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„Drastisches“ Schreiben: Bayerische Gemeinde droht gemeinnützigem Verein

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Von: Katrin Kleinschmidt

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Zwei Schäferwägen stehen nahe dem TSV-Sportheim. Die restlichen wurden zwischen Gemeindestadl und Platz der Stockschützen abgestellt.
Zwei Schäferwägen stehen nahe dem TSV-Sportheim. Die restlichen wurden zwischen Gemeindestadl und Platz der Stockschützen abgestellt. © Katrin Kleinschmidt

Die Wägen des Entdeckerdorfs „Muck“, stehen trotz Befristung des Camps noch immer in Rottenbuch. Die Gemeinde stört das so sehr, dass sie ein deftiges Schreiben an den Verein schickte.

Rottenbuch – Es klingt so harmonisch: Ehrenamtliche organisieren ein Urlaubsangebot für einkommensschwache Familien. Die Stadtkinder kommen raus aufs Land, wohnen in Schäferwagen, sitzen abends am Lagerfeuer, toben tagsüber über die Wiese. Das Konzept von „Muck – das Entdeckerdorf“ kam in Rottenbuch (Kreis Weilheim-Schongau) gut an.

Eine Saison lang, im Jahr 2020, herrschte Leben auf einer Wiese nahe dem Fußballplatz. Seitdem aber stehen die Wägen verlassen herum. Der Gemeinderat billigte keine zweite Saison. Und die Verwaltung ging nun drastische Schritte: In einem Schreiben teilte sie dem Verein mit, „die Wägen zu entsorgen“, wenn sie nicht bis 4. Februar abgeholt werden.

Gemeinde Rottenbuch droht: Wägen aus Feriencamp müssen verschwinden - Verein erschüttert

Pia Novak konnte es kaum glauben, als sie den Brief Mitte Januar erhielt. „Mich erschüttert das. Man hat doch nicht das Recht, fremdes Eigentum zu zerstören“, sagt die Vorsitzende des Vereins „Muck“, der in München beheimatet ist. „Das sind fünf wunderschöne Schäferwägen und ein Zirkuswagen aus Holz.“ Auch, wenn das Dorf nicht mehr genehmigt wurde, „so ein Projekt entsorgt man doch nicht“.

Entdeckerdorf in Rottenbuch - schwierige Suche nach passendem Standort für Ferienlager

2016 hatte der Verein begonnen, seine Idee von einem Schäferwagendorf für Familien, die sich sonst keinen Urlaub leisten könnten, umzusetzen. Drei Saisonen standen die Häuser auf Rollen auf einem Zeltplatz in Königsdorf. Dort passte es nicht, „die Ausrichtung war eine andere“, sagt Novak.

Die Suche nach einem neuen Standort begann. Die ist laut der Vorsitzenden „ganz schwierig“. Denn die Familien sollen raus in die Natur, doch im Außenbereich kann das Entdeckerdorf nicht entstehen, da die Wägen eine Baugenehmigung benötigen. In Rottenbuch wäre ein Platz neben der Ammermühle denkbar gewesen.

Doch Novak und ihre Mitstreiter hatten Bedenken. Sie sahen die Gefahr, dass ein Kind ins Wasser stürzen könnte. Zudem hätten benachbarte Wiesen nicht betreten werden dürfen. Der Verein suchte in Absprache mit Bürgermeister Markus Bader einen anderen Platz. Und wurde hinter dem Sportplatz fündig. Der TSV stimmte zu, ließ die Urlauber auch seine Sanitäranlagen nutzen.

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Feriencamp in Rottenbuch nur auf ein Jahr befristet - mehrere Gründe für Entscheidung

Die Saison lief schließlich gut – das bestätigen Novak, Bader und auch TSV-Chef Björn Alexander Heidrich. Doch die Gemeinde verbot trotzdem, dass das Entdeckerdorf 2021 wieder am gleichen Ort stattfinden konnte.

„Es war für eine Saison befristet, das war immer klar“, sagt Bader. Es habe nur eine Ausnahmegenehmigung für das Aufstellen der Wägen gegeben, kein Baurecht. Der Rathauschef räumt aber ein, dass es an dieser Stelle wohl möglich gewesen wäre.

Wiese, Bäume und die Schäferwägen: 2020 bot das Entdeckerdorf „Muck“ in Rottenbuch Familien aus der Stadt die Möglichkeit, die Natur zu genießen.
Wiese, Bäume und die Schäferwägen: 2020 bot das Entdeckerdorf „Muck“ in Rottenbuch Familien aus der Stadt die Möglichkeit, die Natur zu genießen. © Muck

Doch es hätten verschiedene Gründe vorgelegen, das Camp nicht erneut zu genehmigen. In seinen Augen verträgt es sich nicht mit dem Geschehen nebenan. Auf dem Sportplatz „sind Jugendliche, Kinder, da ist Lärm. Und das 20 Meter entfernt von den Wägen, die keinen Schallschutz haben“. Das sei vor allem bei Siegesfeiern am Abend ein Problem – 2020 habe es die aufgrund der Corona-Pandemie ja nicht gegeben.

Zudem seien laut Bader die Jäger in diesem Bereich wegen des Camps eingeschränkt gewesen. Ein weiterer Grund für die Absage war, dass 2021 die neue Lagerfläche für den Bauhof neben der Wiese gebaut worden ist. „Das alles hat einfach nicht gepasst.“ Deshalb müssten die Wägen endlich weg. Das wolle auch der Sportverein, ist Bader sicher.

Feriencamp für Familien in Rottenbuch - TSV nimmt Stellung: „stehe da zwischen den Stühlen“

TSV-Chef Heidrich stellt die Situation weniger dringlich dar. An ihn seien von den Abteilungsleitern keine Beschwerden bezüglich der abgestellten Schäferwägen herangetragen worden. „Ich stehe da zwischen den Stühlen“, gibt er ehrlich zu. Das Entdeckerdorf hat er in guter Erinnerung. „Über den Sommer war es gut besucht, von den Gästen haben wir positives Feedback bekommen.“

Das widerspricht meiner Natur, dass ich einem anderen Verein das Wasser abgrabe.

TSV-Chef Heidrich

Kleinere Schwierigkeiten hätten schnell behoben werden können. „Ich kann persönlich nichts Negatives sagen. Ich hätte mich gefreut, wenn es auch 2021 geklappt hätte.“ Mögliche Feiern im Vereinsheim und eine entsprechende Lautstärke wären kein Hindernis gewesen, vermutet Heidrich: „Das hätte man ja vorher absprechen können.“

Dass die Wägen noch auf dem vom TSV gepachteten Gelände stehen, konkret neben dem Platz der Stockschützen, stört ihn nicht. „Es sind vielleicht zwei, drei Parkplätze, die nicht genutzt werden können.“ Eine Pacht verlangt er von Muck für die Abstellzeit nicht. „Das widerspricht meiner Natur, dass ich einem anderen Verein das Wasser abgrabe.“ Denn ohne Camp hätte das Projekt ja auch keine Einnahmen.

Nach mehrmaliger Aufforderung an Verein: Gemeinde verschickt nun „drastisches“ Schreiben

Trotzdem wird Novak im Brief der Gemeinde, der die Fläche gehört, genau das vorgeworfen: Sie lasse die Wägen einfach stehen, zahle nicht dafür. Herausgeschickt hat das Schreiben Geschäftsstellenleiter Peter Vogt. „Wir haben den Verein schon öfter aufgefordert, die Wägen zu entfernen“, erklärt er. Auf E-Mails würde nicht reagiert.

Für die Bauarbeiten an den Bauhofboxen habe die Gemeinde sie auf eigene Kosten umstellen müssen – nur so sei eine Beseitigungsanordnung des Landratsamtes verhindert worden. Nun aber sei die Gemeinde mit der Geduld am Ende. „Deshalb das drastische Schreiben.“

Bürgermeister von Rottenbuch: „Es ist nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben.“

Bürgermeister Bader steht hinter seinem Mitarbeiter, beschwichtigt aber. „Natürlich entsorgen wir kein Eigentum einfach so“, sagt er. „Man stellt aber auch nicht sein Hab und Gut irgendwo ab und kümmert sich nicht mehr darum.“ Bader beklagt, dass die Zusammenarbeit mit Novak „gehapert“ habe. „Es ist nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben.“ Konkreter möchte er nicht werden. „Das Kapitel ist jetzt einfach abgeschlossen.“

Das würde sich auch Novak wünschen. Doch noch immer steht sie ohne neuen Stellplatz oder einen künftigen Ort für das Entdeckerdorf da. „Wir suchen, mehr kann ich nicht tun“, sagt die Muck-Vorsitzende. „Wir haben ein tolles Team und schon mehrere Buchungsanfragen. Aber es fehlt uns ein Stück Land.“

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