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Viktor Bierling trägt mit dem Pinsel den Klebstoff auf die neue Sohle. Hammer und Nagel kommen im Schuhmacher-Handwerk nur noch selten zum Einsatz.

Tag des Handwerks

Von Pumps bis zum Haferlschuh

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„Schuster, bleib bei deinem Leisten“, heißt eine bekannte Redewendung. Viktor Bierling hat sie wörtlich genommen. Seit 45 Jahren arbeitet der Rottenbucher als Schuhmacher. Im Landkreis ist der Beruf des 69-Jährigen selten geworden.

Rottenbuch – Viktor Bierlings Reich ist nur wenige Quadratmeter groß. In der Werkstatt riecht es nach Leder und Gummi. Auf dem Tisch, dem man die Jahre seines Gebrauchs ansieht, liegen verschiedene Werkzeuge – Messer, Zangen, ein Hammer. An der hinteren Wand des Raumes steht die wuchtige Schleifmaschine, in der Ecke wartet die Schuhpresse auf ihren nächsten Einsatz. Mittendrin sitzt Viktor Bierling auf einem schmalen Schemel und streicht behutsam mit einem Pinsel frischen Kleber auf eine neue Gummisohle. Hin und her huscht seine Hand, die Bewegung fließend, wie sie nur nach jahrelanger Übung wird. „So, jetzt muss das Ganze trocknen“, erklärt der 69-Jährige, betrachtet zufrieden sein Werk und legt die vorbereitete Sohle zur Seite.

Abgelaufene Sohlen zu erneuern, gehört für Bierling zum Tagesgeschäft. Einen Hammer benötigt er dafür nicht mehr. Die Zeiten, in denen die neuen Sohlen mit Nägeln befestigt wurden, sind lange vorüber. „Heutzutage wird fast alles geklebt und genäht“, erzählt Bierling. Die Suche nach dem richtigen Klebstoff gleiche da schon mal einer Detektivarbeit, denn nicht jeder harmoniere mit jedem Material.

Der Großvater hatte das Geschäft 1908 gegründet

Dass der 69-Jährige einmal Schuhmacher werden würde, stand früh fest. Sein Großvater hatte das Geschäft 1908 gegründet, sein Vater es 1946 übernommen. „Es war irgendwie immer klar, dass ich als ältester Sohn den Betrieb einmal weiterführen würde“, blickt Viktor Bierling zurück. Mit 14 Jahren begann er 1962 seine Lehre beim Hefele in Schongau, lernte, wie man Schuhe anfertigt, repariert und anpasst. „Eine harte Zeit“ sei das gewesen, erinnert sich der 69-Jährige. Mit dem Fahrrad fuhr der Rottenbucher täglich zur Arbeit, einmal die Woche ging es mit dem Zug zur Berufsschule nach München. „Das war für mich jungen Spund ein richtiges Abenteuer.“ 20 Mark Lohn habe er damals im Monat bekommen. Allein die Fahrt in die Landeshauptstadt habe zehn Mark gekostet. „Ohne Unterstützung von zuhause wäre das nicht gegangen.“

Nach der Lehre fing Bierling in einer kleinen Schuhfabrik in Murnau an, es folgten Stationen in Garmisch-Partenkirchen und Füssen, ehe er 1981 in sein Heimatdorf zurückkehrte, um das elterliche Geschäft zu übernehmen.

Seit damals hat der Schuhmacher viele Betriebe gehen sehen. Die Massenproduktion mit immer günstigeren Preisen hat die Branche in den vergangenen Jahrzehnten arg gebeutelt. „Bei einem Preis von 50 Euro für ein Paar Schuhe lohnt sich eine Reparatur für viele nicht. Da werden lieber gleich neue gekauft und die alten weggeworfen.“ Früher, zu Zeiten seines Großvater, als ein paar Lederschuhe noch 80 Mark und damit fast so viel wie ein Monatslohn gekostet hätten, sei das anders gewesen. Mittlerweile sieht Viktor Bierling die Zukunft seines Handwerks aber wieder optimistischer. „Die Leute achten wieder mehr auf Qualität“, stellt er fest.

Neuerdings landen Kletterschuhe auf seinem Tisch

Auf Bierlings Tisch landen alle Arten Schuhwerk. Von Pumps über Haferlschuhe bis zu schweren Arbeitsschuhen. Mal ist ein Absatz abgebrochen, mal das Lederriemchen abgerissen oder die Sohle abgelaufen. Neuerdings verhilft der 69-Jährige auch immer mehr Kletterschuhen zu neuem Halt. „Die Arbeit ist unwahrscheinlich vielfältig“ – ein Grund, warum ihm sein Beruf auch nach so vielen Jahren noch sehr viel Spaß bereite.

Nicht immer sind es kaputte Treter, um die sich der Schuhmacher kümmern soll. So legt der 69-Jährige auch oft Hand an fabrikneue Schuhe, um sie nach Kundenwunsch umzubauen. Für die Trachtler im Oberen Lechgau etwa versieht er die Haferlschuhe fürs Preisplatteln mit speziellen Eisenbeschlägen an Ferse und Spitze. Und wenn der Schuh mal drückt, ist Bierling ebenfalls zur Stelle, weitet und klopft ihn, bis er perfekt passt. „Fingerfertigkeit und ein bisschen Gefühl sollte man schon mitbringen“, sagt er. Die Erfahrung komme über die Jahre.

Die Sohle mit dem frischen Kleber ist mittlerweile genug getrocknet. Viktor Bierling bringt sie vorsichtig an die richtige Position. Die muss beim ersten Versuch stimmen, sonst war alle Arbeit umsonst. Für den 69-Jährigen kein Problem. In der Presse werden Schuh und Sohle mit großem Druck vereinigt. Mit dem Schuhmacher-Messer schneidet Bierling den überstehenden Teil weg, an der Schleifmaschine folgt der Feinschliff. Schließlich sind die Bergschuhe wieder bereit für die nächste Tour. Viktor Bierling ist zufrieden.

Nicht mehr lang, dann wird auch der 69-Jährige öfter Gelegenheit haben, seine eigenen Wanderschuhe zu schnüren. Im nächsten Jahr wollen seine Frau Viktoria und er sich endgültig in den Ruhstand verabschieden. Die über 100-jährige Geschichte der Rottenbucher Schuhmacherei Bierling findet dann ihr Ende, denn einen Nachfolger für das Traditionshaus gibt es nicht. Die drei Töchter der Bierlings haben andere Berufswege eingeschlagen. Der Laden soll zur Wohnung umgebaut werden. Der Geruch von Leder und Gummi, er ist dann Vergangenheit.

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