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1700 Kilometer für den Frieden: Italiener wandert auf den Spuren seines Vaters von Bayern nach Apulien

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Agostino Nicoletti (li.) hieß Pasquale Caputo in seinem Fotostudio in Schongau willkommen. Nächstes Ziel des italieners ist Rottenbuch.
Agostino Nicoletti (li.) hieß Pasquale Caputo in seinem Fotostudio in Schongau willkommen. © Ursula Gallmetzer

Es ist ein ungewöhnlicher Weg, den Pasquale Caputo beschreitet. Ein Weg, den nach dem Zweiten Welt-krieg unzählige Italiener auf sich nahmen, um wieder zurück in ihre Heimat zu kommen. Zu Fuß macht sich der 73-Jährige auf die emotional herausfordernde Wanderung von Bayern nach Apulien – auf den Spuren seines Vaters.

Schongau – Pasquale Caputo sucht den Frieden. Frieden mit der Vergangenheit, Frieden mit den Deutschen und nicht zuletzt seinen inneren Frieden. „Ich war lange wütend auf die Deutschen und habe gedacht, sie sind schlechte Menschen“, gesteht der 73-Jährige, als er in dem Lehnstuhl im Fotostudio Nicoletti sitzt. „Doch bei einem Marathon in München vor neun Jahren hatte ich eine Eingebung. Ich wollte mich versöhnen“, sagt er. Gerade ist er aus Kaufbeuren angekommen – diesmal noch mit einem Fahrer. Ab jetzt geht es zu Fuß weiter. „Auf den Spuren meines Vaters und von all den italienischen Militärinternierten auf dem Weg von den Konzentrationslagern der Nazis zum Geburtsort Barletta“, steht in Italienisch auf dem gelben Flyer, den Caputo dabei hat. Auf der Rückseite die Kopie einer Postkarte. „Kriegsgefangenenpost“ steht ganz oben in fetten Buchstaben. Darunter Zahlen: 123887. Eine Gefangenennummer.

Denn Caputos Vater Francesco war ein Opfer des Hitler-Regimes. Er gehörte dem italienischen Militär an und wurde mit vielen seiner Kameraden 1943 in Verona gefangen genommen und nach Deutschland gebracht. Über München zunächst vermutlich nach Moosburg in ein Zentrallager, von dem es dann weiter nach Memmingen und dann nach Kaufbeuren ging. Genau ist das nicht nachzuvollziehen. Die Dokumente sind alle mit den Amerikanern verschwunden. Nur einen Ausweis aus dem Gefangenenlager konnte Caputo vor einigen Jahren mit Hilfe des Roten Kreuzes in Zürich auftreiben. Er stammt aus 1943 und wurde in Kaufbeuren ausgestellt.

Sein Vater arbeitete als Zwangsarbeiter in der Kaufbeurer Munitionsfabrik

„Mein Vater war Analphabet und wusste nicht, wie ihm geschah. Wahrscheinlich wusste er nicht mal, wo er sich genau befand“, sagt Caputo und in seinen Augen sammeln sich Tränen. Als Zwangsarbeiter musste Caputos Vater in dem DAG-Lager der Kaufbeurer Munitionsfabrik mit rund 2000 anderen Gefangenen leben. Was ihm dort genau widerfuhr, darüber sprach er mit seiner Familie später nie.

Was aber feststeht: Als er 1945 wieder frei war, machte er sich zu Fuß auf den Weg zurück in sein Heimatdorf Barletta. Rund 1700 Kilometer in 68 Tagen und das schwer gezeichnet vom Martyrium, das er bereits hinter sich hatte. Einmal, so erzählt Caputo, konnte er lauschen, als sein Vater über seine Erlebnisse mit einem Bekannten, der Ähnliches erlebt hatte, sprach. Doch viel erfuhr er nicht. Doch seit Jahren sei es sein großer Traum, den Weg des Vaters nachzugehen. „Ich mache das jetzt, weil ich Zeit habe, gesund bin und genug Geld dafür habe“, erklärt der ehemalige Mechaniker, der bei Fiat und Lancia arbeitete.

Der Ausweis aus dem Kaufbeurer DAG-Lager ist das einzige Dokument, dass Pasquale Caputo aus der Zeit der Gefangenschaft seines Vaters auftreiben konnte.
Der Ausweis aus dem Kaufbeurer DAG-Lager ist das einzige Dokument, dass Pasquale Caputo aus der Zeit der Gefangenschaft seines Vaters auftreiben konnte. © privat

Unterstützung bei der Organisation erhielt er vor allem von seinem Sportverein, dem „barletta sportiva“, mit dem er fast ein Jahr an der Route sowie den Kontakten und Unterkünften entlang dieser tüftelte. Viele andere Organisationen sind ebenfalls beteiligt; so auch der antifaschistische Verein Associazione Nazionale Partigiani d’Italia, über den der Kontakt mit Schongauer Agostino Nicoletti zustande kam.

Mit Laufschuhen und 14 Kilo schwerem Rucksack

Von dessen Geschäft geht es nun weiter: Rottenbuch, Oberammergau, Garmisch, Innsbruck und dann über den Brenner bis nach Italien. Nur Caputo, seine Laufschuhe und ein 14 Kilo schwerer Rucksack mit dem Nötigsten. Am 8. Mai, dem Tag der Festnahme seines Vaters, ging es von Italien mit dem Zug nach München. Am 27. Juli soll das Ziel erreicht sein – an diesem Tag kam auch der Vater an. Zeitverzögerungen sollte es besser nicht geben, denn Caputos Tochter erwartet kurz nach diesem Termin sein drittes Enkel-kind. Da will er vor Ort sein.

Doch bis dahin hat der geübte Sportler noch einiges vor sich – körperlich wie mental. „Es ist sehr emotional. Ich treffe meinen Vater und seine Weggefährten auf jedem Meter“, sagt er nachdenklich. „Ich bin alleine mit diesen Gedanken. Doch ich möchte meinen Vater ehren.“ Und noch mehr: Der Rentner sieht seinen Lauf als einen Aufruf für den Frieden und den Kampf gegen den Faschismus. „Eine Diktatur ist für mich kein Konzept“, möchte er auch Parallelen zum aktuellen Weltgeschehen ziehen. Dass er den Weg schafft, das steht für Caputo fest: „Ich bin ein positiver Mensch“, sagt er mit festem Blick. „Ich bin mir sicher, dass ich alle Hürden überwinde.“

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