Von Kalkutta nach Rottenbuch

Sushila Sara Mai: „Ein bayerisches Urviech mit indisch-exotischem Touch“

  • vonKatrin Kleinschmidt
    schließen

Sushila Maier übersieht man nicht. Die Rottenbucherin ist fröhlich, quirlig, gesprächig. Echt bayerisch, sagt sie. Aber auch echt indisch. Die Geschichte einer Adoption, die mit Hilfe von Mutter Teresa begann.

Rottenbuch – „Oh, da ist er!“ Sushila Maier wird schneller. Der eiskalte Wind saust durch ihr Haar. Vor einem Baum bleibt sie stehen, schaut. „Hm, nein. Dann der.“ Sie zeigt auf ein mächtiges Exemplar daneben. Ein Blitz hat diesen Baum einst gespalten, dicke Stämme stehen in mehrere Richtungen ab. „Mei, da sind wir drin rumgeklettert.“ Voller Begeisterung erzählt sie von den Abenteuern im Wald, hinter der Kirchenmauer.

Vom Baden in der Ammer, „meiner blauen Lagune“. Der Wind streicht durch die Äste, und bei den bunten Schilderungen Maiers hört man fast das Kinderlachen von damals. Das fröhliche Getobe der kleinen Sushila, die heute, an einem wunderschönen Wintertag, zurückgekommen ist. 42 Jahre ist sie alt. Und verliebt in Rottenbuch. In die Wälder, das Elternhaus, diese fast schon unverschämte Idylle. „Das ist meine Heimat. Ich liebe die Landschaft, die Menschen, die Sprache“, sagt sie. Dann atmet sie tief ein. „Trotzdem war nicht alles schön hier.“

Sushila Maier heute: Die Schauspielerin besuchte im Winter ihre Heimat Rottenbuch.

Maier ist Inderin. Ihre Hautfarbe verrät das, der dunkle Lockenkopf ebenso. So kann keine Bayerin aussehen, fanden manche. Sie wurde von anderen Kindern beleidigt, ein Mitschüler stieß ihren Kopf gegen die Wand. „Die haben weitergegeben, was die Erwachsenen geredet haben“, sagt Maier. Auch ihre Eltern wurden vor den Kopf gestoßen, gefragt, warum es ein „Ausländerkind“ sein musste. „Das Inder-Neger-Kind“, sagt Maier. „Das war für die alles eins.“ Doch „die“ waren nicht die meisten im Ort, davon ist sie heute überzeugt. „Aber es waren die lautesten.“ Sushila Maier stürzte das in eine Identitätskrise. In einen Strudel aus Angst, Dankbarkeit und der Frage: Wer bin ich?

Gefunden von Ordensschwestern auf den Straßen Kalkuttas

Als Kleinkind lebte sie mit ihrer Mutter auf den Straßen Kalkuttas. Schwestern des Ordens von Mutter Teresa trafen die beiden dort an. Die Mutter war schwer krank, hatte sich, so gut es ging, um ihre Tochter gekümmert. Sie kam in ein Hospiz, Sushila in ein Kinderheim. „Sie wollten mir ein Zuhause geben, bis es meiner Mutter besser ging“, erzählt Maier. So haben es ihr Schwestern später erzählt. Doch die Mama wurde nicht mehr gesund, sie starb. „Und über den Rest meiner Familie war nichts bekannt.“ So blieb das kleine Waisenmädchen, gerade zwei Jahre alt, bei den Ordensschwestern.

Besonderer Segen: Mutter Teresa streichelt der kleinen Sushila über den Kopf.

Gleichzeitig wünschte sich ein Ehepaar in Rottenbuch ein zweites Kind. Ludwig und Mechthild Maier wollten ein Geschwisterchen für die sechsjährige Tochter. Sie entschieden sich für eine Adoption, um einem Mädchen aus einem armen Land eine Zukunft zu geben. Das Ehepaar schickte Briefe nach Afrika, Südamerika, Asien. Nur eine Antwort kam: aus Kalkutta, Indien. Weil die Maiers weder Fotos sehen wollten noch sonstige Bedingungen stellten, entschieden die Ordensschwestern, welches Mädchen nach Bayern ziehen sollte: Sushila. Mutter Teresa streichelte dem Mädchen den Kopf, segnete es. Dann nahm eine andere Familie, die ebenfalls ein Kind adoptiert hatte, Sushila mit nach Deutschland. „Meine Eltern konnten sich den Flug nach Indien nicht leisten, sie holten mich in Frankfurt ab“, sagt sie und schmunzelt. „Heute undenkbar.“

Mitten rein in ein bayerisches Leben

So begann für sie ein neues Leben. Ein bayerisches. In einem Haus auf dem Land. Mit großem Garten. Maier geht langsam am Zaun entlang, schaut zur großen Wiese, wo Bank und Stühle standen. Und zur Gartentür. „Die Rosenbögen sind noch von meinen Eltern.“ Dann zeigt sie zum Gebäude. „Die Hausnummer habe ich in der Schule getöpfert.“ Die Adresse ihrer Familie zeigt sie aber nicht mehr an. Das Haus wurde verkauft. Maier betrachtet es mit einem Lächeln. Dieses Grundstück ist für sie Kindheit. Heimat. Bayern.

Ein kleiner Sonnenschein: Sushila mit ihrem Papa Ludwig Maier und einer guten Bekannten der Familie.

Ihre Eltern, tief gläubig, legten Wert darauf, sonntags in die Kirche zu gehen. Sie sprachen Dialekt, aßen gern deftig. „Ich habe die bayerische Tradition wie Muttermilch aufgesaugt.“ Manchmal vergaß sie, dass sie anders als die anderen Kinder im Ort aussah. „Aber die Blicke der anderen erinnerten mich daran.“ Sie versuchte, sich die dunkle Haut wegzurubbeln. „Ich war froh, als darunter eine weiße Schicht hervorkam.“ Doch ihre Haut regenerierte sich, wurde wieder braun. „Leider.“

Weil sie dunkelhäutig ist, war es die Maria im Krippenspiel der Gemeinde auch. Obwohl sich so manch’ einer dagegen wehrte, durfte Maier als Neunjährige die Mutter Jesu spielen. „Da habe ich die Kommune gespalten“, erinnert sie sich. Was sie nicht mehr wusste: Dass sie den Trachtenverein verlassen musste. „Ich dachte immer, ich hätte keine Lust mehr gehabt.“ Ihr Vater gestand ihr später, dass sie rausgeschmissen wurde, weil sie nicht dazu passte.

Der Leistungsdruck setzte ihr zu

Die Eltern stärkten ihr Selbstbewusstsein. „Sie haben das gut gemacht, sagten: Du bist hier. Du gehörst hier hin.“ Und: „Du darfst dich wehren.“ Verbal, versteht sich. Allerdings wollten sie auch, dass es die Tochter allen zeigt. Mit Leistung, die sie immerzu einforderten: in der Schule, beim Sport, beim Klavierspielen. „Meine Eltern wollten beweisen, dass ihr Kind in nichts nach steht.“ Die ständigen Erwartungen und Anforderungen hatten ihren Preis. „Ich hatte den Eindruck, ich werde nicht meinetwegen geliebt, sondern nur, wenn ich Leistung bringe.“ Die brachte sie, Maier war eine gute Schülerin, ehrgeizig, auf der Suche nach Perfektion. Streng zu sich selbst. Doch der Druck belastete das Verhältnis zu den Eltern. Als Teenager rebellierte Maier, log, haute ab. Sie flüchtete zur Oma nach Wildsteig, wohnte dort ein halbes Jahr, machte ihr Abi am Gymnasium Schongau. Und besann sich. „Ich wollte nicht, dass wir so auseinandergehen.“ Krisen beutelten die Familie. „Ich merkte, dass ich für meine Eltern da sein musste.“ 2006 starb ihre Mama, 2018 der Papa.

Im Gespräch mit der Heimatzeitung: Sushila Maier berichtet im Interview auch von den Schwierigkeiten, die sie in ihrer Kindheit hatte.

Das Elternhaus war da schon verkauft. Maier hatte sich ein eigenes Leben aufgebaut. In Frankfurt am Main absolvierte sie ein Volontariat in einer Werbeagentur, hängte danach ein Studium an der Bayerischen Akademie für Werbung dran. Und ließ sich noch zur Reiseverkehrskauffrau ausbilden. Maier war auf der Suche – und wusste eigentlich, was sie will: Schauspielerin werden. Doch die Ausbildung war teuer. „Und mit 24 war ich uralt für eine Schauspielschule.“ Ihr damaliger Freund motivierte sie. 2002 begann sie an der ISSA in München, ihren Traum zu verfolgen.

Im Schauspielunterricht fand Sushila Maier zu sich selbst

Plötzlich stand Maier wieder vor Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was will ich?“ und „Was macht mich aus?“ Sie fand das „faszinierend, prickelnd“. Doch der Drang, sich keine Fehler zu erlauben, bremste sie. Einem Improvisations-Lehrer platzte der Kragen. Er stauchte sie zusammen, forderte, dass Maier Emotionen und Gefühle zulässt. Fehler macht. Er legte einen Schalter um, den sie viele Jahre lang nicht gefunden hatte. „Ich habe auf das Perfekt-Sein plötzlich keinen Wert mehr gelegt.“ Sondern auf das Echt-Sein. Das Mensch-Sein – und das lebt auch von Fehlern.

Als Sushila Sara Mai arbeitet sie seit 2005 hauptberuflich als Schauspielerin. Im Theater, bei Dinnerkrimis, in Filmen und Serien. Sie spielt Inderinnen, Deutsche, Bayerinnen. „Ich habe da eine Nische.“ Als Sprachcoach half sie Kollegen, Bairisch zu lernen. Sie tanzt, singt. Eine Vollblut-Künstlerin. Im Mai kommt die Kino-Komödie „Träume sind wie wilde Tiger“ heraus, mit Maier in einer Hauptrolle. Die Karriere läuft. „So viele Castingvorschläge wie jetzt hatte ich noch nie.“

Schwester Margret Mary 1981 mit der etwa drei Jahre alten Sushila. Als das Mädchen erwachsen war, trafen sich die beiden in Indien wieder.

Die 42-Jährige hat sich nicht nur als Schauspielerin gefunden, sondern auch als Mensch. Seit sie 2007 in Indien war, sind viele Ängste der Vergangenheit verschwunden. Immerzu dachte sie, ihre Mutter wollte sie nicht – die Geschichte war eine andere. Das erzählte ihr Schwester Margret Mary, die die kleine Sushila einst nach Deutschland vermittelt hatte. Das Kennenlernen wühlte Maier auf. „Ich sollte sie Großmutter nennen“, erinnert sie sich. Maier begriff: Sie war nie das ungeliebte Kind – sie war gewollt. In Indien. Und in Deutschland.

Dieses Gefühl gibt sie nun an ihre Kinder weiter. Mit ihrem Partner Till Haunschild und den elfjährigen Zwillingen Adrian und Marius lebt sie im Landkreis Dachau. Ab und an ist da ein Besuch in Rottenbuch drin. Ihrer Heimat, in der sie noch viele kennen. Als sie durch den Ort spaziert, grüßen sie die Menschen, rufen „Servus. Sushila“. Manche bleiben zum Plaudern stehen. „Ich werde mit offenen Armen empfangen“, sagt sie. „Ich muss mich nicht mehr beweisen.“ Maier empfindet keine Last mehr – sondern Dankbarkeit. Für ihre drei Mütter: die leibliche, Mutter Teresa und Mama Mechthild. Sie alle wollten das Beste für sie. Und haben dafür gesorgt, dass sie heute die ist, die sie auch sein will: „Ein bayerisches Urviech mit indischem Touch.“

Rubriklistenbild: © Hans-Helmut Herold

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare