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Lehrermangel: Zerrissene Klassen und weinende Kinder

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Von: Stephanie Uehlein, Barbara Schlotterer-Fuchs

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Auch wenn der Lehrermangel im Landkreis nicht so offensichtlich ist wie anderswo – die Personalknappheit hat auch dort ihre Auswirkungen.
Auch wenn der Lehrermangel im Landkreis nicht so offensichtlich ist wie anderswo – die Personalknappheit hat auch dort ihre Auswirkungen. © Julian Stratenschulte

Die Auskunft des Schulamts Weilheim-Schongau, im Landkreis gebe es keinen Lehrermangel, stößt beim Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnen-Verband (BLLV), aber auch bei Eltern auf Kritik.

Landkreis – Es gebe durchaus Anzeichen für einen solchen Mangel, so BLLV-Kreisvorsitzender Andreas Mroß gegenüber der Heimatzeitung. Mroß widerspricht damit der Auskunft des Schulamts Weilheim-Schongau, es gebe keinen Lehrermangel.

Im Bereich Weilheim-Schongau fehlten zwar nicht so viele Lehrkräfte wie in anderen Landkreisen, erklärt Mroß, und seines Wissens wurde auch noch keine Klasse wegen Lehrermangels früher nach Hause geschickt. Von einer unterschwelligen Knappheit kann laut dem BLLV-Kreisvorsitzenden aber durchaus die Rede sein.

Nicht nur unterschwellig, sondern äußerst deutlich hat sich der Lehrermangel in diesem Schuljahr an der Staufer Grundschule in Schongau bemerkbar gemacht: Eine erste Klasse aus dem Schuljahr 2021/22 wurde aufgelöst, die Klasse zerstückelt und die Schüler in diesem Schuljahr auf die vier verbliebenen Klassen der selben Jahrgangsstufe verteilt. Die Schulleitung möchte der Heimatzeitung hierzu keine Auskunft geben. Die Elternbeiratsvorsitzende der Schongauer Grundschule, Theresia Jocher, berichtet von diesem fragwürdigen Vorgehen, das so vom Schulamt angeordnet sein soll, um fehlende Lehrer zu kompensieren.

Ich habe mit Eltern gesprochen, bei denen die Kinder Rotz und Wasser geheult haben.“

Theresia Jocher, Elternbeiratsvorsitzende Staufer Grundschule Schongau

„Ich habe mit Eltern gesprochen, bei denen die Kinder Rotz und Wasser geheult haben, weil ihre Klasse aufgelöst wird“, erzählt Jocher. Gerade für Erstklässler sicherlich eine traumatische Erfahrung. Die Leidtragenden seien nicht nur die Kinder, deren Klassengemeinschaft nach einem Schuljahr des Zusammenwachsens zerstört worden sei. Alle Kinder in dieser Jahrgangsstufe, die in diesem Schuljahr die zweite Klasse besuchen, litten darunter. Denn: „Alle Klassen sind jetzt riesig und das auch noch auf engstem Raum“. Da tröstet es nur wenig, dass die zweiten Klassen zumindest die großzügig geschnittenen Klassenzimmer im Altbau erwischt haben – im Neubau wäre es noch enger zugegangen. Auch die betroffenen Lehrer, die all das kompensieren und still mittragen müssen, könnten einem da nur noch leid tun, so Jocher.

Große Klasse, kleine Zimmer

Auch aus den zunächst geplanten sechs ersten Klassen in diesem Schuljahr wurde nichts – es gibt nur fünf. Und die spielen dafür in Sachen Schülerzahl bei der Klassenstärke in der ganz oberen Liga mit. Genauso traurig sieht es bei den Klassenstärken in Jahrgangsstufe vier aus. Die Staufer Grundschule in Schongau, dürfte nur ein Beispiel von vielen im Landkreis sein.

Auch die Gruppengröße im Werkunterricht der ersten und zweiten Klassen hätte sich verändert, schildert Andreas Mroß. Diese sei an einzelnen Schulen im Landkreis auf bis zu 28 Buben und Mädchen erhöht worden, während sie früher bei 14 bis 20 Kindern lag. „Durch diese Maßnahme kann man die eingesparten Stunden für andere Fächer verplanen“, erklärt Mroß. Es bestehe „die Gefahr eines Qualitätsverlusts“ in dem beliebten Fach. Dazu komme eine „deutliche Mehrbelastung der Werklehrkräfte“. Betroffen von der Werkgruppen-Vergrößerung ist laut Mroß zum Beispiel eine Grundschule in Penzberg.

Keine ausgebildeten Lehrkräfte für Förderunterricht

Bemerkbar macht sich der Lehrermangel im Landkreis auch beim Förderunterricht. Für diesen stehen „oft keine ausgebildeten Lehrkräfte zur Verfügung“, wie Mroß kritisiert. „Hier wird oft auf Student*innen und fachfremdes Personal zurückgegriffen.“ Auch die Tatsache, dass Schulleiter nach wie vor externes Personal, sogenannte Substituten, einstellen dürften, mache den Lehrerbedarf im Landkreis deutlich.

„Dabei wäre es so wichtig, in ein Schuljahr zu starten, in welchem pandemiegeprägte Schülerinnen und Schüler sowie ukrainische Flüchtlingskinder von genügend und grundständig ausgebildeten Lehrkräften aufgefangen und unterstützt werden können“, so der Kreisvorsitzende. Im Landkreis steige die Zahl der Schulkinder, die noch kein Deutsch können. Dazu kämen Buben und Mädchen, die zum Beispiel wegen einer Lese-Rechtschreib-Störung individuelle Hilfe in Form von Förderstunden brauchen.

Bayernweit 4000 Lehrer zu wenig für Grund-, Mittel- und Förderschulen

Der BLLV geht davon aus, dass bayernweit an den Grund-, Mittel- und Förderschulen rund 4000 Lehrkräfte fehlen. In einer Mitteilung des Verbandes heißt es: „Wir gehen in unseren Berechnungen davon aus, dass das Ziel guter Bildung sein muss, dass alle Angebote wieder von ,echten’ Profis aufgefangen beziehungsweise vorgehalten werden.“

Der Personalmangel an bayerischen Schulen wurde auch vom Kreisverband der „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ kritisiert. Dieser schreibt in einer Mitteilung, es gelinge dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus „nicht mehr, das Bildungssystem angemessen auszustatten“. Für das neue Schuljahr habe das Ministerium einschneidende Streichungen vorgeschlagen, die sich unter anderem auf Maßnahmen zur individuellen Förderung, auf Arbeitsgemeinschaften und die Beratung „Digitale Bildung“ bezögen.

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