieferanten verzeichnet. Es gibt Bauern, die zwei Mal täglich Milch anliefern können, und andere, die nur vier Liter Morgenmilch zu den Käsereien liefern, denn die Abendmilch ist für den Selbstverbrauch. Da die Stromversorgung erst 1920 Reichling erreichte, musste experimentiert werden, um Energie zu erzeugen.

Die kleinen Molkereien stellten zwischen 1902 und 1906 ihre Betriebe ein. Neue Entwicklungen führten zu einer rasanten Entwicklung der Milchverarbeitung und Milcherzeugung, was wiederum zu einer Gründungswelle von Molkereigenossenschaften führte. Aus dem Rahm, dem „Milchfett“, wurde mit dem Butterfass Butter hergestellt, die anfallende Molke wurde zuerst auch verkauft, doch nachdem es mehr Schweinemast im Dorf gab, wurde sie in der Tierfütterung verwendet.

Erste Molkereigenossenschaft wird gegründet

Nach dem Ende des privaten Molkereibetriebes von Simon Baudrexl wurde die erste Molkereigenossenschaft gegründet. Sie erwarb im Jahre 1902 ein Teilgrundstück des Hofraumes der Eheleute Andreas und Theresia Graf Hausnummer 54 („Jakobibauer“), für 800 Mark und errichteten darauf eine Käsküche mit der Hausnummer 126.

Blickten zurück: Der letzte Genossenschafts-Vorstand Peter Harrer (l.) und Altbürgermeister Manfred Mayr.

Nach dem Brand des Molkereibetriebes von Wendelin Rapp am 29. Januar 1905 erwarb eine zweite Genossenschaft 1908 das Anwesen Hausnummer 95 („Beim Schusterkarl“) von Johann Eisele und errichtete dort nach dem Abbruch des Hauses eine Dampfmolkerei für 8000 Mark. Der Milchpreis lag bei neun Pfennig pro Liter. Auf Bildern eines Leonhardiritt aus dieser Zeit sieht man die Fuhrwerkswaage, eine Straßenhälfte vor der Molkerei. 1918 wurden zwei Milchpfennige abgezogen, um das Kriegerdenkmal zu finanzieren.

1924 wurden zwei Genossenschaften zusammengelegt. Mayr erzählt von Streitigkeiten und Verhandlungen mit dem Milchaufkäufer Link in Schongau, später wurde die Milch an die Molkerei Huber (Buchloe) geliefert. Milchlieferungen mit Lastwägen erfolgten ins im Zweiten Weltkrieg zerbombte München. Von schlechter Zahlungsmoral der Molkereien und teuren Neuanschaffungen kann man in diesen Zeitzeugnissen die Not und Sorge erahnen. Fein säuberlich ist in altdeutscher Schrift dokumentiert von Eigenbewirtschaftungen und Milchverkäufen. Nach dem Bau der Holz-Lechbrücke lieferte die Hirschau ihre Milch nach Epfach. 1957 wurde Rohmilch ans Butterwerk geliefert. Kleinlimburger und Edamerkäse wurde selbst hergestellt.

Vier Millionen Liter Milch von 40 Milchbauern

1960 gab es noch 93 Milchlieferanten. 1964 endete die Eigenbewirtschaftung in Reichling. Aus der Käsküche wurden Wohnungen und im Anbau bekam die Landjugend ein Heim. Ebenso probte dort der Musikverein. 1972 wurde eine Kühlzelle eingebaut für den Notschlachtverein. 1982 begann die Hofabholung. Hans Steeb, auch unter den Besuchern, war der erste Milchsammelwagenfahrer, der „Zuzelwagenfahrer“. 1984 waren es vier Millionen Liter Milch von 40 Milchbauern. Viele Landwirte gaben ihre Höfe auf.

Morgens und abends war die Molkerei der Kommunikationstreffpunkt des Ortes, wenn die Bauern ihre Milch anlieferten. Es war ein beliebter Treffpunkt, man warf einen Blick auf die Anschlagtafel, diskutierte und erfuhr Neuigkeiten, als man mit Milchkarren oder Traktoren täglich zweimal die gefüllten Milchkannen zur „Käskuch“ brachte. Die Rohmilch wurde mit einem Schlauch abgepumpt.

Ulrich Heiland, der zehn Jahre lang als Käser gearbeitet hatte und danach 27 Jahre die Milchsammelstelle betreute, sperrte am 30. September 1992 schließlich nach 87 Jahren die „Käskuch“ das letzte Mal für die Milchanlieferung auf. Das wurde mit einem Film und Bildern festgehalten. Das Wetter war der Stimmung angemessen: Es regnete. Für jeden Bauern war ein Porzellan-Namenstäfelchen an seinem Fach angebracht. Die Milch wurde gewogen und kam nach dem absaugen in die große Kühlwanne.

Das Gebäude wurde von der Gemeinde erworben und wegen des schlechten Zustands abgebrochen. 2003 erfolgte durch Initiative von Kirchenpfleger Leonhard Forschner und dem damaligen Bürgermeister Manfred Mayr ein Neubau. Heute ist es ein viel belegtes Gemeinschaftshaus.

Dem letzten Vorstand der Molkereigenossenschaft, Peter Harrer, der seit 2001 das Amt ausführt, obliegt nun die schwere Aufgabe, das Genossenschaftskapital gerecht aufzuteilen und abzuschließen. Die Protokollbücher der Molkereigenossenschaft sollen fortan in der Obhut von Manfred Mayr im Dorfmuseum aufbewahrt werden.

VON GISELA KLÖCK

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