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Buddeln bis die Polizei kommt

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Kinder vor einem gelungenen Exemplar einer eisigen Hexe. Dass die Truppe von der Aktion begeistert ist, ist nicht zu übersehen. © Hans-Helmut Herold

Schongau - Ein „Schneemann-Flashmob“: Ja, wo gibt’s denn sowas? Natürlich in der Schongauer Altstadt. Hand in Hand haben die Werbegemeinschaft Altstadt und „Schongau belebt“ die ausgefallene winterliche Aktion am Marienplatz auf die Beine, äh Kugeln gestellt. Mitten auf dem Marienplatz.

„Schneemann-Flashmob“ das Zauberwort mit Fragezeichen. Die deutsche Übersetzung ganz einfach: Schneemänner bauen auf Teufel komm raus, die kuriosesten Exemplare werden prämiert. So geschehen in Schongau. Eine einmalige Aktion, die hoffentlich keinesfalls einmalig bleibt.

„Schongau belebt“ im Winterschlaf? Von wegen, weit gefehlt! Die sind sogar bei frostigen Temperaturen hellwach. Auf alle Fälle Beatrice Amberg, der die Idee zu der Aktion beim Anblick der Schneemassen der vorletzten Woche in den Sinn kam. „Schneemänner bauen was das Zeug hält, ist doch eine tolle Sache für Jung und Alt“, so ihr Gedankengang. Amberg hat kein Problem, Franz Köpf von der Werbegemeinschaft Altstadt für ihr Vorhaben zu begeistern. Also alles paletti, die Kiste wird gezimmert.

Die Regeln sind ganz einfach. Jeder Teilnehmer oder jede frei zusammengeschusterte Gruppe kann seine Ideen verwirklichen, was der Schnee hergibt. Die Reste der vergangenen Woche liegen ja noch zentral am Marienbrunnen. Überzuckert von den Schneeflocken der letzten Nacht. Heute können die Künstler zeigen, was in ihnen steckt. Samstag, Schlag 10 Uhr. Auf einer Sitzbank hat ein „Kräuterweiberl“ Platz genommen. Neben ihr die Ware in Kisten gestapelt. So der erste Eindruck, der einem beim Anblick überfällt. Doch beim näheren Hinsehen entdeckt man jede Menge Utensilien, die beim Schneemannbau gut zu verwenden sind: Karotten, Tannenzweige, Äste, Wurzeln. Und das Kräuterweiberl? Das entpuppt sich als Beatrice Amberg, die auf ihre Kunden wartet. Dick eingehüllt. Noch treibt der Wind letzte Schneeflocken über den Platz.

Das Unterteil einer berockten Schneefrau sieht aus wie ein weißer Zuckerhut

Und plötzlich kommen sie alle: die Schneemann-Bauer. Flashmob eben. Schneemann-Flashmob. Schwer bewaffnet mit Aluminiumschaufel, Schneeschieber und voll bepacktem Rucksack stapft Peter Wewerka über den Platz. Im Schlepptau sein Sohn Julian (6), der eine große Tüte mit buntem Allerlei hinter sich herzieht.

Neugierde macht sich breit, man muss ja schließlich wissen, was die beiden da anschleppen. Vater Peter setzt die Grenzen für seinen Arbeitsplatz und breitet die mitgebrachten Utensilien aus. Plastikblumen, Gräser, Gigabrille, Hexenhut und jede Menge Kastanien. Der Papa hat wirklich an alles gedacht. Der Kampf von Vater und Sohn beginnt.

Wenige Meter entfernt hat sich ein Mädeltrio ausgebreitet. Erkennbar an den bunten Schneeanzügen und pausenloser Unterhaltung. Hanna (7) und ihre jüngere Schwester Paulina (4) sind mit ihrer Mama Leni Enzensperger eingetrudelt. Ohne Schneeschaufel, aber mit jeder Menge frischer Brezen. Wie es sich halt für eine Bäckerfamilie gehört.

Leonie (10), Zoey (8) und Katja (10) fallen aus der Rolle. Wollen nicht am selben Strick ziehen. Von wegen Schneemann bauen. Sie bevorzugen das andere Geschlecht. Die drei Mädels formen eine Schneefrau. Gut gedacht, Stufe eins, also der untere Teil des Körpers geht viel einfacher. Keine Kugel umständlich formen, das Unterteil einer berockten Frau ist wesentlich leichter zusammengeschoben. Sieht zwar eher aus wie ein übergroßer Zuckerhut für eine Feuerzangenbowle, aber die Kreatur tendiert auf alle Fälle in Richtung besonders kurios. Einsprüche von Mutter Franziska werden gnadenlos abgeschmettert, ihr bleibt nur die niedrige Arbeit des pausenlosen Schneeschaufelns.

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Kommissar Snow mit seinen Erschaffern Hauptkommissar Sailer (links) und Oberwachtmeister Liebhart von der Polizeiinspektion Schongau. Sie zeigen Bürgernähe und begeistern damit nicht nur Beatrice Amberg von Schongau belebt. © Hans-Helmut Herold

Jetzt reibt sich selbst Beatrice die Augen. Zwei weitere Teilnehmer haben sich unter ihre Schäfchen gemischt. Unterschiedliche Größe, gleicher Anzug, vor allem aber nicht Vater und Sohn. Man muss schon zweimal hinsehen, um sich wirklich sicher zu sein. Richtig gesehen, zwei Beamte der Polizeiinspektion Schongau versuchen ihr Glück am großen Schneehaufen. Auch sie wollen an dem Wettbewerb teilnehmen. Das ist wirklich Bürgernähe, die ankommt. Eine super Idee. Hauptkommissar Sailer und Oberwachtmeister Liebhart hat der Ehrgeiz gepackt, obwohl es fast nicht möglich ist, eine größere Kugel mit den Händen zu formen.

Sailer hat als Vater einer Tochter Praxis und somit Vorteile im Schneemannbau. Bei Liebhart steht das Bemühen im Vordergrund. Aber beide arbeiten hartnäckig an ihrem Ziel. Sie wollen mit ihrem „Kommissar Snow“ den Marienplatz bereichern. Und schaffen es mit Bravour. Von einem Gardemaß kann man zwar wirklich nicht sprechen, aber der kleine Mann auf der Mülleimerhalterung weckt Interesse.

Alibadra Fofanah (17) aus Guinea, der seit April in der Lechstadt wohnt und jetzt hier seinen ersten richtigen Winter erlebt, hält mit seinem Handy die Szene fest. So wird ein Stück Schongauer Geschichte um die Welt gehen.

Hans-Helmut Herold

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