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Ein Komet über Nürnberg im Jahr 1580 als Zeichen für Seuchen und Unheil: Unmittelbar danach kamen der Klimawandel zum Kälteren und die massenhafte Hexenverfolgung.

Pandemien und Seuchen

Blick in die Geschichte: Als Spezialraketen angeblich Cholera verbreiteten

Die Corona-Pandemie bewirkt bei uns radikale Einschnitte, die man vorher für nicht möglich gehalten hatte, in allen Lebensbereichen. Dabei gab es schon früher Seuchen. Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer hat zusammengetragen, was die Menschen auch im Schongauer Land früher alles erlebt haben.

Schongau – Durch diePandemie wird deutlich, dass wir Menschen einmal mehr Verhaltensweisen an den Tag legen, wie sie durch die Jahrhunderte vorgekommen sind. Jean Delumeau, ein französischer Historiker, der einst am berühmten Collège de France die Geschichtsprofessur hatte, hat entscheidende Erkenntnisse aus Pestzeiten zusammengetragen. Der vorliegende Beitrag stützt sich deshalb auf viele seiner Angaben (J. Delumeau, Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. – 18. Jahrhunderts, Rowohlt 1985).

Nehmen wir das 14. Jahrhundert. Die Pest überfiel zum ersten Mal ganz Europa mit verblüffender Schnelligkeit und wollte nicht mehr verschwinden. Dazu kam ein Erdbeben, auch bei uns, über zehn Burgen stürzten in Oberbayern ein. Ein aufkommender Klimawandel hin zum Kälteren verursachte verheerende Missernten, dazu kamen Aufstände in den Städten, Bürgerkriege und zwischenstaatliche Kriege brachen aus. Von Osten zeichnete sich die Bedrohung durch die türkischen Aggressionen immer deutlicher ab.

Und es gab verhängnisvollen Streit zwischen den französisch beherrschten Päpsten und dem deutschen König Kaiser Ludwig d. Bayern. Zeitweise bannten zwei Päpste, einer in Avignon, der andere in Rom, jeweils die Anhänger der Gegenpartei. In Bayern, somit auch in Schongau, wurde vom Papst jede öffentliche kirchliche Handlung, jede Messe, jede Trauung, insgesamt alle Sakramentenspendung und auch die kirchliche Beerdigung untersagt. Zum großen Peststerben und der Hungersnot kam bei Bürgern und Bauern in einer trostlosen Zeit voller Zukunftsangst noch die Seelennot. Am Himmel erschienen unerklärliche Sternzeichen.

Pest fordert unglaublich viele Todesopfer

Pest, Pocken, Lungenpest und Ruhr sind ab dem 6. Jahrhundert als periodisch immer wiederkehrend auftretende Epidemien und Pandemien überliefert, am verheerendsten im 14. und 17. Jahrhundert. Dazu kam im 19. Jahrhundert die Cholera. Gerade im 17. Jahrhundert, parallel zum Dreißigjährigen Krieg mit seinen unkontrollierbaren Bevölkerungsbewegungen, forderte die Pest bei uns unglaublich viele Todesopfer. Viele Dörfer, z.B. Wildsteig, Böbing und Denklingen, wurden fast völlig entvölkert. In Schongau war der Seuchen-Höhepunkt mitten im Dreißigjährigen Krieg im Jahr 1628.

Ein paar Jahre später wird der Schongauer Bürgermeister Johann Maier in einem Gedicht schreiben:

Dem Sterbet folgt in gleichem Behendt

Groß Hungersnoth und groß Elend;

Denn allein der Tod in dieser Stadt

Des Tags 30 Personen g’nommen hat.

Und das geschah im 1628ten Jahr,

Siebenhundert gestorben sein, das ist wahr.

Bei damals 1600 Schongauern sind das über 40 Prozent aller Einwohner. Hätten wir heute gleiche Verhältnisse, würden 6000 Menschen allein in Schongau an Corona sterben – eine Horrorvorstellung.

Interessante Aufschlüsse gibt hier ein Vergleich mit Italien. Die Historiker stellen fest, dass im 17. Jahrhundert etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas der Pest zum Opfer gefallen ist, wobei interessanterweise damals die weitaus meisten Menschen (nicht anders als in der Corona-Katastrophe heute) in Italien, Frankreich und England starben. Und auf der italienischen Halbinsel wütete die Seuche am grausamsten in Norditalien, ähnlich wie heute bei Covid 19.

Es gab in diesen früheren Jahrhunderten durchgehend drei verschiedene Meinungen über die Ursachen der Pest: die Meinung der Wissenschaftler, des Volks und der Kirche. Die Gelehrten gingen davon aus, dass gewisse augenfällige Himmelserscheinungen, z.B. Kometen oder Planetenkonstellationen, die Pest über die dadurch verseuchte Luft hervorrufen. Noch 1721 gibt der Leibarzt des preußischen Königs „ungesunden Befleckungen, die von fauligen, aus der Erde aufsteigenden Dämpfen oder von dem unheilvollen Einfluss der Sterne verursacht werden“, die Schuld. Die medizinische Wissenschaft an den Universitäten lehnte es demnach vehement ab, an eine Übertragung durch Ansteckung zu glauben.

Fremde als Schuldige für die Seuche im Visier

Die Populisten beschuldigten gewisse Seuchenträger, die Krankheit absichtlich zu verbreiten. Immer waren zunächst alle Fremden von außerhalb, Reisende wie Zuwanderer, im Visier, dazu Randgruppen oder Einheimische, die anders aussahen. Die Hauptschuld an der Krankheit wurde dabei den Juden nachgesagt, und so sind die Seuchen in Europa stets in Verbindung mit grausamsten antisemitischen Ausschreitungen gewesen.

Dann traf es immer auch die „Fremden“: 1599 waren die Einwohner Nordspaniens überzeugt davon, dass die ausgebrochene Pest von den Flamen gebracht wurde, die mit Schiffen von den Niederlanden angereist waren. In Lothringen hieß die Pest 1627 die „Ungarische Krankheit“, 1636 die „Schwedische Krankheit“, in Toulouse hieß sie 1630 „Mailänder Pest“. Auf Zypern brachten die Christen die beschuldigten maurischen Sklaven als Pestverursacher um, in Russland verfolgte man die Tataren.

Die schlimmste Form dieser Verdächtigungen entstand, als man die Schuldigen vornehmlich in den eigenen Reihen zu suchen begann: Jeder kann’s gewesen sein und verdächtigt werden, und dafür war keine Unterstellung zu absurd: Der Vorwurf lautete, öffentliche Gebäude und Wohnhäuser mit einer Giftsalbe aus Kröten- und Schlangenextrakten, vermischt mit Eiter und Speichel der Pestkranken, bestrichen zu haben. Das Rezept zur Pestsalbe soll im Verlauf eines Satanspaktes vom Teufel gegeben worden sein. Damit ist die Brücke zu den Hexenverfolgungen geschlagen, die ebenfalls in diesem Zusammenhang gesehen werden müssen.

Um 1630 wurde dieses Bild vom Tod für die Wallfahrtskirche Tuntenhausen gemalt. Darüber steht: Fleuch, wo du wilt, des Todtes Bildt stätz auf dich zilt. Ein Trick des Künstlers bewirkt tatsächlich, dass, gleich wo man steht, die Armbrust stets auf einen zielt: ein erschütterndes Bild für die unausweichliche und ständige Lebensbedrohung durch die Seuche.

Den ebenso hilflosen wie verzweifelten Menschen schien jedes Abwehrmittel recht. Das war die Stunde der Scharlatane, der Verkäufer von Amuletten, Talismanen und allen möglichen Medizinen und Wunderheilwässern. Weil aber auch die Ärzte und Wunderheiler in Scharen durch die Krankheit hinweggerafft wurden und die Möglichkeit einer Ansteckung von der Medizinwissenschaft geleugnet wurde, blieb eigentlich nur mehr die Religion als jedem zugängliche Heilmöglichkeit.

Und die Kirche reagierte prompt. Als dritte öffentliche Meinung wurde von ihr gepredigt, dass Gott über die sündige Menschheit erzürnt sei und die Pest deshalb als Strafe aufzufassen sei. Diese Verbindung zwischen irdischem Unglück und göttlichem Zorn gibt es in vielen Religionen. Bei der katholischen Kirche war im Hintergrund eine Vision des heiligen Dominikus im 13. Jahrhundert, der Christus im Himmel gesehen hat, wie er drei Lanzen gegen die Menschheit schwingt, und zwar wegen der Sünden des Hochmuts, der Habgier und der Wollust.

Auch in Schongau gibt es davon eine Darstellung in der Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt. Oben der strafende Christus, unten die Stadt in ihren Mauern, dazwischen aber die Stadtpatronin, die Mutter Gottes, die ihren Sohn abhält, die drei todbringenden Lanzen zu schleudern, die da Krieg, Hunger und Pest bringen sollen, und die so als Patronin „ihre“ Stadt vor der Strafe bewahrt.

Es gab früher keine Epidemie, bei der man nicht auch an irgendeine Verschwörung als Ursache geglaubt hätte. Meist wurden aufgrund von Denunzierungen schlecht integrierte oder sonstwie auffällige Mitbewohner beschuldigt, die Krankheit zu verbreiten. Noch im Jahr 1884 sprach man im Departement Var in der Französischen Republik während der Choleraepidemie von „Choleraträgern“ und von „einer von den Reichen zur Beseitigung der Armen erfundenen Krankheit“ sowie von Spezialraketen, die von geheimnisvollen, schwarz gekleideten Personen abgeschossen wurden. In Mailand war die Rede von einem herumgehenden Teufel mit glänzenden Augen, der in die Häuser eindringe und die Pest verbreite.

Wie die Pestchroniken überliefern, haben die Obrigkeiten am Anfang nur zögerlich Maßnahmen ergriffen. Trotz dringender Bitten der Amtsleute vor Ort wurde es abgelehnt, Schulen zu schließen und Gottesdienste aufzugeben. Es gab zu Beginn der Epidemien obrigkeitliche Verbote von Trauerfeiern, um keine Panik auszulösen. Man wollte keinesfalls Handelsbeziehungen mit dem Umland abbrechen. Wenn Ärzte nicht die verlangten beruhigenden Diagnosen ausstellten, wurden sie durch willfährige Kollegen ersetzt.

Wer konnte, flüchtete aus der Stadt

Ist aber endlich doch die Krankheit beim Namen genannt, bricht Panik aus. Wie wir es auch, wenn auch vergleichbar harmlos, erfahren mussten, löst sich der Alltag und die gewohnte Umwelt auf. Häuser standen leer, wer konnte, flüchtete aus der Stadt. Aus Vorsicht werden Haustiere in großer Anzahl getötet, 1665 werden in London 40 000 Hunde und etwa 200 000 Katzen umgebracht. Handel und Handwerk brechen zusammen, Geschäfte schließen, Kirchen werden versperrt, überall Tote, die so schnell nicht beerdigt werden können.

Alle Gebote der Nächstenliebe werden im Grauen vergessen, die Überlebenden kapseln sich ab oder werden, falls man sie der Pest verdächtigt, in ihren Häusern bei vernagelten Türen und Fenstern eingesperrt und bewacht. Noch von der Choleraepidemie 1832 wird aus Marseille berichtet: Nach und nach wurden alle öffentlichen Orte geschlossen, Cafés und Clubs waren ausgestorben. In den Häusern rührte man sich nur, um die Leichen der Choleraopfer auf die Straße zu werfen.

Gilt einer als krank, fliehen alle vor ihm. Verwandte halten sich fern, Ärzte berühren ihn nur mit einem Stab, Pfleger stellen Nahrung und Medikamente in einiger Entfernung ab. Man vermeidet es in seiner Nähe, zu schlucken oder durch den Mund zu atmen.

Der Zusammenbruch aller Strukturen und vertrauten Gewohnheiten, die radikale Veränderung der Beziehungen, die tief sitzende Angst und das Gefühl der Ohnmacht bringen die Menschen in Versuchung zu albernen, üblen und verruchten Handlungsweisen. Dazu gehörten Leichenfledderer, die leer stehende Häuser plünderten und Tote ausraubten. Wieder andere stürzten sich wie besessen in Ausschweifungen. In jedem Seuchenjahrhundert ist die Rede von einer „allgemeinen Liederlichkeit unter dem Volke, schrankenlosen Zügellosigkeit und erschreckendem Verfall der Sitten“.

Jesus wird von seiner Mutter daran gehindert, die Lanzen mit Krieg, Hunger und Pest auf die Stadt Schongau zu schleudern. Detail aus einem Ölgemälde vor 1648 von David Hummel in der Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt.

Das ging so weit, dass 1722 in Avignon Krankenschwestern wegen Lasterhaftigkeit entlassen werden mussten: Sie hatten mit Pestleichen Bockspringen gespielt. Aus London berichtet Daniel Defoe grauenhafte Szenen: Ein „gemeingefährlicher, verrückter“ Pestkranker stürzt sich auf eine schwangere Frau, um sie zu küssen und ihr die Pest anzuhängen.

Auch in den Epidemien früherer Zeiten gab es stets ein plötzliches, vermeintliches Abklingen, dann ein Wiederaufflammen der Seuche. Die Menschen waren nach Wochen und Monaten entnervt, gerieten in einen merkwürdigen Betäubungszustand, vernachlässigten jegliche Vorsicht, wurden gleichgültig, auch sich selbst gegenüber. Das scheint eine Art Verhaltensgesetz zu sein. Und als dann tatsächlich keine neuen Erkrankungen mehr auftraten, spürten alle eine unglaubliche Erleichterung. Es wurden in den Städten Pest- und Mariensäulen aufgerichtet, die Einwohner tätigten Gelöbnisse zu Wallfahrten oder Passionsspielen, die Schäffler in München tanzten öffentlich, auf Flugblättern wurde das Ende der Seuche verbreitet.

Zwei besondere Ereignisse begleiteten immer wieder diesen Vorgang. Zum einen wurden allenthalben Gottesdienste abgehalten. Und es brach nach Epidemien immer eine regelrechte Heiratswut aus. Aus Marseille wurde vom Ende der Pestepidemie 1720 berichtet: „Die Heiratswut war so groß, dass, wer nicht krank gewesen war, durchaus und ohne Schwierigkeiten jemanden heiratete, dessen Beule kaum abgeheilt war; es heirateten sogar Pestkranke untereinander.“

Der urplötzliche Überfall der Viren, die Suche nach Ursachen und Schuldigen, die widersprüchlichen Aussagen der Gelehrten, die Bewertung als Strafe Gottes, die läppischen Verschwörungstheorien, der Zusammenbruch der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens, so wie sie durch die Jahrhunderte erkennbar wurden – haben wir uns diesmal davon befreien können? Vieles ist sicher besser als früher, vor allem in der Medizin. Aber der Blick in die Geschichte zeigt leider auch vieles auf, das gleich geblieben ist.

VON HELMUT SCHMIDBAUER

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