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Wollten mit ihrem Toboggan dieses Jahr 100-Jähriges feiern: Claus Konrad aus Schongau mit seiner Lebensgefährtin Judith Dürbaum.

Wiesn-Aus

Unternehmer aus dem Landkreis tapfer: Dann wird eben das 101-Jährige gefeiert!

  • Boris Forstner
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  • Jörg von Rohland
    Jörg von Rohland
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Das gestern verkündete Wiesn-Aus trifft auch Unternehmer aus dem Landkreis Weilheim-Schongau hart. Wir sprachen mit Wiesn-Wirt Manfred Vollmer, Toboggan-Chef Claus Konrad und Mandelbrennerin Sabine Trollmann, die alle seit Jahren auf dem größten Volksfest der Welt vertreten sind.

Landkreis - Seit 1988 betreibt Manfred Vollmer, der seit Jahren auf dem Granerhof bei Böbing lebt, die Augustiner-Festhalle auf dem Oktoberfest. „Uns war schon klar, dass es eng wird, deshalb kam die Absage nicht wie ein Dampfhammer über uns“, sagt Vollmer. „Aber es ist völlig richtig, die Wiesn bei der derzeitigen Lage abzusagen. Ein Oktoberfest mit Maskenpflicht kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“ Auch ökonomisch hätte er Probleme gesehen, etwa wenn die Einreisebeschränkungen immer noch gültig wären und die vielen Gäste aus dem Ausland nicht hätten einreisen können – wenn sie es überhaupt gewollt hätten.

Vollmer war in den vergangenen Wochen regelmäßig in Kontakt mit den anderen Wiesnwirten gestanden und weiß, dass manch einer sich doch noch Hoffnungen auf die Ausrichtung gemacht hat. „Klar, manche leben davon und bestreiten mit der Wiesn ihren ganzen Jahresunterhalt. Da spreche ich auch explizit die Mitarbeiter an, die darauf angewiesen sind.“ Allein bei ihm in der Augustiner-Festhalle sind es 450 Mitarbeiter, die fast alle jedes Jahr bei ihm mithelfen. „Ich hatte die Stammbesetzung Anfang März angeschrieben, ob sie wieder zur Verfügung steht, und fast alle hatten zugesagt“, so Vollmer. Das fällt jetzt weg. Ihm selbst tut die Absage finanziell natürlich auch weh, doch dank des frühen Zeitpunkts der Absage halte sich zumindest der Verlust in der aufwändigen Vorbereitung in Grenzen. „Es gibt ja einen langen Vorlauf, so müssen die Hühnerzüchter für die späteren Hendl Eier einkaufen und so weiter“, nennt Vollmer als Beispiel. Für ihn wird es komisch sein, nach mehr als 30 Jahren im September plötzlich Urlaub zu haben. „Aber am Granerhof ist es so schön, da halte ich es schon aus.“

Manfred Vollmer (m.) 2017 bei der Feier seines 30-jähriges Wiesn-Jubiläum. Links Ehefrau Michaela, rechts Sohn Thomas.


„Wir sind schon sehr niedergeschlagen“, sagt Sabine Trollmann, die mit ihrem Mann eine Mandelbrennerei auf der Wiesn betreibt und auch von den Jahrmärkten in Weilheim und Umgebung sowie dem Herzl-Stand in der Vorweihnachtszeit vor dem Weilheimer K&L bekannt ist. Denn die Wiesn wäre wie jedes Jahr der Höhepunkt gewesen – jetzt aber dürften alle Feste ausfallen, in denen die Süßigkeits-Experten unterwegs sind. „Auf zwölf bis 14 großen Festen sind wir jedes Jahr in Bayern vertreten, jetzt wären wir eigentlich auf dem Münchner Frühlingsfest“, sagt Trollmann. Zum Glück arbeite man nur mit Aushilfen, die bei den diversen Events mitarbeiten, nicht mit Festangestellten, die sie jetzt vermutlich entlassen müssten. „Insofern bin nur ich als einzige Mitarbeiterin meines Mannes betroffen“, sagt Trollmann und lacht gequält.

Wie es für sie weitergehen soll, kann sie jetzt noch nicht sagen. Aber man sei in Gesprächen mit der Stadt Weilheim, ob man vielleicht auch außerhalb der Vorweihnachtszeit, nämlich schon jetzt in den nächsten Wochen, einen Stand in der Altstadt aufmachen könne, damit die Existenz nicht völlig aus den Fugen gerät. „Dass wäre super für uns. Es wäre finanziell natürlich kein Ersatz für die ausgefallene Wiesn, aber wäre vor allem gut für unsere Seele“, sagt Trollmann.

Den Herzl-Stand betreibt das Ehepaar Trollmann in der Vorweihnachtszeit in Weilheim. Ihr Wiesn-Auftritt fällt aber aus.


Bitter ist die Absage der Wiesn auch für den Schongauer Claus Konrad. Seit bald 90 Jahren ist seine Familie mit dem Toboggan auf dem Oktoberfest vertreten, heuer wäre ein großes Jubiläum gefeiert worden. 1920 hatte die Großmutter das Fahrgeschäft aus Amerika mit nach Bayern gebracht. „Es ist also seit 100 Jahren in Familienbesitz“, sagt der 51-Jährige, der 2012 das Amt des Chefs von seiner Mutter Astrid Konrad übernommen hatte. Die gesamte Familie hilft noch immer fleißig mit und wollte das Jubiläum heuer gebührend feiern. Aktionen mit Münchner Radiosendern seien geplant gewesen, ein Sonderpreis sowie Freikarten hätten unter den Oktoberfest-Besuchern verlost werden sollen, berichtet Claus Konrad.

Seit seiner Geburt ist der Schongauer immer auf der Theresienwiese dabei gewesen, wenn sich die wagemutigen Wiesn-Besucher aufs Laufband wagten, um anschließend auf der Toboggan-Rutsche wieder nach unten zu gelangen. Vor allem die nicht mehr ganz nüchternen Gäste auf dem Band sorgen bei den Schaulustigen für ein großes Hallo. Das Fahrgeschäft zählt auch deshalb zu den beliebtesten und ältesten überhaupt des Oktoberfestes.

Corona macht auch Spaß auf dem Laufband zunichte

Corona macht heuer auch diesen Spaß zunichte: Zum ersten Mal überhaupt muss der Toboggan in seiner Lagerhalle in Kinsau bleiben. Obwohl es bitter für ihn ist, fühlt Konrad aber noch mehr mit den Schaustellern, die von der Wiesn und den anderen Volksfesten leben. „Die trifft das viel schwerer“, weiß er. Der 51-Jährige hat zwar auch Einbußen, als hauptberuflicher Soldat aber feste Einkünfte, erklärt er. Die zehn bis 14 Mitarbeiter, die bei ihm jedes Jahr auf dem Oktoberfest mithelfen, haben ebenfalls feste Berufe. „Sie nehmen für die Wiesn Urlaub“, weiß Konrad. Und: „Sie sind traurig, dass die Wiesn nicht stattfindet, ganz unabhängig vom Geld.“

Die Jubiläumsfeierlichkeiten will Konrad jetzt 2021 auf dem Oktoberfest nachholen. „Auch, wenn es dann 101 Jahre sind, die Aktionen, die wir geplant haben, werden wir auf jeden Fall durchziehen“, verspricht der Schongauer den Toboggan-Fans.

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Jedem dritten Gastronomiebetrieb droht laut dem Hotel-und Gaststättenverband das Aus. Die Hoteliers und Gastronomen im Schongauer Land hoffen auf baldige Öffnung, um das Schlimmste abzuwenden.

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