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Das Ossi-Huber-Quartett, das den Swing nach Schongau holte: (v.l.) Helmut Höfler, Ernst Huber, Jürgen Heek und Ossi Huber.

Band-Serie

Die Amis zahlten mit Lucky Strike

Musik hatte schon immer etwas Faszinierendes, Mitreißendes an sich. Vor allem Tanzmusik in allen Variationen, bei der man sich schnell näher gekommen ist. Wenn man wollte. Mit etwas Gespür für die aktuellen Schlager konnte man als Musiker in einer der vielen Bands so manches Zubrot dazuverdienen.

Schongau – Man schreibt das Jahr 1955. Die erste Sendung von „Was bin ich“ mit Robert Lembke flimmert in schwarz-weiß in vielen Haushalten über die Bildschirme. In den Wohnzimmern tönt aus den Musiktruhen eine neue Musikrichtung. Der „Swing“ ist hochaktuell, die einstigen Besatzer aus den USA haben ihn mitgebracht. Es ist die Musik der Befreiung, die Musik der neugewonnenen Lebensfreude. Erfolgstitel von Benny Goodman und Glenn Miller erobern die Tanzsäle.

Zu dieser Zeit drückt ein junger Spund die Schulbank in Schongau. Musikunterricht steht auf dem Stundenplan. Musikalische Grundkenntnisse und Harmonielehre werden vermittelt. Kein geringerer als Joseph Kraus, der spätere Musikdirektor und Initiator von Musik im Pfaffenwinkel, ist der Lehrer. Einer seiner Schüler heißt Ernst Huber, gerade 16 Jahre alt geworden. Huber zeigt großes Interesse an allem, was von Kraus in Richtung Kontrabass gelehrt wird. Das übergroße Instrument hat es ihm angetan.

Musik ist ihm nicht fremd. Sein großer Bruder Georg, in Freundeskreisen nur als „Ossi“ Huber bekannt, spielt in dem damals bekannten „e.b. Tanzquintett“ Saxophon und Klavier. Das fasziniert den jüngeren Bruder. „Im Musikunterricht haben wir von Joseph Kraus alles gelernt, alles außer Tanzmusik“, erzählt der heute 78-jährige Ernst Huber. Davon hielt Kraus überhaupt nichts.

Treffen 62 Jahre nach Gründung des Quartetts: (v.l.) Schlagzeuger Jürgen Heek, Georg Huber (der Sohn des mittlerweile verstorbenen Bandleader Ossi Huber) und Bassist Ernst Huber.

Doch Ernst hatte keine Probleme, sein erlerntes Wissen in Richtung Tanzmusik umzusetzten. So übte er die Bassläufe an seinem Instrument rauf und runter. Bruder Ossi wird auf ihn aufmerksam und der Zufall spielt dem jungen Bassisten in die Hände. Das „e.b. Tanzquintett“ mit Erwin Berr, Jürgen Heek, Ossi Huber, Anton Hiemer und Wilhelm Ried hatte sich gerade aus musikalischen Gewissensgründen aufgelöst. Man munkelte, dass die einen bei der herkömmlichen Tanzmusik bleiben, die anderen in Richtung neue Welt ausbrechen wollten. Also Swing und moderne Klänge statt Walzer, Polka und Schieber.

1955 wird das „Ossi Huber Quartett“ aus der Taufe gehoben. In der Besetzung Jürgen Heek (Schlagzeug), Ossi Huber (Saxophon & Klavier), Helmut Höfler (Akkordeon & Klavier) und Jungspund Ernst Huber (Bass) werden die neuen Stücke einstudiert. Klar, dass Glenn Miller in der Schusslinie der Musiker ist. Dieser legendäre Bandleader hat es Ossi und seinen Mannen besonders angetan.

Bei der Suche nach einem Proberaum hilft zunächst Jürgen Heek aus der Klemme. Er bewohnt ein Zimmer im damaligen Cafe Haslach in der Fanschuhstraße und weiß, dass die Bäckerei dicht gemacht hat, dort nur noch Kuchen und Torten für das Cafe gebacken werden. Der Besitzer willigt ein – wo früher Teig für Brezn und Brot geknetet wurde, heizt man jetzt mit Benny Goodman & Co. ein.

Mangels Raumklang folgt aber bald der Wechsel: Hermann Schmid, Wirt der Blauen Traube, lässt das Quartett auf der Bühne des großen Saales den neuen Sound dahinschmettern. Selbst Wirtin Anni Schmid findet Gefallen, zumindest manchmal. „Es war ein lustiges Bild, wenn wir unsere Instrumente zu jeder Probe durch die Stadt zur Blauen Traube getragen haben“, erinnert sich Ernst Huber. Keiner der Musiker hat ja ein Auto besessen.

Ein öffentlicher Auftritt muss her, unbedingt. Die Musiker wollen vor Publikum spielen, wollen mit ihrem Swing die Schongauer zum Tanzen animieren. „Wir wollten einfach, dass sich in Schongau was rührt“, beschreibt es Jürgen Heek. Also wird mit den beiden Schwestern der Alten Post verhandelt, ob nicht zum Tanztee aufgespielt werden kann. Ein harter Brocken. Die eine ist verheiratet, die andere noch zu haben. Den Schwestern ist dies ein zu großes Risiko. Sie kneifen.

Dann der Vorschlag der Musiker, in Eigenregie die Veranstaltung zu stemmen. Sie beiden Damen sagen zu. Als Zeitpunkt wird der Samstag von 17 bis 22 Uhr festgelegt. „Am Sonntag hätten wir uns wegen des Pfarrers überhaupt nicht zu musizieren getraut“, gesteht Jürgen Heek. Ein kleines Foto in Postkartengröße im Schaufenster und daneben ein handgeschriebener Zettel weisen auf die Veranstaltung hin. Dementsprechend die Resonanz am ersten Samstag. „Mühsam, absolut mühsam“, beschreibt es heute Jürgen. An der Kasse sitzt damals Ingrid Schumacher, die pro Eintrittskarte 2 Mark haben will. Ganze 48 Mark kommen zusammen.

Die Jungs lassen sich nicht entmutigen. Probieren es erneut. Mundpropaganda kommt hinzu. Auf einmal ist der Laden gerammelt voll. „Chattanooga Choo Choo“ in der Alten Post. Der Parkettboden wird betanzt, bis sich die Hölzer biegen. Von den Hüften der Schongauer Damenwelt ganz zu schweigen. Mittlerweile haben auch die beiden Schwestern Blut geleckt und wollen am Erfolg teilhaben. Jetzt wollen sie das Geschäft machen. Aber ohne die Jungs, die ziehen weiter und werden vom Hermann Schmid in die Blaue Traube gelockt. Dort ist jetzt der Tanztee angesagt. „Der hat uns berühmt gemacht“, äußert sich Ernst beim Durchblättern der alten Fotoalben.

Der gute Swing des Ossi Huber Quartetts muss bis nach Landsberg seine Schallwellen getragen haben. Auf alle Fälle bis ins Gefängnis. „Dort waren die Amis eingezogen und haben zu ihren Veranstaltungen immer nur Platten aufgelegt“, erinnert sich Jürgen. „Plötzlich kommt eine Anfrage zu uns, ob wir im Knast spielen wollen.“ Die Jungs wollen. Das bringt nicht nur bare Münze, auch gewisse andere Vorteile. „Wir durften uns vom Buffett so viel nehmen, wie wir wollten, nur nichts mitnehmen. Das war streng verboten“, erzählt Jügen. Nebenbei gesteht er, dass er in seinem Leben nie mehr so viel Fleischsalat verschlungen hat wie damals.

Natürlich werden auch andere Tanzstücke gespielt, aber der Swing ist einfach am beliebtesten. Das zahlte sich in Form von Zigaretten aus. Die Marke „Lucky Strike“ war einfach der Renner. Ein Tauschobjekt in allen Lagen sowieso. „Wir hatten alle rote Blazer mit Brustaußentaschen an. In die bekamen wir immer die einzelnen Zigaretten hineingesteckt“, erzählt Jürgen. Nur ab und zu wurde eine geraucht. Die gesammelten Nikotistäbchen waren in Schongau heiß begehrt. Die Mädchen wurden in Sachen Belieferung bevorzugt. „Wir waren ja alle ledig“, gibt Ernst zu verstehen. Er genießt, erinnert sich lächelnd und schweigt.

Nicht ganz so solvent in der Bezahlung ist Hermann Schmid, der Wirt der Blauen Traube. Genau vier Mark zahlt er in der Stunde jedem der Jungs bar auf die Kralle. Keinen Pfennig mehr, aber dazu ein Essen und freie Getränke. Hat sich aber in jeder Hinsicht gelohnt. Genauso wie im Cafe Holl, wo das Ossi Huber Quartett ebenfalls gerne gesehen ist. Für die Jungs sehr praktisch, da sie ohne fahrbaren Untersatz Schongau nicht verlassen können.

Das änderte sich mit den Auftritten im Cafe Lechblick an der B 17, wo der Wirt persönlich einen Hol- und Bringservice einrichtet.

Einer der Auftritte, der das Quartett mit am meisten beeindruckt hat, war auf einem Hausball am Rosenmontag beim Köhler im Gasthof zur Sonne. Ein Gast, der in Schongau zu Besuch ist, fragt, ob er mit seiner Trompete mal mitspielen dürfte. Erst fragende Blicke, dann der Hammer beim Lüften der Identität der Person. Der Musiker entpuppt sich als Fritz Weichbrodt, Solotrompeter von Max Greger. „Zwei Stücke hat er mit uns gemeinsam gespielt, wir waren wie auf Wolke 7“, schwärmt Jürgen Heek.

Berufliche Gründe der Jungs beendeten ihre musikalische Laufbahn. Nur Ossi blieb bei der Stange. Er war 1964 ab der ersten Stunde mit dabei, als Michael Schaur die Trachtenkapelle Schongau gründete. Aus dieser Formation entstand auf Wunsch des damaligen Bürgermeister Otto Ranz die Stadtkapelle Schongau.

Hans-Helmut Herold

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