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Erinnerungen an alte Zeiten: Alois Mühlegger, Manager der „Tambourines“, unter anderem mit der Original Höfner-Bassgitarre von Hubert Meichelböck.

Band-Serie

Der legendäre „Lords“-Boykott

Die musikalische Revolution der 60er Jahre ließ die Jugend im Schongauer Raum nicht kalt. Die Beatles-Mania verbreitet sich wie Fleckfieber. Bands werden gegründet, man will in die Fußstapfen berühmter Vorbilder treten. Eine dieser Bands waren die „Tambourines“.

Peiting/Schongau – Bill Haley, Buddy Holly oder Little Richard – die berühmten Namen aus den 50er Jahren waren ebenso wie Röhrenhosen, Petticoat, Frisuren mit Pomade oder Haarspray gestylt plötzlich out, als vier Junge Männer mit Pilzköpfen auftauchten. Schlaghosen sind jetzt in. Seitlich als optischer Hingucker Metallkettchen in allen Variationen. Um den Hemdkragen wurde die dünne Lederkrawatte getragen. Ganz klar, dass die begeisterte Jugend auf diesen Zug mit aufspringen will.

Wolfgang Meichelböck mit Gitarrist Klaus Riehle.

Also werden auf der Gitarre Griffe geübt, wird die Ziehharmonika gegen ein Keyboard getauscht, das Schlagzeug um neue Teile erweitert. Vor allem muss im Keller ein Raum her, in dem man sich austoben kann. In so einem Keller formierte sich eine der ersten Beatbands im Schongauer Raum. Zwei Peitinger Brüder, zwei Schongauer Freunde und ein Apfeldorfer fanden schließlich nach einigen Personalwechseln zu einer festen Formation zusammen. Wolfgang Meichelböck übernimmt die Rolle des Sängers, gerade mal 15 Lenze jung. Dazu seine Gitarre, lässig mit dem gestickten Riemen um die Schulter befestigt. Wolfgangs älterer Bruder Hubert entscheidet sich für die Bassgitarre. Er hatte von Anfang an den legendären „Höfner-Bass“ des Beatles- Bassisten Paul McCartney im Visier. Der musste es sein.

Rudi Tomaschek hatte alle Ersparnisse investiert.

Hinter dem Schlagzeug wirbelt Rudi Tomascheck, die Sologitarre bearbeitet Fritz Fichtner. Fritz hat jede Menge Erfahrung mit Tanzmusik, fast schon ein alter Hase. Aber jetzt wird Beat gespielt. Den unterstreicht auf der Rhythmusgitarre Rupert Baab. Und wie kam der zu den Noten für die neuesten Stücke? Noten? Fehlanzeige. „Wir haben die Stücke auf Tonband aufgenommen und dann die Griffe selbst zusammengestellt“, erklärt es heute Wolfgang. Für Noten war kein Geld da, das wurde in die Instrumente gesteckt. Finanziert durch Ferienarbeit oder eisernes Sparen.

Schließlich wird es ernst. Hits der großen Vorbilder müssen einstudiert werden. Schließlich will man den Gästen die große Show bieten. „Gloria“ von Van Morrison ist das erste Stück, an das sich die Jungs wagen. Super geeignet, um das Publikum mitzureißen. „Glo-o-riaaa“, „Glo-o-riaaa“, da kann man alles geben. „You Really Got Me“ von The Kinks ist noch eine Nummer zu groß, aber „Louie Louie“ ist machbar. Der Keller bebt. Die Gruppe kann jetzt schon zwei Stücke. Aber hat noch keinen Namen. Einen, den es in der Szene noch nicht gibt.

Weltenbummler Rupert Baab an der Gitarre.

Hier kommt Manager Alois Mühlegger ins Spiel. Jede Gruppe, die was auf sich hält, hat einen Manager. Sein Vorschlag: „The Tambourines“. Und Mühlegger drängt. Er will mit den Tambourines unbedingt auf einem Beatfestival im Peißenberger Gasthof Zur Sonne teilnehmen. Aber mit nur zwei Stücken? Chancenlos. Ein drittes Stück muss her. „Barbara Ann“ von den „Beach Boys“ wird ausgewählt und einstudiert. „Klang am Anfang schon sehr schräg“, erinnert sich Mühlegger, meldet aber die Gruppe trotzdem zum Wettbewerb an. Gutes Näschen, „The Tambourines“ klettern auf Anhieb auf Platz 3.

Nach diesem Sensationserfolg wird es dem Tanzmusiker Fritz Fichtner zu heiß, zu „beatig“, er steigt aus. Klaus Riehle übernimmt ab sofort den Part der Sologitarre. Jetzt wird sich auch an „My Generation“ von „The Who“, „You Really Got Me“ von „The Kinks“ und „Good Vibrations“ von „The Beach Boys“ herangewagt. Regelmäßige Beatpartys im guten alten Neuwirt in Altenstadt werden organisiert. Man holt „The Crazies“ aus Hohenfurch mit ins Boot. Die „Friebel-Kirstein Band Connection“ hatte ebenfalls schon eine große Fangemeinde, die immer mit dabei ist. Der Saal im Neuwirt platzt förmlich aus allen Nähten, der Beat mit seinen Rhythmen wirkt wie ein Rattenfänger.

Jetzt kommt der Hammer. Riesengroß angekündigt in den Schongauer Nachrichten vom 9. Mai 1967. Die Nummer 1 von Deutschland, „The Lords“, kommen nach Schongau und spielen im Saal der Blauen Traube. Bekannt geworden durch den Hit „Poor Boy“ und Auftritte im Hamburger „Star Club“, reisen sie nach Schongau – und „The Tambourines“ sollen als Vorband auftreten, neben „Los Catastrophos“, „The Gents“ und „The Mods“.

„Das war der absolute Hit für unsere Band“, beschreibt es Alois Mühlegger. Als Mitarbeiter einer Münchner Druckerei entwirft und druckt er die Plakate zu Veranstaltung. „The Tambourines“ und „The Lords“ auf einer plakativen Wellenlänge. Die Beat-Freunde sind mobilisiert.

Hubert Meichelböck spielte Bass.

Freitag 12. Mai. 20 Uhr, die Fans drängen sich in den Saal. 5,50 DM kostet der Eintritt – dazu Sektzwang. Dafür will man den Idolen ganz nah auf die Pelle rücken. Als der Schongauer Gitarrist Gerhard Peter höflich fragt, ob die heimischen Gruppen auch auf der Musikanlage der „Lords“ spielen dürfen, bekommt er eine knallharte Absage: „Du kannst ja uff’m Kamm blasen oder sonst wat machen, aba Anlage is nich, Kleener“, ist die Antwort des arroganten Sologitarristen der „Lords“.

Die Schongauer Gruppen boykottieren daraufhin die Veranstaltung, wollen abziehen. Die „Lords“ erkennen ihren Fehler. Alleine hätten sie nie den ganzen Abend gestalten können. Zoff im Saal. Das Blatt wendet sich. Jetzt bitten und betteln die „Lords“, dass die Schongauer Gruppen spielen sollen. Sie bieten sogar Geld an. Ohne Erfolg. Die Lokalmatadoren ziehen gnadenlos ab.

Show-Beginn unmittelbar nach einer Schlägerei

Um 21.20 beginnen „The Lords“ mit der Show, nach einer Prügelei. Strafanzeige für einen der Bandmitglieder. 40 Minuten versuchten sie noch zu retten, was zu retten ist. Der Beifall kläglich, wie geprügelte Hunde verlassen die Stars Schongau. Die Schongauer Beat-Boys jedoch kennt jetzt jeder. Ein Trostpflaster bekommt etwas später Manager Alois Mühlegger. Er wird von einem „Lord“ in München ins legendäre „Big Apple“ eingeladen. Dort trift er auf Gitarrengott Jimmy Hendrix, der ihm sogar ein Autogramm gibt.

Gute drei Jahre spielten die Tambourines noch miteinander, dann trennten sich ihre Wege. „Wir waren mit der Schule fertig, das Studium ließ keinen Freiraum mehr für Beat-Abenteuer“, erzählt Wolfgang. Nur einer von den Jungs hat in Sachen Musik weitergemacht. Als Lehrer, Direktor und Schulkoordinator in Kairo, Abu Dhabi, Erbil und Doha hatte Rupert Baab all die Jahre sein Equipment mit dabei. Dazu gehörte die „Ibanez-Bass-Gitarre“ genauso dazu wie die „Fender-Stratocaster“. Vom „Marshall-Verstärker“ im Umzugsgepäck ganz zu schweigen.

Hans-Helmut Herold

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