100 Jahre Wohnungsbaugenossenschaft Schongau: Edeltraud Schöttl ist mit ihren 91 Jahren die älteste und längste Mieterin. Auf dem Bild ist sie mit dem jüngsten Bewohner Luis Bader und den beiden Vorständen der Genossenschaft, Rosemarie Brecht und Roland Geigl.
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100 Jahre Wohnungsbaugenossenschaft Schongau: Edeltraud Schöttl ist mit ihren 91 Jahren die älteste und längste Mieterin. Auf dem Bild ist sie mit dem jüngsten Bewohner Luis Bader und den beiden Vorständen der Genossenschaft, Rosemarie Brecht und Roland Geigl.

Rund 200 Mitglieder sind es in Schongau mit 55 Wohnungen in zwölf Häusern

100 Jahre kleinste Baugenossenschaft in Bayern

  • Elke Robert
    vonElke Robert
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Ihr 100-jähriges Bestehen feiert jetzt die gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Schongau. Knapp 200 Mitglieder sind es heute, im Bestand 55 Wohnungen in zwölf Häusern. Werbung machen will man nicht, denn es gilt ein lebenslanges Wohnrecht. Jung und Alt sollen profitieren. Und ohne Eigenleistung geht es nicht.

Schongau – In den alten Unterlagen von der Gründerzeit geblättert haben jetzt die beiden Vorsitzenden der gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft Schongau, Roland Geigl und Rosemarie Brecht. Beide sind seit 2004 in der Vorstandschaft der Wohnbaugenossenschaft, Geigl wurde 2016 zum Vorstand gewählt, Brecht bei der gleichen Wahl zu seiner Stellvertreterin. „Die Unterlagen sind spannend“, erzählt Brecht.

Im Jahre 1921 gründeten 89 Bürger aus der Lechstadt die „Baugenossenschaft Schongau“. Um die gemeinnützige Bauvereinigung ins Leben zu rufen, war am 11. Mai „abends um 7 1/2 Uhr“ in der Gastwirtschaft „Zur alten Post“ eine Versammlung einberufen worden. Eröffnet wurde diese damals von Oberlokomotivführer Johann Sirtl. Zum ersten Vorsitzenden wurde David Messthaler gewählt, von Beruf Vollstreckungssekretär. Der erste Aufsichtsratsvorsitzende war ein Josef Vogl.

Wie die Herbergssuche der Heiligen Familie an Weihnachten

„Die kinderreichen unter ihnen hatten es satt, um Wohnungen zu betteln und überall abgewiesen zu werden“, blicken die beiden heutigen Vorstände zurück. Es sei damals ein bisschen wie die Herbergssuche der Heiligen Familie an Weihnachten gewesen. „Ziel war es, bezahlbaren Wohnraum für Familien zu schaffen.“ Die Familien stehen noch heute im Fokus, wie auch das Zusammenleben nach dem Motto Jung hilft Alt und Alt hilft Jung.

Die Schongauer Wohnungsgenossenschaft kann auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken. Kurz nach der Gründung – ab dem Jahr 1926 – wurden die ersten Häuser gebaut: im Wiesenweg, in der Gebatstraße, in der Hermann-Ranz-Straße und in der Peitinger Straße. Diese gehören samt Grund noch immer zur Genossenschaft. Weitere Häuser kamen nach dem Krieg hinzu, wenn auch auf Erbbaupacht. Zwölf Häuser mit 55 Wohnungen, 64 Garagen und Stellplätzen gehören heute zum Bestand der kleinsten Baugenossenschaft im Verband Bayern, auch darauf ist man stolz.

Zu größeren Einheiten zusammengefasst

„Nur in Sachsen gibt es eine, die noch kleiner ist“, ergänzt Brecht. Und die Schongauer Genossenschaft ist eine der wenigen, die noch ehrenamtlich verwaltet wird, was bei dieser Größe gerade noch machbar sei, „wir stehen ja alle voll in unseren Berufen“, so Geigl.

Im Laufe der Zeit habe man viele kleinere Wohnungen zu etwas größeren Einheiten zusammengelegt, man nehme gerne Familien mit Kindern auf. „Es ist schwer, am Schongauer Wohnungsmarkt günstige Wohnungen zu bekommen, sanierte Wohnungen erst recht“, weiß Geigl. „Wer soll sich denn als Familie noch Neubauten leisten können, es sind in Schongau zwar keine Münchner Preise, aber es ist schon heftig.“ Eigentlich müsste man die Preise etwas anheben, für die günstigen Preise der Wohnungsgenossenschaft werde man sogar vom Verband VdW Bayern gerügt, verraten die beiden. Aber man bleibt dabei.

Als Beispiel nennt Geigl den Quadratmeterpreis einer gut ausgebauten Genossenschaftswohnung von 4,50 Euro kalt, der Marktpreis in Schongau liege im Gegensatz dazu bei 6,90 bis 7,50 Euro. „Bei uns sind die Nebenkosten höher als die Miete“, so Geigl. Stolz sei man auch darauf, dass nahezu alle Wohnungen über einen vergleichsweise günstigen Fernwärmeanschluss verfügen, nur noch jeweils eine werde mit Öl- bzw. Gas geheizt.

Hauptaugenmerk auf Instandhaltung und Sanierung des Bestands

Neue Häuser seien leider nicht hinzugekommen in den vergangenen Jahren – „das wäre auch gar nicht machbar“, so Rosemarie Brecht. Das Hauptaugenmerk liege daher auf Instandhaltung und Sanierung der Wohnungen. „Und ,all inclusive’ ist es bei uns auch nicht“, betonen beide Vorstände.

Der Gedanke der Genossenschaft sei wichtig, damit das Konzept funktioniert. Das bedeutet Eigenleistung, Verantwortung, Leistungsbereitschaft. „Bei uns gegenüber ist es beispielsweise gerade laut, weil junge Leute den Garten komplett neu gestalten.“

Jüngstes Mitglied ist erst wenige Monate alt

200 Mitglieder hat die Genossenschaft, die im Prinzip geschlossen ist, denn neue Mitglieder werden derzeit nicht aufgenommen. Die Dauernutzungsverträge sichern bei Genossenschaften anstelle von normalen Mietverträgen ein lebenslanges Wohnrecht für die Benutzer. Und das Leben in den Schongauer Genossenschaftswohnungen scheint jung zu halten.

Der älteste Bewohner ist kürzlich mit 97 Jahren und über 70 Jahren Mitgliedschaft in der Genossenschaft gestorben. Die älteste Bewohnerin ist 91 Jahre alt und wohnt seit Mitte der 1960er Jahren in einer Wohnung der Genossenschaft. Und für Nachwuchs wird bei den Familien selbst gesorgt. Das jüngste Mitglied ist erst ein paar Monate alt.

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