Hortensien haben – wenn sie in getrocknetem Zustand geraucht werden – eine Marihuana-ähnliche Wirkung. Allerdings wird hierbei auch Blausäure freigesetzt. fkn

Drogen frisch aus dem Garten

Schongau - Das Gesundheitsamt Weilheim-Schongau schlägt Alarm: Während der Konsum von Cannabis und Heroin abnimmt, werden die Süchtigen immer einfallsreicher: Jetzt rauchen sie Hortensien.

Während der Konsum von Drogen wie Cannabis und Heroin stagniert oder zurückgeht, steigt offensichtlich der Absatz neuer synthetischer Substanzen, die über das Internet bezogen werden können. Gewarnt wird aber auch vor Drogen aus dem heimischen Garten: So wird z.B. der Hortensie eine Marihuana-ähnliche Wirkung nachgesagt.

„Es gibt viele Pflanzen mit berauschender Wirkung“, erklärt Heike Grosser, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege. Dass aber jetzt schon Hortensien von so manch einem Rauschwilligen „zweckentfremdet“ werden, das überrascht auch Grosser.

Ein Blick in die Fachliteratur bringt schnell Aufklärung: Hortensien enthalten sogenannte cyanogene Glykoside, an denen sich vor allem immer mehr Jugendliche berauschen - ohne zu bedenken, dass das Rauchen der Pflanze zu schlimmen Vergiftungen führen kann, weil Blausäure freigesetzt wird.

„Blausäure ist sehr gefährlich“, bestätigt Dr. Karl Breu, Leiter des Gesundheitsamtes Weilheim-Schongau. Denn sie könne - je nach Menge - schwere gesundheitliche Schäden verursachen. „Die Atmungskette wird blockiert, das zentrale Nervensystem zerstört, und das kann zum inneren Ersticken, also zum Tod führen“, warnen Mediziner.

Franz Rieger vom Obst- und Gartenbauverein Altenstadt kennt das Problem. „Es ist auch im Schongauer Land schon vorgekommen, dass Hortensien aus Gärten gestohlen worden sind“, verriet er auf Anfrage der Heimatzeitung. Er selber habe aber keine Hortensien im Garten.

Abgesehen haben es die Diebe nicht nur auf Blätter und Blüten, sondern vor allem auf die Blattknospen der Hortensie. Sie werden getrocknet, mit Tabak gemischt und geraucht. Die Dämpfe, die dabei entstehen, wirken angeblich ähnlich wie Marihuana - wenn auch in abgeschwächter Form.

„Bei den Konsumenten handelt es sich meist um Kinder und Jugendliche. Richtigen Kiffern ist die Wirkung viel zu schwach“, sagen Suchtexperten.

Der Rausch aus den Blumenbeeten hat gerade im Vergleich mit Marihuana mehrere Vorteile: Er ist kostenlos, leicht zu beschaffen - und völlig legal. Denn die gemeine Hortensie - Botanikern als „Hydrangea“ bekannt - fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz.

Harmlos ist die Pflanze deswegen aber nicht. Im Gegenteil: Wüssten die kleinen Kiffer von den Nebenwirkungen, verginge vielen von ihnen der Spaß am Blumen-Joint. „Ich kann nur davon abraten, Hortensien zu rauchen“, sagt Dr. Karl Breu vom Gesundheitsamt. Der Konsum könne Schwindel, Beklemmungszustände und Herzrasen auslösen.

„Viele Eltern wissen gar nicht, was ihre Kinder nehmen“, befürchtet Dr. Breu auch hinsichtlich synthetischer Drogen. Unter dem Deckmantel „Badesalz“ würden chemische Drogen aus dem Internet bezogen, „wobei viele Konsumenten sich gar nicht klar darüber sind, welchen gesundheitlichen Risiken sie sich aussetzen“.

Das Hinterhältige: Oft werde die chemische Struktur von bekannten Betäubungsmitteln minimal verändert, sodass der neue Stoff nicht mehr dem Betäubungsmittelgesetz unterliege. „Die Verkäufer, die ihre Designerdrogen vor allem über das Internet verbreiten, sind den Behörden dabei oft einen Schritt voraus“, muss Dr. Breu eingestehen.

Synthetische Drogen werden teilweise auch als „Legal Highs“ bezeichnet und meist als „Kräutermischungen“, „Badesalze“ oder „Reiniger“ verkauft, um den eigentlichen Zweck der Produkte, den Konsum, zu verschleiern und rechtliche Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes zu umgehen.

Wieviele Konsumenten von synthetischen Drogen es im Landkreis bereits gibt, darüber lassen sich laut Breu keine genauen Zahlen sagen. Fest stehe nur: Es werden offensichtlich immer mehr - „und nach dem Kick folgt der Katzenjammer“.

(mg)

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