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Per Winde lassen Theobald und sein Team vorsichtig den ausgebauten Spieltisch von der Empore herab.

Abbau hat begonnen

Die Rottenbucher Freiwieß-Orgel geht auf Reisen

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Die Freiwieß-Orgel in der Rottenbucher Stiftskirche ist ein Juwel. Doch die Jahrhunderte seit ihrem Bau 1747 sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Jetzt haben Fachleute mit dem Abbau des besonderen Instruments begonnen. In Bonn soll dem Meisterwerk zu altem Glanz verholfen werden – eine Mammutaufgabe.

Rottenbuch – Hans-Wolfgang Theobald steht vor dem Altar und deutet nach oben. In seinem Gesicht spiegelt sich ehrliche Bewunderung. „Diese Kirche ist einfach unglaublich“, schwärmt der Bonner. Es ist nicht sein erster Besuch in der Rottenbucher Stiftskirche, doch die Faszination des kunstvoll gestalteten Innenraums ergreift ihn immer wieder aufs Neue. Mindestens genauso begeistert ist Theobald aber vom eigentlichen Anlass für seine Reise in den tiefsten Pfaffenwinkel nach Rottenbuch. Dieser befindet sich hoch oben auf der Empore: die Freiwieß-Orgel.

Orgelbauer Hans-Wolfgang Theobald beim Ausbau der Pfeifen hoch oben unter der Kirchendecke.

Im Frühjahr 2018 hatte sein Arbeitgeber, die Firma Klais Orgelbau in Bonn, den Zuschlag für die Sanierung des historischen Instruments erhalten, das in der Region seinesgleichen sucht. Ursprünglich sollten die Arbeiten noch im vergangenen Jahr beginnen, doch der Zeitplan geriet wegen der Finanzierung in Verzug. Immerhin stolze 700 000 Euro kostet das Mammutprojekt. Allein 300 000 Euro übernimmt der Bund, jeweils 150 000 Euro steuern die Regierung von Oberbayern und das Ordinariat bei. Weitere 25 000 Euro schießt die Gemeinde Rottenbuch zu. Die restlichen 75 000 Euro stemmt man aus Eigenmitteln und Spenden.

Die hohen Kosten versteht, wer sich den Aufwand vor Augen führt. Ende vergangenen Jahres wurde die Orgel per Drohne mit einem speziellen Verfahren genau vermessen. Schon 2012 hatte Theobald eine 62 Seiten starke erste Bestandsaufnahme durchgeführt. Dabei fand der Orgelbauer heraus, dass Freiwieß das Instrument zwar 1743 gebaut hatte, es jedoch schon 40 Jahre später wieder überarbeitet und sogar erweitert wurde. Und zwar vom Schongauer Andreas Handmann, der damals in der Werkstatt Freiwieß’ arbeitete. „Unser Ziel ist es, diesem Zustand wieder so nah wie möglich zu kommen“, sagt der Orgelbauer.

Erschwert wird diese Aufgabe durch die Arbeiten, die 1963 an der Orgel durchgeführt wurden. Auf „nicht adäquate Weise“ habe man damals das Instrument modernisiert, drückt es Theobald diplomatisch aus. Die Folge: Den Klangcharakter, der eine Barock-Orgel eigentlich ausmache, habe das Instrument dadurch verloren. Der neue Klang sei hart, statt zart und fragil gewesen. Herauszufinden, was genau 1963 verändert wurde, ist wichtig, um den Originalzustand möglichst authentisch wieder herstellen zu können. „Das hat etwas von kriminalistischer Arbeit“, erklärt der Orgelbauer. Seit er und sein Team in der vorigen Woche mit dem Abbau der Orgel begonnen haben, läuft die Spurensuche. 

„Da ist teils böse gepfuscht worden“

Dabei förderten sie die ein oder andere Überraschung zutage. Ein 1963 aufgegebenes Register fand man an anderer Stelle wieder, manche Original-Pfeife hatte man mit neuem Fuß versehen und an anderer Stelle weiterverwendet. Auch auf Aluminiumteile und mit grauer Farbe bestrichene Hölzer stießen die Fachleute. Viele der ausgebauten Pfeifen sieht man zudem die Reparatur- und Umgestaltungsversuche an. „Da ist teils böse gepfuscht worden“, sagt Theobald. Alle rund 2900 Pfeifen verpacken er und sein Team sorgsam in große hölzerne Kisten. In der firmeneigenen Werkstatt in Bonn werden sie in den nächsten Monaten gereinigt und hergerichtet. Das geht soweit, dass die chemischen Bestandteile der Legierung analysiert werden, um in der eigenen Gießerei das Material möglichst originalgetreu zu kopieren.

In den Originalzustand versetzt werden auch die alten Windladen, die 1963 aufgegeben und ausgebaut worden waren. Sie befanden sich zuletzt im Lager des Nationalmuseums in München – ein Glücksfall. Gleiches gilt für alte Holzteile, die der frühere Mesner über all die Jahre aufbewahrt habe, sagt Theobald. „Es ist phänomenal, wenn man so etwas wiederfindet.“

Gut zu erkennen: die alten Windkanäle, die im Inneren der Orgel verlaufen.

Noch bis Fronleichnam dauert der Abbau der gesamten Orgel. Nach den Restaurationsarbeiten in Bonn kehren die Einzelteile voraussichtlich im Mai 2020 zurück nach Rottenbuch. Mindestens fünf Monate wird die Stiftskirche dann zur Baustelle inklusive kleiner Werkstatt, denn solange dauert es, bis die Fachleute die Orgel Teil für Teil zusammengesetzt haben. Im Spätherbst könnten die Rottenbucher ihre berühmte Orgel dann erstmals wieder klingen hören. Darauf freut sich Theobald schon jetzt: „Wenn alles gut klappt, sagen die Leute dann hoffentlich, wie schön es geworden ist.“

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