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Damit sich Menschen, die schlecht sehen, Schongau besser vorstellen können

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Von: Elke Robert

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Mit vereinten Kräften wurde das neue Tastmodell aus Zinnbronze auf den Sockel bei der Stadtpfarrkirche gesetzt. Modellbauer Felix Brörken (rechts) und stellv. Stadtbaumeister Robert Thomas packten mit an.
Mit vereinten Kräften wurde das neue Tastmodell aus Zinnbronze auf den Sockel bei der Stadtpfarrkirche gesetzt. Modellbauer Felix Brörken (rechts) und stellv. Stadtbaumeister Robert Thomas packten mit an. © Hans-Helmut Herold

Zehn Monate Arbeit stecken in dem Tastmodell der Schongauer Altstadt, das nun aufgestellt wurde. Maßstabsgetreu hat Felix Brörken Häuser und Straßenzüge ausgearbeitet. In Zinnbronze gegossen und beschriftet, sollen sich Menschen, die schlecht sehen, die Stadt besser vorstellen können.

Schongau – „Es ist ein Unikat, Schongau ist einfach einzigartig.“ Sichtlich angetan war Bürgermeister Falk Sluyterman über das Tastmodell der Schongauer Altstadt. Umringt von vielen Neugierigen, wurde es am Donnerstag zwischen Stadtpfarrkirche und Hotel „Alte Post“ auf einen Sockel gesetzt. Bereits seit vielen Jahren im Gespräch, konnte es die Stadt Schongau nun im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms „Innenstädte beleben“ umsetzen – als weiteren Magnet für die Altstadt, wie Sluyterman betonte. „Wir haben versucht, einen vernünftigen Maßstab zu finden“, erklärte stellvertretender Stadtbaumeister Robert Thomas beim Pressetermin. Die Stadt wurde originalgetreu auf 1:375 verkleinert, ein Meter auf dem Modell sind 375 Meter in der Realität, ein Zentimeter sind in Wirklichkeit 3,7 Meter. Kostenpunkt alles in allem rund 35 000 Euro.

Künstler kommt aus Nordrhein-Westfalen

Aus Soest in Nordrhein-Westfalen kommt der Künstler, der den Auftrag für das Schongauer Tastmodell erhalten hat. Felix Brörken und sein Vater Egbert haben schon mehr als 200 Modelle gebaut, und doch sind es alles Einzelstücke, zwischen Auftrag und Aufstellen liegt knapp ein Jahr. „Mein Vater hat vor über 30 Jahren die Idee gehabt“, erzählt Felix Brörken. Im Rahmen seines Lehrauftrags an der Kunsthochschule Dortmund entwickelte dieser zunächst mit Studenten verschiedene Projekte für Sehbehinderte. „Bei einem Stadtspaziergang mit Teilnehmern der Blindenschule in Soest dachte er sich, es muss doch mehr geben, damit man sich vorstellen kann, wie groß die Kirche ist“, berichtet der Sohn.

Aus Styrodur schnitzt Felix Brörken die Gebäude und Straßenzüge heraus, bevor das Modell gegossen wird.
Aus Styrodur schnitzt Felix Brörken die Gebäude und Straßenzüge heraus, bevor das Modell gegossen wird. © privat

Das erste Bronzemodell einer Stadt entstand für Münster – nur mit Blindenschrift versehen. Schon die nächsten Modelle sind sowohl in Braille als auch mit Beschriftung in lateinischen Buchstaben entstanden – auch das Schongauer Modell ist auf diese Weise erfassbar – jeder kann so die Straßennamen lesen.

Der Erfolg gab Egbert schnell recht: Schon binnen kürzester Zeit entwickelte sich das Nebenprojekt zu einer Vollzeitbeschäftigung, Felix war bereits als Schüler mit eingebunden in den Ferien, baute während seines Studiums in Geschichte und Archäologie schon eigene Modelle. Der heute 34-Jährige steht nun seit acht Jahren in Vollzeit mit dem Vater (72) in der gemeinsamen Werkstatt.

Materialsammlung ist sehr aufwendig

Auch für das Schongauer Modell war er zunächst einmal viel unterwegs. Allein die Materialsammlung ist jeweils aufwendig: Sobald feststeht, bis zu welcher Stelle das Modell gebaut wird, werden mit dem Fotoapparat Bilder von allen einzelnen Häusern gemacht. Luftbilder und Höhenlinienpläne ergänzen diese Sammlung. Als Grundlage der Modelle dient dann der auf einer festen Schaumstoffplatte aufgebrachte Katasterplan einer Stadt. Obenauf wird mit einer zweiten losen Styrodurplatte gearbeitet, aus der Felix Brörken die einzelnen Häuser und Gebäude herausarbeitet, regelrecht schnitzt und sägt, und dann Haus für Haus alles aufklebt.

Sobald die Modellbauer hiermit fertig sind, geht das Styrodur-Modell in die Gießerei, die es mit Silikon überzieht. Sobald das getrocknet ist, kann diese Schicht abgezogen werden. Diese Negativform wiederum wird mit Wachs eingepinselt, so entsteht ein Wachspositiv, auf dem Vater und Sohn Brörken noch einmal ins Detail gehen können. Dieses Wachs-Positiv wird in Schamott eingegossen und anschließend das Wachs über Tage hinweg vorsichtig ausgeschmolzen. In den entstandenen Hohlraum wird dann Bronze gegossen. Sobald diese ausgekühlt ist, kann der Schamottblock drumherum weggeschlagen werden. Das rohe Bronzemodell wird dann noch einmal nachbearbeitet, damit das Tastmodell auch wirklich keine scharfen Kanten hat.

Ob in der Landes- oder in der Bundeshauptstadt, auch in europäischen Nachbarländern stehen bereits ähnliche Modelle. Das Schongauer ist mit seinen etwa 1,70 mal 1,10 Metern aber sogar größer als das Münchener, wobei dort nur ein Ausschnitt gezeigt wird. Das 130 Kilo schwere Schongauer Modell hingegen umfasst die gesamte historische Altstadt inklusive Stadtmauer. „Es ist vielseitig einsetzbar, bei Stadtführungen wie im Schulunterricht“, ist Kornelia Funke, Referentin für Kultur und Tourismus, überzeugt.

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