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Alte Spieluhr in St. Anna-Kirche zum Leben erweckt: Das Jesuskind erscheint wieder mit Glockengeläut

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Helmut Hunger an der geöffneten Türe der Einbaunische, in er die gesamte Konstruktion des „Ganzjahreskripperl“ eingebaut ist.
Helmut Hunger an der geöffneten Türe der Einbaunische, in er die gesamte Konstruktion des „Ganzjahreskripperl“ eingebaut ist. © Hans-Helmut Herold

Wenige Tage vor dem Weihnachtsfest ist ein kleines mechanisches Juwel aus dem Dornröschen-Schlaf erweckt worden. Jahrelang schlummerte die Spieluhr in Form einer Kapelle neben dem Eingang zur St. Anna-Kirche vor sich hin. Fast zwei Jahre lang wurde getüftelt, um dieses besondere Stück wieder in Gang zu bringen.

Schongau – Vor annähernd 100 Jahren muss diese kleine Kapelle mit dem angebauten Glockenturm geschaffen worden sein. Das Dach mit Holzschindeln gedeckt, der Zwiebelturm mit einem Schallfenster bestückt. Die kleine Glocke darin gut zu erkennen. Seitlich ist ein Brunnen nicht zu übersehen, die Tannenbäume im Hintergrund der Kapelle wirken wie ein Schutzschild. Um diesen Kapellenaufbau ist ein Rupfensack in einer Halbrundung gespannt, auf dem ein Landschaftsbild aufgemalt ist. Das war´s. So schlummerte die Darstellung jahrelang vor sich hin. Ein Prinz musste kommen, um das gute Stück aus dem Tiefschlaf wachzuküssen.

Dieser Prinz entpuppt sich als Helmut Hunger, im Ruhestand lebender Friseurmeister. Ein Prinz im wahrsten Sinne des Wortes, denn er regierte 1971 als Faschingsprinz die Narren von Schongau mit seiner Prinzessin Rosemarie. Statt waschen, schneiden, fönen war planen, tüfteln, organisieren angesagt, fast zwei Jahre lang. Jetzt ist das gute Stück wieder voll funktionsfähig. Dazu im passenden Stil landschaftlich erweitert. So gut angepasst, dass man den Unterschied und Übergang von alter Substanz und neuer Gestaltung nicht erkennt. Eine tolle Arbeit, die neugierig macht. Und wer könnte sie besser erklären als Hunger selbst. Natürlich vor Ort, denn man will nicht nur in das Herzstück der Mechanik blicken, sondern bei geöffneter Türe den ganzen Aufbau begutachten.

Krippenbauer besserte das Landschaftsbild aus

Schon alleine der große Türschlüssel, den Hunger feierlich in das handgeschmiedete Türschloss steckt, wäre ein eigenes Kapitel wert. Das Öffnen der Türe fast geräuschlos, kein Knarren oder Quietschen. Während der Blick des Betrachters auf die Kapelle im Zentrum fällt, hat Hunger einen anderen Schwerpunkt gesetzt. Er zeigt als erstes voller Stolz auf eine Signatur am rechten unteren Eck des Gemäldes auf dem Rupfensack. 10.1928 das Datum, dazu der Schriftzug von F. Ratzinger. „Womöglich einer aus der Familie des Papstes“, so Hunger in seiner Begeisterung. Er weiß natürlich die Geburtsdaten von Georg (1924) und Josef (1927) , „also könnte es einer aus der vorhergehenden Generation gewesen sein“, spekuliert er. Dann kommt Hunger zur Arbeit des Krippenbauers, den er mit ins Boot geholt hat. Dieser besserte das Landschaftsbild aus, brachte ein kleines Detail zum Vorschein. „Wenn man hier genau hinsieht, erkennt man die Silhouette von Schongau“, erklärt Hunger. Der Krippenbauer hatte noch eine weitere Idee. Er gestaltete aus Styropor und Gips einen Himmel, in den er drei kleine Lämpchen für eine Dauerbeleuchtung einbaute. Dazu erweiterte er die Fläche links und rechts des Kapellenoriginals und setzte einen knorrigen Baum und einen Weg mit Geländer. Das Gesamtbild verschmilzt in Harmonie.

Alte Technik entpuppte sich als Sorgenkind

Alles andere als harmonisch verlief die Technik unter der Kapelle. Das Sorgenkind der gesamten Anlage. Hunger klapperte alle ihm bekannten Elektriker ab, bis über die Landkreisgrenze hinaus. Fündig wurde er schließlich in Bad Wörishofen. „Ich kann’s nicht, aber mein Vater hat bestimmt noch Ahnung“, so ein dortiger Elektriker. Und der Meister alter Schule tüftelte, wechselte Drähte aus, setzte Ideen um, erneuerte Lötstellen. Dazwischen immer wieder Fehlschläge, wenn Teile, die es nicht mehr gibt, den Geist aufgaben.

So sieht ein Teil der elektrifizierten Mechanik aus, die der Techniker nach langer Tüftelei wieder in Gang setzte
So sieht ein Teil der elektrifizierten Mechanik aus, die der Techniker nach langer Tüftelei wieder in Gang setzte © Hans-Helmut Herold

Irgendwann stellte sich die Frage nach den Kosten. Denn die Stunden, die mittlerweile in die Restaurierung geflossen waren, liegen Hunger auf dem Magen. Zwar habe der Krippenbauer keinen Cent für seine Arbeit verlangt, erzählt Hunger. „Wir haben das von Fußballfan zu Fußballfan geregelt“, verrät er. Trotz allem kam doch ein stattlicher Betrag zusammen, der für Material und Fahrtkosten aufgebracht werden musste. „Und da hat uns eine großzügige Spenderin aus Schongau geholfen, die von dem Projekt zufällig erfahren hat“, erzählt Hunger. „Sie hat alle entstandenen Kosten unter der Bedingung übernommen, nicht genannt zu werden“, sagt Hunger.

Mit einem Münzeinwurf wird die Spieluhr in Gang gesetzt

Schließlich naht der besondere Moment, die Probe aufs Exempel. Hunger nimmt ein „Zehnerl“ (10 Cent), wie er es nennt, in die Hand. Wie damals vor vielen Jahren, als er als neunjähriger Ministrant das Jesuskind dieses Automaten in Bewegung setzte. Doch er macht es nochmal spannend. Erklärt den Auslösemechanismus, in den das „Zehnerl“ geworfen werden soll. „Früher konnte man verschiedene Münzen einwerfen, das haben wir bewusst geändert“, erklärt er. Dabei öffnet er die Rückseite des kleine Kästchens, in dem das Führungsblech für die Münzen verläuft. „Da hat sich immer wieder eine Münze verklemmt, die dann alles zum Stillstand brachte.“ Außerdem wurde die Kasse schon aufgebrochen, weil die Diebe viel Geld darin vermuteten. Jetzt rutschen nur „Zehnerl“ in die Kasse hinein, die dann in kurzem Intervall geleert wird.

Man muss Hunger in seinen Ausführungen bremsen, er hätte noch genügend Geschichten auf Lager. Man will endlich die Funktion begutachten. Spannung herrscht im Vorraum gegenüber der Maria mit dem Strahlenkranz. Das „Zehnerl“ fällt. Die Beleuchtung wird aktiviert. Im Glockenturm bewegt sich die Glocke im Takt der Schläge. Die Doppeltüre öffnet sich, das Jesuskind gleitet wie auf Schienen vor die Kirche. Mit der beweglichen rechten Hand segnet das Kind den Betrachter, in der linken Hand hält es die Weltkugel. Dazu ertönt adventliche Musik. Das Zusammenspiel der Mechanik beeindruckt. Rückzug des Kindes in die Kirche, Doppeltüre zu, Glockenschlag und Lichter aus. Das letzte Wort hat Helmut Hunger: „Nach Lichtmess wird die adventliche Musik ausgeschaltet, da sind dann nur noch die Glocken zu hören.“

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