Immer unter Vollschutz, jeden Tag Tests, Pausen ohne Maske nur allein – die Arbeit auf der Intensivstation ist knüppelhart und nur im Team zu ertragen.
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Immer unter Vollschutz, jeden Tag Tests, Pausen ohne Maske nur allein – die Arbeit auf der Intensivstation ist knüppelhart und nur im Team zu ertragen.

Mitarbeiter berichten vom Klinikalltag

Auf Corona-Intensivstation: „Die Patienten erkennen uns nur an den Schuhen“ - Kranke haben eine Gemeinsamkeit

  • Sebastian Tauchnitz
    vonSebastian Tauchnitz
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Seit einem Jahr kämpfen die Intensivstations-Mitarbeiter der Krankenhaus Weilheim-Schongau GmbH um das Leben jedes Covid-Patienten. Über Stress und Angst - und einen neuen Zusammenhalt.

Landkreis – Besuchsverbot heißt Besuchsverbot. Will meinen: Wenn die Angehörigen keine Gelegenheit haben, ihre Lieben, die im Krankenhaus liegen, zu besuchen, dann wird auch für die Presse keine Ausnahme gemacht. Statt eines Besuchs mit Reporter und Fotograf auf der Intensivstation gibt es eine coronakonforme Videokonferenz. Der ärztliche Direktor des Krankenhauses in Schongau, Dr. Michael Platz, ist mittlerweile Profi in Sachen „Zoom“. Immer wieder zoomt er per Fernbedienung die Kamera genau auf denjenigen, der gerade redet. Man hat viel gelernt in einem Jahr Pandemie. Die Bedienung von Videokonferenz-Software ist dabei das geringste.

Alltag auf Corona-Intensivstation: Arbeit hat sich vollkommen verändert

„Wir haben deutlich gemerkt, wie gerade die jungen Kollegen über sich hinausgewachsen sind, wie wir alle uns permanent Wissen aneignen mussten“, sagt Rick Breunig, Pflegeleiter der Intensivstation in Schongau. Die Arbeit der Pflegekräfte und Ärzte hat sich vollkommen verändert seit Ausbruch der Pandemie. „Normalerweise lesen mir die Schwestern meine Wünsche von den Augen ab“, scherzt Dr. Hans Michel, Oberarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin in Schongau. „Aber was macht man, wenn sie meine Augen nicht sehen?“

Die Verlegung eines Covid-Patienten ist eine logistische Meisterleistung, bei der viel beachtet werden muss und viel Personal im Einsatz ist.

Wer die ITS, wie sie die Intensivstation nur knapp nennen, betritt, der trägt Vollschutz: Schutzkleidung, FFP2-Maske, Handschuhe, Schutzbrille. Immer. Den ganzen Tag lang. Deswegen musste man sich völlig neue Arbeitsabläufe und Kommunikationswege überlegen, genau planen. „Du kannst halt nicht so einfach rauslaufen und etwas holen, wenn Du es vergessen hast“, sagt Rick Breunig. Die Abläufe haben sich geändert, aber auch der Umgang mit den Patienten.

Covid-Patienten auf Intensiv unterscheiden die Pflegenden an den Schuhen

„Sie unterscheiden uns an den Schuhen“, berichtet Breunig. Weil kaum noch Gesichter unter all den Masken und Brillen zu erkennen sind. Bedenkt man, dass sich Covid-Patienten oftmals deutlich länger auf der Intensivstation aufhalten als beispielsweise Patienten mit einer Lungenentzündung – Chefarzt Michael Platz fasst es flapsig mit den Worten „wer mit Covid auf die ITS kommt, bucht ein Bett für mindestens vier Wochen“ zusammen – wird klar, dass Einsamkeit und Verzweiflung bei den Patienten oft groß sind. „Deswegen halten wir, wann immer es geht, die Hand der Patienten, um ihnen ein Gefühl der Nähe zu geben“, sagt Breunig. Eine Kleinigkeit, aber für die Betroffenen wichtig. Deswegen geben die Ärzte und Pfleger auch ihre Telefonnummern an die Angehörigen der Patienten, wie sie berichten. Man telefoniert regelmäßig, sei erreichbar, wenn Fragen bestehen, wenn die Menschen wissen wollen, wie es um die Patienten bestellt ist.

Die Arbeit ist stressig und anstrengend, aber es gibt genug Kollegen, um durchzuhalten

Im Schongauer Krankenhaus, das seit Monaten eine Covid-Schwerpunktklinik ist und deswegen besonders viele Corona-Patienten behandelt, legt man nach Angaben der Chefs aber nicht nur Wert auf einen achtsamen Umgang mit den Patienten und deren Angehörigen, sondern auch auf den achtsamen Umgang mit den Kollegen. „Zu Führungsqualitäten gehört auch Fürsorge für die Mitarbeiter“, sagt Pflegechef Breunig. Das Klima im Schongauer Krankenhaus sei schon immer familiär gewesen, „aber in den vergangenen Monaten sind wir noch weiter zusammengewachsen“.

Derzeit wird viel über die katastrophale Situation auf vielen Intensivstationen in Deutschland berichtet. Von vollkommen erschöpften Ärzten und Pflegern, die nicht wissen, wie lange sie das noch körperlich und seelisch durchhalten. Derartige Zustände gebe es im Covid-Krankenhaus in Schongau nicht, versichert Breunig. Sicher sei die Arbeit anstrengend und belastend, aber „unsere Personaldecke ist ausreichend dimensioniert, um sicherzustellen, dass wir die Situation auch in den kommenden Monaten im Griff haben“. Man sei keinesfalls „luxuriös“ mit Personal ausgestattet, fügte der Ärztliche Leiter Michael Platz an. Aber man habe genügend Mitarbeiter, um die Vorschriften einzuhalten und die Aufgaben zu erledigen.

Die Gesprächspartner: (v.l.) Rick Breunig sowie die Oberärzte Dr. Hans Michel und Dr. Florian Amor sowie der Ärztliche Direktor Dr. Michael Platz vor dem Krankenhaus.

„Nicht die Betten machen die Patienten gesund, sondern die Menschen, die sie behandeln und pflegen“, ergänzt der Oberarzt der Klinik für Innere Medizin, Florian Amor. Er berichtete, dass, „nachdem es vor 10 bis 14 Tagen wirklich knapp wurde“, mittlerweile wieder eine leichte Entspannung bei der Auslastung der Betten auf der Intensivstation gebe. Für eine Entwarnung sei es aber viel zu früh. „Wir haben es mittlerweile fast ausschließlich mit der britischen Virusvariante zu tun. Und die ist deutlich ansteckender als die Variante, die im vergangenen Jahr vorherrschte.“ Zudem könne man nicht direkt von der Inzidenz auf die Auslastung der Intensivbetten schließen.

Viele Patienten bemerken nicht einmal selbst, dass sie zu wenig Luft bekommen

„Die Inkubationszeit der britischen Mutante ist deutlich länger“, so Amor. War es früher häufig so, dass sich nach fünf bis zehn Tagen die Symptome zeigten, könne es jetzt zwei Wochen und länger dauern. Dann dauere es in der Regel noch einmal einige Tage, bis die Patienten bemerken, dass sie zunehmend Probleme haben. Sobald sie sich im Krankenhaus melden, wird der Sauerstoffgehalt im Blut getestet. Anhand dessen wird dann festgelegt, wie die weitere Behandlung aussieht. In der Regel kommen die Patienten zunächst auf die Isolierstation, wo die „High Flow Therapie“ angewendet wird. Bei dieser nicht-invasiven Therapie erhält der Patient erwärmte, befeuchtete und sauerstoffangereicherte Luft über eine Nasenbrille. Sollte dies nicht ausreichen, stehe die Beatmung über eine Maske an. Die letzte Variante ist dann die Verlegung auf die Intensivstation mit invasiver künstlicher Beatmung.

„Das Problem dabei ist, dass viele Covid-Patienten gar nicht bemerken, dass sie zu wenig Sauerstoff bekommen“, sagt Florian Amor. Das falle dann eher den Ärzten und Pflegekräften auf, wenn der Betroffene beim Reden oder Essen nach Luft schnappt.

Vor zwei Wochen wurde es eng, wie die Statistik zeigt. Derzeit ist auf der Intensivstation in Schongau eine leichte Entspannung festzustellen. 

Das Alter der Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen, hat sich geändert. Waren es bei der zweiten Welle im vergangenen Jahr vor allem die hochbetagten Erkrankten, die auf der ITS versorgt wurden, „sind es heute eher Männer über 65 mit Übergewicht“, so der Oberarzt der Inneren Medizin.

Auf der ITS liegen vor allem übergewichtige Männer über 65

Hier bemerke man deutlich den Fortschritt der Impfkampagne, die schützt. „Und wenn man wie wir täglich die Bilder der schwerkranken Covid-Patienten vor Augen hat, dann ist es schwer zu verstehen, dass man sich nicht impfen lässt, wenn man die Gelegenheit dazu hat“, sagt Florian Amor. Dennoch haben sich auch noch längst nicht alle Mitarbeiter der Intensiv- und Isolierstationen impfen lassen. Pflegechef Rick Breunig spricht nach Rücksprache mit dem Ärztlichen Direktor von einer Impfquote von rund 60 Prozent bei den Pflegekräften. „Das ist ausreichend, dennoch setzen wir weiter auf Aufklärung und Angebote“, so Breunig, der sonntags immer wieder ehrenamtlich bei Aufklärungs- und Impfangeboten für die Mitarbeiter mithilft. Die Zusammenarbeit mit dem Impfzentrum in Peißenberg sei hervorragend.

„Am Ende sind die Impfungen auch das einzige, was einen echten Ausweg aus der Pandemie-Lage bietet“, so Oberarzt Amor. Die Debatten über Lockdown oder Lockerungen seien schwierig, weil jeder immer einen Aspekt ausblenden würde. „Erst wenn wir eine kritische Masse der Bevölkerung geimpft haben, können auch wir hier wieder einmal durchatmen.“

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