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Ausbilderin spricht Klartext zum Erziehermangel: „Nicht mehr stemmbar“ - Ministerium aber schweigt zum Thema

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Von: Veronika Mahnkopf, Christine Novotny

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Überall das Gleiche: In bayerischen Kitas fehlen Erzieher und Erzieherinnen - und zwar massiv. Doch woran liegt‘s wirklich? Und wie soll es in den kommenden Jahren weitergehen?

Rottenbuch/Weilheim - Wenn morgens das Kita-Telefon klingelt, rutscht Gabriele Fix manchmal das Herz in die Hose. Sie ist die stellvertretende Leiterin des Montessori Kinderhauses in Weilheim. Und ein Anruf am Morgen kann für sie oft nichts Gutes bedeuten: „Wenn ich in der Früh einen Anruf kriege mit „heute bin ich krank“, dann denke ich mir schon: Oh herrje.“ Eine Betreuerin weniger, da kollabiert das System in jeder Kita schnell. Und das passiert zur Zeit bayernweit öfter, als es sein dürfte.

Bayern ächzt wie andere Bundesländer auch seit Jahren unter einem eklatanten Fachkräftemangel im Kindertagesstättenbereich. 10.942 Stellen für Erzieherinnen und Erzieher hatte die Bundesagentur für Arbeit 2021 im Angebot – ein Anstieg um 157 Prozent seit 2010. Bis zu 72.500 Fachkräfte könnten in den kommenden fünf Jahren in westdeutschen Kitas fehlen. Beides meldet das Fachkräftebarometer. Gleichzeitig hat der Freistaat Bayern nach Angaben des Familienministeriums die Zahl der Betreuungsplätze seit 2008 um 188 Prozent gesteigert. Eine Rechnung, die nicht aufgeht.

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Erziehermangel in Bayern: Auszubildende werden von Kitas richtig abgeworben

Das weiß auch Edith Richter-Schindele. Sie ist stellvertretende Schulleiterin an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rottenbuch. Die Schule habe viele AbsolventInnen. Am Ende des Tages seien aber auf dem Arbeitsmarkt trotzdem nicht genug Fachkräfte zu finden. „Unsere AbsolventInnen haben teilweise schon Stellen ein halbes Jahr bevor sie ihren Abschluss machen. Die werden richtig abgeworben.“

Doch warum landen die fertigen Erzieherinnen und Erzieher nicht in den Kitas, wo sie so dringend gebraucht werden? Sie landen dort, doch es sind nicht genug, sagt Richter-Schindele. Klar gibt es die, die den Kern des ErzieherInnen-Berufs - das Begleiten von Kindern im frühkindlichen Alter - nach der Ausbildung nicht ausüben. Sie stören sich eventuell an der Bezahlung. Laut lohnspiegel.de, einer Website der Hans-Böckler-Stiftung, liegt das Einstiegsgehalt bei ErzieherInnen brutto bei rund 2.650 Euro pro Monat. Anderen fehle die Anerkennung innerhalb der Gesellschaft, sagt die Schulleiterin. Knackpunkt sei aber vor allem, dass die Kinderbetreuung in den letzten Jahren massiv ausgebaut wurde - und die Kinder auch länger am Tag in die Einrichtungen gehen. Und für diesen gestiegenen Bedarf reichen die Azubis eben nicht mehr.

Erziehermangel konkret: Mitarbeiterin berichtet, dass eineinhalb Jahre keine Bewerbungen reinkamen

Gabriele Fix merkt das Tag für Tag. An manchen Tagen reiche die Besetzung im Montessori-Kinderhaus „hinten und vorne nicht“. Am schlimmsten war es aber schon vor ein paar Jahren. Da hat sie zu zweit mit ihrer Kollegin im sogenannten Kinderhäuschen, der Krippe in der Einrichtung, gearbeitet. „Wir haben eineinhalb Jahre nach einer Erzieherin oder einem Erzieher gesucht, aber niemanden gefunden. Es kamen keine Bewerbungen rein.“ In diesen eineinhalb Jahren seien die beiden Betreuerinnen für zwölf Kindern zuständig gewesen, manchmal sei eine Aushilfe dazu gekommen. Bei so einer Besetzung fühle sie sich „ziemlich unter Stress, weil ich meine, dass es so laufen muss wie sonst auch, um bei den Kindern nichts verkehrt zu machen. Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht.“

Auch Gabriele Fix vom Montessori Kinderhaus in Weilheim bekommt den eklatanten Erziehermangel in Bayern zu spüren.
Auch Gabriele Fix vom Montessori-Kinderhaus in Weilheim bekommt den eklatanten Erziehermangel in Bayern zu spüren. © dpa/ videoreadktion/ippen.media

Dieses Gefühl ist genau das, was eine Befragung unter ErzieherInnen durch die Hans-Böckler-Stiftung widerspiegelt: „Erfüllend“ und „abwechslungsreich“, aber auch „viel Stress“ und „wenig Geld“ würde der Beruf demnach bedeuten. Fix beschreibt es so: „Das ist ein Irrsinn zu zweit mit zwölf Kindern zu arbeiten. Man arbeitet dann immer an den Ursprungsideen vorbei. Dass man sich Zeit nimmt zum Wickeln z.B. Man ist dann nur am schauen, dass es irgendwie am Laufen gehalten wird. Zu dritt oder zu viert schaut das dann ganz anders aus.“ 

Fachkräftemangel in Kitas: Beruf ist idealerweise „nicht nur ein in Schach halten“ der Kinder

Genau hier ist der Haken, sagt Schulleiterin Richter-Schindele. Schon die Bezeichnung „ErzieherIn“ hat so ein angestaubtes Image, als würde man die Kinder vor allem pflegen und verwahren. Dabei ist es so viel mehr - wenn genug Personal da ist: „Ich würde von Bildungsbegleiter sprechen.“ Die Zeit mit dem Personal in Kitas sei ein „wichtiger Teil des Lebens des Kindes“. Es ist idealerweise nicht nur ein „in Schach halten“. Diese Herausforderung sei oft aber nicht mehr stemmbar. Hier sieht Richter-Schindele den „Hauptteil vom Burnout“ in dieser Branche. BerufsanfängerInnen bekommen das mit, manche Kollegen in den Kitas raten sogar ab - und der Teufelskreis aus Berufsabbrechern und Personalmangel setzt sich fort.

Aber es muss doch Lösungen geben. Klar ist, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen - und das darf auch nicht passieren: Dass Mütter wieder im Beruf zurückstecken, um den ErzieherInnen-Mangel aufzufangen. Richter-Schindele rät dazu, an den Rahmenbedingungen anzusetzen: Gruppengrößen, Gehalt, mehr Berufszufriedenheit auch durch mehr gesellschaftliche Anerkennung. Merkur.de hat beim bayerischen Familienministerium nachgefragt, welche konkreten Maßnahmen von Freistaatsseite geplant sind, um dem Erziehermangel entgegenzutreten. Leider blieb diese Anfrage unbeantwortet.

Erziehermangel in Bayern: Der Job ist eigentlich „ein großes Glück“

„Es müsste eine Person mehr sein, das würde schon viel viel bringen“, sagt Gabriele Fix vom Montessori Kinderhaus ganz pragmatisch. Dabei ist ihre Einrichtung noch gut aufgestellt: Dort arbeiten vor allem ErzieherInnen mit langjähriger Erfahrung und es gelingt auch immer wieder PraktikantInnen zu gewinnen.

Am Ende des Gesprächs muss Fix lächeln: „Ich würde den Job immer wieder machen. Es gibt so viele schöne Seiten. Zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln, und dabei sein zu dürfen, das ist ein großes Glück.“ cn/sta

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