Auf der vermutlich höchsten Dachterrasse Schongaus stehen die neuen Eigentümer, Christoph Reiter (l,) und Jürgen Ruf, mit Architektin Petra Asanger. Deren Kollege Manfred Brems, der die Bauleitung innehat, fehlt auf dem Bild.
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Auf der vermutlich höchsten Dachterrasse Schongaus stehen die neuen Eigentümer, Christoph Reiter (l.) und Jürgen Ruf, mit Architektin Petra Asanger.

Leerstand wird neu belebt

Bald wieder Leben im ehemaligen SN-Gebäude: Große Pläne für zwei Häuser in der Schongauer Altstadt

  • Boris Forstner
    vonBoris Forstner
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Ein Leerstand in der Münzstraße wird neu belebt: Die beiden Häuser, in denen jahrzehntelang die Schongauer Nachrichten zuhause waren, werden von Grund auf saniert.

Schongau – Marode Gebäude der Schongauer Altstadt in ein Schmuckkästchen verwandeln – damit kennt sich Christoph Reiter aus. Der Firmenchef der Reiter AG, der sich eigentlich um die Begleitung und Entwicklung von Familienunternehmen kümmert, hatte vor 20 Jahren den ersten sogenannten „Schongauer Altstadtfonds“ gegründet. Unter anderem mit dem Geld zahlreicher seiner Kunden, die eine heimische Geldanlage suchten, kaufte er ein denkmalgeschütztes Haus in der Dominikus-Zimmermann-Straße, das zum Firmensitz wurde. Es folgten bis 2010 drei weitere „Altstadtfonds“-Projekte nach demselben Muster, danach sollte eigentlich Schluss sein.

Doch als er zufällig von einem Bekannten vom geplanten Verkauf der beiden Gebäude in der Münzstraße 12 und 14 hörte, war Reiter Feuer und Flamme. „Das hat mich sehr interessiert, allein schon aus meiner Vergangenheit“, sagt der 56-Jährige. Denn als angehender Abiturient hatte er sich für seine Facharbeit am Gymnasium, die sich um die Geschichte der UWV Schongau drehte, zwei Wochen lang im Archiv der Schongauer Nachrichten vergraben. „Das war echt spannend“, sagt Reiter und lacht.

Klein und groß werden bald gemeinsam belebt: Die ehemaligen Redaktionsräume der Schongauer Nachrichten (l.) und die Räume der ehemaligen Eisdiele.

Gebäude in der Schongauer Altstadt gekauft: Geschäft per Handschlag abgeschlossen

Weil gleichzeitig wieder mehrere Nutzungsanfragen von Kunden wegen einer Geldanlage eingingen, nahm er Kontakt zum Münchner Merkur auf, dem die Häuser gehörten – und wurde schnell handelseinig. „Wir haben das Geschäft tatsächlich per Handschlag abgeschlossen“, sagt Reiter. Inoffiziell firmiert das Projekt als „5. Schongauer Altstadtfonds“, auch wenn es etwas anders gelagert ist, weil es keine klassischen Anleger gibt, dafür mit Immobilienmakler Jürgen Ruf einen Mitbesitzer.

Das war Anfang 2020, und eigentlich sollte es danach zügig an Planung und Sanierung gehen. Doch die Corona-Krise verzögerte das Projekt, was für Reiter aber kein Problem war – er hatte keine Eile. Am heutigen Dienstag wird das Thema im Bauausschuss behandelt, bei einem erhofften positiven Votum soll es zügig losgehen.

Gebäude in der Schongauer Altstadt werden saniert: Schon einiges passiert

Passiert ist bereits jetzt einiges. Beide Gebäude wurden ausgeräumt, an die frühere Nutzung als Zeitungsredaktion und Eisdiele erinnert nichts mehr. „Es gab wenig Überraschungen“, sagt Manfred Brems, Architekt aus Peiting und zuständiger Bauleiter. Er muss es wissen, schließlich hat er schon den „1. Schongauer Altstadtfonds“ betreut, der deutlich kniffliger war wegen der uralten Bausubstanz. „Das Haus in der Dominikus-Zimmermann-Straße war 450 Jahre alt, da gab es zum Teil noch Mauern aus Lechflusssteinen“, erinnert sich Reiter.

Die beiden Häuser in der Münzstraße dagegen sind keine Einzeldenkmäler, beide Häuser stehen nur unter Ensembleschutz, und sind bei weitem nicht so alt (siehe Kasten). „Es wurde nur viel angebaut, das war etwas unübersichtlich“, sagt Brems.

Zur Historie der beiden Häuser

Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer hat zur Vergangenheit der beiden Häuser einiges beizutragen:

- Münzstraße 12: Dort war im 18. Jahrhundert im Vorgängerhaus Josef Würmbseer, ein Puppenmacher („Dockenmacher“), wohnhaft. Es gehörte vorher zum Gasthaus/Bräuwirt „Stutzbräu“ (heute Blaue Traube). Danach übernahm es Schreinermeister Max Schmid und ab 1885 Verleger Carl Friedrich Bornschein, der den bisher in der Weinstraße 18 befindlichen Druckereibetrieb der 1875 gegründeten Schongauer Nachrichten in dieses Haus verlegte. Die Buchdruckerei Bornschein gehört im Kataster 1939 dem Verlagsdirektor Karl Motz.

- Münzstraße 14: Das ehemalige Redaktionsgebäude trug den Hausnamen „beim Jupp-Schneider“, dann „beim Kistler-Bauer“ und schließlich „beim Kößl“. 1727 war es im Besitz des aus der Hofmark Steingaden stammenden Zimmermanns Josef Paur. Ab 1762 im Besitz der Schreinersfamilie Bauer („beim Juppen-Schneider“). Ab 1845 wechselnde Besitzer (Max Schmid, Schreiner; Balthasar Friedrich, Schlosser.) 1865 folgte das Ende der Werkstatt von Max Schmid. Nach Schlosser Friedrich folgte ab 1887 Thomas Lutz, ebenfalls Schlosser, und schließlich 1939 Schlossermeister Franz Lutz. Daneben im abgetrennten Anwesen ab 1864 Schreiner Benno Köpf und ab 1885 wieder der benachbarte Carl Friedrich Bornschein; danach durchgehend Bornschein’sche Buchdruckerei GmbH und 1939 Setzerei der Schongauer Nachrichten der Firma Motz&Co.

Gebäude in der Altstadt sind eng mit den Schongauer Nachrichten verbunden

Beide Häuser sind eng mit den Schongauer Nachrichten verbunden. Bis vor zwei Jahren war in der Münzstraße 14 noch die Geschäftsstelle, ehe sie in den Neubau in der Liedlstraße integriert wurde. Der stammt aus dem Jahr 2005 und hat die Redaktion aufgenommen, die vorher ebenfalls in der Münzstraße 14 beheimatet war. Auch Verleger August Motz hatte dort seine Diensträume.

Bruder Rudolf Motz dagegen war der Herr im deutlich größeren Gebäude Münzstraße 12. Dort war früher die Druckerei untergebracht, Rudolf Motz wohnte auch selbst in dem Haus. Doch seit rund zehn Jahren stehen die Wohnräume dort leer, nach dem Umzug der Eisdiele an den Marienplatz waren beide Häuser nicht mehr belebt.

Ungewohnter Blick: Die frühere Eisdiele in der Schongauer Münzstraße ist bereits völlig entkernt, es fehlt nur noch die Baugenehmigung.

Spektakuläre Aussicht über die Schongauer Altstadt

Das wird sich nun bald ändern. Im Erdgeschoss wird es einen Durchbruch geben, so dass beide Häuser eine zusammenhängende Gewerbefläche bilden. Im restlichen Bereich von Hausnummer 14 ist eine weitere Gewerbenutzung vorgesehen, in Nummer 12 werden insgesamt vier Wohnungen eingebaut, außerdem ein Aufzug – es wird barrierefrei.

Spektakulär wird die Aussicht aus dem 4. Stock sein: „Das ist vermutlich die höchste Dachterrasse Schongaus“, sagte Reiter mit Blick auf den Hohen Peißenberg, weite Teile der Altstadt und zum Hohen Graben. Die Aussicht ist tatsächlich fantastisch. Auch einen Stock tiefer gibt es eine große Dachterrasse, daneben ist sogar noch ein ehemaliger Turnraum – „ich liebe es, solche alten Gebäude wieder mit Leben zu füllen“, schwärmt Reiter. „Das werden tolle Wohnungen.“

Sogar ein eigenes Turnzimmer hatte Familie Motz in dem großen Gebäude.

Dafür investieren er und seine Partner auch viel Geld. 2,3 Millionen Euro soll das Projekt kosten. 15 Monate Bauzeit sind angedacht, Mitte nächsten Jahres soll die Fertigstellung sein. Dann hat Reiter wieder ein Ziel erreicht, das er schon mit den vier vorherigen Altstadtfonds geschafft hat: „Die Attraktivität der Schongauer Altstadt steigern.“

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