Im allergiefreien Stall wieder gesundet: Andrea Seelos hilft Pferden, die andere schon aufgegeben haben. Foto: Förg

Retterin todgeweihter Pferde

Huttenried - Andrea Seelos hat in Huttenried eine Pferde-Reha eingerichtet. Im allergiefreien Stall werden todgeweihte Pferde therapiert. Rund 40 Tieren konnte schon geholfen werden.

Wer den Stall von Andrea Seelos in Huttenried betritt, der ist irritiert. Wer in Ställe kommt, rechnet nun mal mit Stallgeruch, ein bisschen mistig eben. Hier riecht es maximal aromatisch nach ätherischen Ölen. Der Blick geht nach oben. Eine Lichtkuppel, regulierbare Lamellen. Helle Boxen mit beschatteten Paddocks. Ein paar Pferdeköpfe, die sich auf eine Stallgasse herausrecken, die peinlich sauber ist. Nun wäre so etwas generell ein Traumstall, aber im Fall von Andrea Seelos ist das mehr als Luxus fürs Pferd, sondern eine Reha-Einrichtung und Notwendigkeit. Und die letzte Chance für Pferde, die andere schon aufgegeben haben.

Andrea Seelos führt aber weder einen Gnadenhof, noch kommt sie aus irgendeiner esoterischen Ecke. Vielmehr hat sie so was Bodenständiges wie Automechanikerin gelernt, ihr einziger Tick ist, „dass ich schon als junge Frau Schlachtpferde aufgepäppelt habe und weiter vermittelt“, lacht Seelos. Sie stapelt eher tief, denn sie hat jahrzehntelange Erfahrung in Pferdezucht und Reiterei und feststellen müssen, dass sehr oft Pferde als austherapiert eingeschläfert wurden, wo Seelos immer noch an eine Chance glauben wollte.

Neben Problemen im Bewegungsapparat und dem störungsanfällige Magen-Darm System ist die ganz große Schwachstelle beim Pferd die Atmung. Es beginnt harmlos, das Pferd hüstelt ein wenig. Man wartet. Es hustet. Man holt den Tierarzt. Im günstigen Fall ist das eine therapierbare Infektion, die meist mit Fieber einhergeht. Im ungünstigen Fall beginnt ein langer Leidensweg mit immer neuen Medikamenten. Manche erkennen auch Allergiegeschehen, wer schon etwas weiter ist, versucht durch eingeweichtes Heu, Staub, Milben und Sporen zu reduzieren. Das klappt aber immer nur sehr bedingt und endet häufig mit einem Pferd, das man im Volksmund als „dämpfig“ beschreibt. Ultimo Ratio ist das Einschläfern, weil diese Tiere fast keine Luft mehr bekommen und ganz grausam leiden müssen.

Solche Pferde sind in Huttenried hochwillkommen. Und mit ihrer Einstallung kommt auch Dr. Hans-Peter Muell aus Stötten. Der Tierarzt macht eine Eingangsuntersuchung, er nimmt Blut, er erstellt eine Blutgasanalyse. „Pferde mit einer chronischen Bronchitis im Endstadium haben eine Hypergie. Es ist nämlich nicht ganz korrekt von einer Allergie zu sprechen, wir reden von einer Hypergie, einer Überempfindlichkeit auf eine Vielzahl von Stoffen“, erklärt Dr. Muell.

Andrea Seelos schaltet alle diese Stoffe aus. Sie füttert u.a. allergiefreies Futter, das Einstreu ist Sägemehl mit hohem Holzfeuchteanteil, im Stall wurden nur Biofarben und allergiefreie Materialien verwendet. Und das hilft? Der Schulmediziner Muell lächelt. „Manche reden von Wundern, aber hier spielt das Bündeln von Kräften eine große Rolle. Und die Guten unter uns sagen immer nur: Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft.“ Und nach dem dürften die Pferde nach einer bis zu dreimonatigen Kur eben nicht Blutgaswerte wie ein gesundes Pferd haben.

Haben sie aber und das hat mit Andrea Seelos zu tun. „Die Achillesferse jeder Therapie ist immer auch die mangelnde Konsequenz und Kompetenz der Umgebung“, sagt der Mediziner. Andrea Seelos ist konsequent und laut Muell hat sie den „faszinierenden Blick fürs Ganzheitliche. Sie beobachtet und denkt nach“. Und entscheidet richtig, wer aus dem interdisziplinären Team aus Tierarzt, Hufschmied, Ostheopatin und Heilpraktikerin welche Schritte tun muss.

Rund 40 Pferden, die dem Tode geweiht waren, wurde schon geholfen. Primär chronischen Hustern, aber auch EMS-Pferden oder Pferden, die angeblich unreitbar waren, was sich als massive Rückenprobleme herausgestellt hatte. „Wir stehen am Anfang. Wir haben aber die objektivierbaren Blutgaswerte vorher und nachher, und wir wollen in jedem Fall mehr medizinische Daten sammeln“, sagt Seelos. Der man eins getrost glauben darf: „Es war einfach mein Traum so einen Stall zu bauen und Tieren zu helfen, die nach einem langen Leidesweg noch eine Chance verdient haben.“

Nicola Förg

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