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Claus Vatter, der Schongauer Strumpf-König, genoss sein Leben – hier im Dezember 2008 in Kitzbühel mit Freundin Jill, die er später heiratete.

Claus Vatter gestorben

Schongaus Strumpf-König ist tot

Strumpf-König – so wurde Claus Vatter aus Schongau einst bezeichnet. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jürgen hatte er 1982 die Strumpffabrik Bellinda in Schongau von seinem Vater Fred übernommen und zu einem großen europäischen Unternehmen in der Strumpfindustrie ausgebaut. Jetzt ist Claus Vatter im Alter von 74 Jahren in den USA nach langer schwerer Krankheit gestorben.

Schongau – Der Aufstieg des Traditionsunternehmens Bellinda ist untrennbar mit dem Namen Vatter verbunden. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jürgen hatte Claus Vatter 1982 in der vierten Generation das Unternehmen von seinem Vater Fred übernommen. Bei ihrem Einstieg in die Firma war Bellinda die Nummer fünf unter den Feinstrumpfhosen-Herstellern in Deutschland, mit bis zu 1600 Mitarbeitern in besten Zeiten.

Ein Vierteljahrhundert später konnte Claus Vatter beim 125-jährigen Firmenjubiläum von Bellinda im Jahr 2007 in Schongau stolz verkünden: „Der Laden brummt. Wir sind unangefochten die Nummer eins.“ Bellinda nahm damals eine „dominante Rolle“ in der europäischen Strumpfindustrie ein. „In seinem Vater Fred hatte Claus Vatter immer ein großes Vorbild“, bestätigt Gottfried Göthel, langjähriger Technischer Geschäftsführer bei Bellinda.

Claus Vatter hatte wie sein Vater immer das große Ziel, das Unternehmen zukunftsfähig zu machen. 1988 kaufte er die Firma Schulte & Dieckhoff (Marke „Nur die“) aus Rheine in Nordrhein-Westfalen auf. Nur ein Jahr später ergab sich die nächste Gelegenheit, das Vatter-Imperium zu vergrößern. Die Elbeo-Gruppe stand zum Verkauf. Deren Übernahme machte die Vatter GmbH endgültig zum Marktführer in Deutschland.

Der US-amerikanische Sara Lee-Konzern hatte schon lange ein Auge auf die Vatter-Gruppe geworfen und besaß bereits seit 1989 eine Minderheitsbeteiligung. Nachdem die Schongauer im Geschäftsjahr 1990/91 mit 534 Millionen Mark das beste Ergebnis ihrer Geschichte erzielt hatten, übernahmen die Amerikaner die Mehrheit. Von der Sara Lee-Beteiligung profitierte Vatter in vielerlei Hinsicht.

Von Anfang an war es das Ziel von Claus Vatter, für jede Mode und zu jedem Anlass die passenden Strümpfe im Sortiment zu haben. Mit dem Erwerb der Edelmarke „Bi“ ging dieser Wunsch vollends in Erfüllung. Zwischen 1982 und 1999 konnten die Umsatzzahlen mehr als versechsfacht werden.

Zur Feier der Jahrtausendwende machte sich Claus Vatter ein ganz besonderes Geschenk: Er kaufte die Produktionsstätten von Sara Lee zurück. Die Werke in Schongau, Altenstadt und Rheine befanden sich somit wieder in Familienbesitz. Mit Ergee nahm die Vatter-Gruppe ein weiteres Unternehmen in ihre Reihen auf.

Ein Blick in die Schongauer Bellinda-Strumpffabrik aus dem Jahr 2007.

In den folgenden Jahren war Claus Vatter ein gefragter Mann und Stammgast in Promikreisen in München und Kitzbühel – ein Leben, an dem der Strumpf-König sichtlich Gefallen fand. Ob beim „Almauftrieb“ im Käferzelt in München oder beim traditionellen Schnee-Polo in Kitzbühel, wo er als begeisterter Polo-Spieler nicht fehlen durfte, überall war Vatter gern gesehener Society-Gast. Bei solchen Veranstaltungen gab er auch gerne Auskunft über seine private Situation, etwa im Herbst 2003 über das Ehe-Aus mit seiner dritten Frau Alma oder einige Monate später die neue Liasion mit der Amerikanerin Jill, die seine vierte Frau werden sollte.

Claus Vatter, der eine Tochter aus erster Ehe hat, hat sein Leben genossen. Doch der Konkurrenzkampf in der Strumpfindustrie wurde zunehmend härter. Unternehmerische Fehleinschätzungen blieben nicht aus. Trotz voller Auftragsbücher musste im Jahr 2008 ein vorläufiges Insolvenzverfahren für die Strumpffabrik in Schongau eingeleitet werden. Als Grund wurden die Verluste bei „Ergee“ angegeben.

Acht Monate später wurden neue Strumpf-Strukturen geknüpft: Der Gläubiger-Ausschuss gab grünes Licht für die Übernahme durch „Nur die“. Von seinem Unternehmen war Claus Vatter nur der Bereich Werksverkauf in Schongau, Altenstadt und Lauingen geblieben. Später ging die Schongauer Strumpffabrik in Belfein über, und die wurde wiederum im November 2016 vom amerikanischen Textilriesen Hanes aufgekauft.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Claus Vatter seine Zelte in Deutschland bereits abgebrochen und sich nach Miami in Florida zurückgezogen. Dort hatte er eine zweite Heimat gefunden, dort lebte er mit seiner Frau Jill.

Gesundheitlich war Claus Vatter seit eineinhalb Jahren sehr angeschlagen. Von seiner schweren Krankheit hat er sich nicht mehr erholt, so dass der Tod schließlich eine Erlösung für ihn war, wie es hieß.

Von Michael Gretschmann

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