Seit dem Corona-Virus ist jeder Gang nach draußen mit dem lebensrettenden Mundschutz für Andrea Dedler aus Schongau ein Spießrutenlauf. 
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Seit dem Corona-Virus ist jeder Gang nach draußen mit dem lebensrettenden Mundschutz für Andrea Dedler aus Schongau ein Spießrutenlauf. 

„Sie wissen schon, dass es die Pest nicht mehr gibt?“

Seit Corona: Schwer kranke Frauen werden wegen Mundschutz gemobbt - und absichtlich angehustet

  • Barbara Schlotterer-Fuchs
    vonBarbara Schlotterer-Fuchs
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Der Mundschutz gehört nach einer Organ-Transplantation zum Alltag einer Frau aus Schongau. Doch seit Corona ist alles anders: Wie manche Mitmenschen sie jetzt behandeln, macht fassungslos.

  • Eine junge Frau aus Schongau wird seit Ausbruch der Corona-Epidemie gemobbt, weil sie einen Mundschutz trägt.
  • Für sie ist der Mundschutz überlebenswichtig: Sie hatte eine Lungentransplantation.
  • In Weilheim erlebt eine krebskranke Frau Ähnliches. Auch sie trägt einen Mundschutz.

Schongau – Wer Andrea Dedler zu Hause in Schongau besucht, der wird nicht per Handschlag begrüßt. Die hübsche Frau lächelt freundlich und bittet dann zur Desinfektion ins Bad. Dort reihen sich, zu kleinen Rollen geformt, kleine Stoffhandtücher. Einmal benutzen, Wäschekorb. Alles andere ist zu gefährlich. Andrea Dedler hat vor eineinhalb Jahren den Kampf um ihr eigenes Leben gewonnen und nach schwerer Krankheit eine Spenderlunge bekommen.

Doch der Kampf geht weiter: Weil Immunsuppressiva ihr Immunsystem auf Null heruntergefahren haben, damit die Spenderlunge nicht abgestoßen wird, muss sie sich auch vor der kleinsten Infektion schützen. „Der Mundschutz und das Desinfizieren gehören zu meinem täglichen Leben.“

Gemobbt wegen Mundschutz: Corona ist für sie nichts anderes wie eine Grippe oder ein Schnupfen

Doch das ist schwerer geworden in Tagen, in denen das Corona-Virus die Welt in Atem hält. „Nein, ich habe keine Panik, Corona ist für mich nichts anderes wie eine Grippe oder ein Schnupfen. Das ist alles bedrohlich für mich. Aber wie die Leute jetzt mit mir umgehen: Das tut weh.“

Sie kann sich nicht in der Wohnung verbarrikadieren. Oder ihren zehnjährigen Sohn aus der Schule nehmen, weil das Virus irgendwann auch in Schongau ankommen könnte. Aber im Supermarkt, beim Arzt oder bei Veranstaltungen, bei denen mehrere Menschen zusammenkommen, ist der Mundschutz für Andrea Dedler überlebensnotwendig.

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Zwei Männer lachen Frau mit Mundschutz aus: „Sie wissen schon, dass es die Pest nicht mehr gibt?“

Als sie in dieser Woche bei einem Arztbesuch ins Krankenhaus geht, kommen ihr zwei Männer entgegen und lachen Andrea Dedler aus. „Sie wissen schon, dass es die Pest nicht mehr gibt?“, johlen die zwei. „Ich hab dann gesagt: Gott sei Dank gibt es Organspender.“

Doch nicht genug damit: Andrea Dedler steht in der Supermarkt-Metzgerei in der Schlange. Als die Frau vor ihr sich umdreht und sieht, dass die Kundin hinter ihr Mundschutz trägt, macht sie gleich einen entsetzten Sprung zur Seite.

Einkaufen in Zeiten von Corona: Spießrutenlauf bis zur Kasse

Weiter geht der Spießrutenlauf dann an der Kasse. „Dort hat mich ein Mann wirklich unverschämt angeglotzt.“ Andrea Dedler hält seinem frechen Blick stand, schaut ihm in die Augen. „Dann hat er seiner Begleitung auf die Schultern gehauen und mit dem Finger auf mich gezeigt.“ Dann der traurige Höhepunkt der Diffamierung, ebenfalls beim Einkaufen: „Eine Frau hat mich angegangen und gesagt, dass es ja kein Wunder ist, dass Corona sich so ausbreitet, wenn die Kranken auch noch zum Einkaufen gehen.“ Die Aufforderung der Frau: „Bleiben Sie doch daheim!“

Dass Andrea Dedler sich momentan am liebsten daheim verkriechen würde: Das hat nichts mit dem Virus zu tun, „sondern mit dem Verhalten der Leute“. Nicht, dass die gesundheitliche Situation der Schongauerin alleine belastend genug wäre – ohne Morphium kann sie wegen starker Schmerzen nicht mehr auskommen.

Lungentransplantierte mit Mundschutz: Gefühl, seit Corona am Rande der Gesellschaft zu stehen

Dass Gefühl, seit Corona am Rande der Gesellschaft zu stehen, hat die verzweifelte Schongauerin jetzt zu einem deutlichen Post im sozialen Netzwerk Facebook veranlasst. Zu sehen ist dort eine Frontalaufnahme von ihr mit Mundschutz. Im zugehörigen Text richtet sie sich an alle: „Liebe Mitmenschen! Ich bin lungentransplantiert. Ein Mundschutz ist mein täglicher Begleiter... Seit dem Ausbruch des Corona-Virus werde ich ständig angegafft, ausgelacht, es wird mit dem Finger auf mich gezeigt, getuschelt oder von mir weggesprungen. Man wird beschimpft, weil man... andere ganz bewusst anstecken will. Da frag ich mich, wer hier krank ist.“

Nach Mobbing wegen Mundschutz: viel Zuspruch bei Facebook

172 Mal wurde ihr Post geteilt, er hat 130 Likes und 70 unterstützende Kommentare. Bleibt zu hoffen, dass Andrea Dedler so Aufklärungsarbeit für diejenigen leisten kann, die ihr Leben mit einem Mundschutz schützen müssen. Inzwischen gibt es in den sozialen Netzwerken immer mehr Kranke mit MundschutzKrebspatienten, Transplantierte – die auf ihre Erkrankung hinweisen und darauf, dass ein Mundschutz längst kein Grund ist, in Zeiten des Corona-Virus an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden.

Wegen Mundschutz gemobbt: Ähnlicher Fall einer Krebskranken

Auch die Weilheimerin Susanne Sassenscheidt geht nur mit Mundschutz aus dem Haus – sie ist an Krebs erkrankt und befindet sich derzeit in der Chemotherapie. Doch was sie in den vergangenen Tagen erlebt hat, macht ihr so zu schaffen, dass sie sich an die Heimatzeitung gewandt hat. „Mein Immunsystem ist geschwächt, so dass ich einen Mundschutz zumindest gegen die Influenza tragen muss“, schreibt Sassenscheidt. Auch werde sie zusätzlich künstlich ernährt. „Seit der letzten Woche erlebe ich Unglaubliches: Die Leute laufen schreiend vor mir weg, brüllen mich an oder beschimpfen mich“, sagt sie erschüttert. Sie sei daher dazu übergegangen, ihren kahlen Kopf (Glatze) mit Mundschutz zu zeigen. „Das beruhigt die Situation, bei der Kälte muss ich aber auf der Straße eine Mütze tragen.“ 

Am Freitag jedoch habe sie eine „neue Qualität des Mobbings“ erfahren. Eine Gruppe von fünf etwa 15 Jahre alten Schülern sei ihr nahe des Bahnhofs entgegengekommen. „Die Jungen und Mädchen husteten mir mit voller Wucht ins Gesicht und gingen lachend weiter.“ In der Fußgängerzone sei ihr das noch zweimal mit kleineren Schülergruppen passiert, am Marienplatz hustete ihr dann ein einzelner Junge ins Gesicht. „Ich war darauf nicht vorbereitet und nicht in der Lage zu reagieren.“ Für Sassenscheidt komme eine Influenza bei der Schwere ihrer Erkrankung „einem Todesurteil gleich“. Das Anhusten von immunschwachen Personen sei kein Spaß, sondern könne „schwere gesundheitliche Schäden bis zum Tod haben“. 

Der erste Coronavirus-Patient (80) im Landkreis liegt auf der Intensivstation im Weilheimer Krankenhaus. Bei Bedarf können die Ärzte ihm nun ein völlig neues Medikament verabreichen.

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