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So schließt sich der Kreis: Das Stadtmauer-Umfeld war eines der letzten Projekte, die Stadtbaumeister Ulrich Knecht bearbeitet hat – die Gestaltung des Schaegger-Platzes auf der anderen Stadtmauer-Seite sein erstes.

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Abschied von Stadtbaumeister Ulrich Knecht: „Widerstände muss man aushalten“

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Elfeinhalb Jahre war Ulrich Knecht Stadtbaumeister in Schongau und hinter dem Bürgermeister einer der wichtigsten Männer der Stadtverwaltung. In seine Amtszeit fielen zahlreiche wegweisende Entscheidungen für die Zukunft Schongaus. Am heutigen Freitag hat Knecht seinen letzten Arbeitstag im Rathaus, er geht in den verdienten Ruhestand. Wir sprachen mit ihm über komplizierte Projekte, hohe Arbeitsbelastung und seinen Bauernhof.

-Herr Knecht, würden Sie gerne weiterarbeiten? Da schlagen vermutlich zwei Herzen in Ihrer Brust.

Das stimmt. Wenn man sich die schöne Schongauer Altstadt anschaut und Schongau insgesamt, war es die richtige Entscheidung, damals hierher zu wechseln und als letzten Arbeitsplatz in meinem Berufsleben diese Aufgabe anzunehmen. Meine Arbeit hat mir immer sehr viel Spaß gemacht, doch mit 65 Jahren und sieben Monaten ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören und die Rente zu genießen.

-Wenn Sie an die Zeit in Schongau zurückdenken, was fällt Ihnen als interessantestes Projekt ein?

Gleich zu meinem Start am 1. März 2006 stand alles unter dem Eindruck des Halleneinsturzes in Bad Reichenhall, das war schon eine besondere Herausforderung, weil Schongau für eine Kleinstadt einen reichhaltigen Gebäudebestand hat. Die Sanierung der Tiefgarage gehört dazu, natürlich jetzt der Neu- und Umbau des Schulzentrums, der ja teilweise umstritten war. Doch die bestehenden Schulgebäude waren weder technisch noch wirtschaftlich sanierbar. Zentrale und wichtigste Voraussetzung für die Entwicklung unseres Mittelzentrums sind moderne Bildungseinrichtungen, die die Umsetzung zeitgemäßer pädagogischer Konzepte gewährleisten. Mit dem Konzept des Klassenhaussystems kann künftig die erste bis vierte Klasse in unmittelbarer räumlicher Nähe unterrichtet werden. Ich kann mich noch erinnern, wie ich in Tiefenbach bei Oberstdorf in die Schule gegangen bin: Da wurden die Klassen eins bis vier sogar gemeinsam unterrichtet, es gab nur einen Lehrer. Wir haben viel miteinander und voneinander gelernt.

-Trotzdem ist aus den Leuten etwas geworden, wie man sieht.

Ja, offenbar (lacht). Mir war einfach wichtig, das Projekt ganzheitlich anzugehen und keine halben Sachen zu machen. Das war bei der ebenfalls umstrittenen Sauna-Erweiterung nicht anders. Zum Glück habe ich mich gegen einige Widerstände durchgesetzt und für die Vorplanung einen professionellen Bäder-Planer eingeschaltet. Wenn man sich jetzt das Ergebnis anschaut, war diese professionelle und zukunftsfähige Lösung der einzig richtige Weg, auch wenn sich dadurch Mehrkosten ergeben haben.

-Das war immer Ihre Maxime: Lieber eine gescheite Lösung, auch wenn es mehr kostet.

Richtig. Auch wenn es zeitweise Widerstände gibt, wie beim Schulzentrum, wo es fälschlicherweise hieß, man hätte bei einer Sanierung alles viel billiger haben können. Das muss man aushalten. Ein glücklicher Umstand war natürlich, dass die städtischen Einnahmen zuletzt stark angezogen haben. Als ich angefangen habe, war das viel schwieriger, da stand die Stadt noch unter dem Einfluss des Haindl-Verkaufs und musste auch mit der Finanzkrise 2008/2009 schwere Zeiten durchmachen.

-Zu ihrem Amtsantritt hatte der damalige Bürgermeister Friedrich Zeller gesagt, Sie haben Chef-Qualitäten. Zwischendurch galten Sie sogar als heimlicher Chef im Rathaus. Hat Sie das gestört?

Das war mir tatsächlich nicht so Recht, denn Chef kann nur der gewählte Vertreter der Stadt sein. Das man aber auf diesem Posten immer im Fokus steht, ist klar. Sicher gab es einige Themen, die mehr von mir besetzt wurden, das kann schon sein.

-Als Stadtbaumeister kann man sein Umfeld, seine Vorgesetzten beeinflussen und versuchen, eine bestimmte Richtung durchzusetzen. Das hat man bei Ihnen schon gemerkt.

Es ist doch so: Man muss mit Herzblut dabei und selbst von der Sache überzeugt sein, dann sind die Chancen hoch, die anderen dafür zu begeistern. Dafür muss man sich insbesondere im Vorfeld einer Stadtratssitzung optimal vorbereiten. Ich hatte immer den Anspruch, auch bei den anschließenden Diskussionen und bei Nachfragen bestehen zu können. Man darf einfach nicht rumeiern, sondern muss die Materie im Griff haben. Wichtig ist, vorausschauend und eigeninitiativ städtebauliche Entwicklungen anzustoßen, wie z.B. den Rahmenplan Schongau-Nord oder den Äußeren Westen. Hier geht es darum, die Voraussetzungen zu schaffen für neue Gewerbe- und Wohnbaugebiete.

-Mit was man umgehen muss in dem Job: Dass Projekte lange dauern.

Ja, das ist so. Ich erinnere mich noch an das May-Gelände, wo wir jetzt das Haus für Kinder bauen: Da ging es in meiner ersten Sitzung als Stadtbaumeister darum, dass dort ein Supermarkt hingebaut werden sollte. Die richtige Entscheidung war, dass man das Gelände gekauft hat und jetzt für schulische oder Kindergarten-Zwecke genutzt wird.

-Welches Projekt hat sie am meisten geärgert oder Nerven gekostet?

(überlegt). Der Bereich mit dem Schwanenweiher, der war zeitweise wirklich stark umstritten. Eigentlich ging es primär um die fußläufige Erreichbarkeit zur Altstadt, die vorher mit Holzstufen mehr als ein halbes Jahr aus Haftungsgründen gesperrt werden mussten. Jetzt ist der Weg toll, aber über die Platzgestaltung wurde viel diskutiert. Jetzt ist das Blumenbeet wieder drin, ich war eigentlich der Meinung, dass so etwas in dem parkartigen Charakter nicht mehr nötig ist. Aber damit muss man leben, man kann sich nicht ewig damit aufhalten, weil dauernd etwas Neues nachkommt. Auch die Vorgaben ändern sich ständig. Allein beim Vergaberecht ist es Wahnsinn, was innerhalb der vergangenen zehn Jahre anders geworden ist. Bei der Sanierung der heutigen Dreifachturnhalle beispielsweise haben wir den Auftrag einfach an einen Architekten vergeben, das wäre heute gar nicht mehr möglich. Diese Sanierung war übrigens auch eine absolut richtige Entscheidung, weil es unglaublich war, was wir an Fördermitteln durch das Konjunkturpaket abgesahnt haben. Da standen wir einfach zur richtigen Zeit mit dem richtigen Projekt parat.

-Sind auch die Verfahren länger geworden? Friedrich Zeller hat darüber immer geschimpft und sich manchmal nach China gewünscht.

Es ist mühsam und erschöpfend, das stimmt. Irgendwann hat es Grenzen, da ist man nicht mehr handlungsfähig, wenn man überspitzt gesagt zum fünften Mal die Bürger fragt. Ich habe nichts gegen Diskussionen über konkrete Projekte, aber es muss auch einmal gut sein.

-Solche spannenden Bürger-Informationen wie etwa beim Bike-Park, um ein weiteres kontrovers diskutiertes Projekt zu nennen: Das ist relativ neu, oder?

Kann man schon sagen. Ich erinnere mich, dass wir das erste Mal beim sogenannten Konzept V für die Fußgängerzone im Jahr 2010 so eine Info-Veranstaltung organisiert haben. Das hat sich in letzter Zeit verstärkt, leider nicht immer mit dem Erfolg, wie man es sich wünscht, zum Beispiel zuletzt beim Stadtmauer-Umfeld. Der Bürger ist dann da, wenn er unmittelbar betroffen ist, wie eben beim Bike-Park zu sehen war. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Trotzdem ist es wichtig, dass so eine Bürger-Information stattfindet, wir Konzepte mit dem Bürger erarbeiten, was beim Innerstädtischen Entwicklungskonzept ja sogar eine wesentliche Voraussetzung ist. So eine Diskussion fordert einen, man muss die Thematik gut beherrschen und darf sich nicht scheuen, bei Einwänden darüber nachzudenken, ob man wirklich alles richtig gesehen hat. Ich habe mich sicher einige Male über Bürger geärgert, die ihren Frust loswerden wollten. Das ist aber ein normaler Prozess, das muss man aushalten.

-Thema Arbeitsbelastung: Sie hatten sogar mal ein Zimmer in Schongau, weil sich die Heimfahrt nach Stadtbergen bei Augsburg nicht mehr gelohnt hat.

Die ersten vier Jahre hatte ich die Wohnung, das war schon ein Vorteil. Die Arbeitsbelastung war teilweise sehr hoch, wenn die Sitzung abends bis 23 Uhr dauert und um 8 Uhr der nächste Termin ansteht. Aber da schätze ich den Öffentlichen Dienst: Man kann diese manchmal prall gefüllten Zeitkonten gut wieder abbauen und mal drei Tage am Stück freinehmen. Das Entscheidende ist: Es muss Spaß machen. Wir haben ein tolles Team, ich konnte die Mitarbeiter immer frei aussuchen.

-Was werden Sie im Ruhestand machen?

Ich werde etwas mehr reisen und die Sanierung meines kleinen Bauernhofs abschließen, den ich vor 14 Jahren nahe Thannhausen gekauft habe. Manche fangen zum Golfen an, ich bin eher der handwerkliche Typ, der mal Mauern muss oder eine Kreissäge benutzt. Und vielleicht, um am Ball zu bleiben und mein Wissen weiterzugeben, werde ich im Augsburger Stadtzentrum ein, zwei Tage pro Woche in einem Planungsbüro mitarbeiten. Aber nur als Option, wenn mir im November und Dezember langweilig werden sollte.

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