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Asyl-Drama in Schongau: „Die Familie darf nicht abgeschoben werden“

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Von: Elke Robert

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Allen Asylhelfern im Raum Schongau ist die Familie ans Herz gewachsen, sie setzen sich dafür ein, dass sie bleiben darf (im Bild rechts Gabriele Sanktjohanser, links Sabine Haser). Und sie stehen auf gegen einen in ihren Augen menschenunwürdigen Abschiebeversuch.
Allen Asylhelfern im Raum Schongau ist die Familie ans Herz gewachsen, sie setzen sich dafür ein, dass sie bleiben darf (im Bild rechts Gabriele Sanktjohanser, links Sabine Haser). Und sie stehen auf gegen einen in ihren Augen menschenunwürdigen Abschiebeversuch. © Herold

Aus dem Ruder gelaufen ist im Raum Schongau offenbar der Versuch, eine Familie mit vier Kindern nach Nigeria abzuschieben. Asylhelfer aus Schongau und Peiting sind schockiert über das Vorgehen von Polizei und Behörden: „Das ist nicht mehr mein Land“, sagt Schongaus evangelischer Pfarrer Jost Herrmann. Der Vorfall soll nun untersucht werden.

Schongau – Was das Wort Abschiebung bedeutet, hat die nigerianische Familie, die seit Jahren im Raum Schongau wohnt, in der vergangenen Woche erlebt. Wie der Familienvater berichtet, brach am Montag gegen 22 Uhr ein Inferno über die Familie herein – „wie in einem amerikanischen Film“. Mehrere Polizeibeamte von der einen Seite, mehrere von der anderen – ohne Klingeln und Klopfen, die Wohnung von den Behörden geöffnet.

Was Joseph Aigbiremolen im Rückblick schildert, klingt unwirklich. Zwei Beamte fixieren die Füße, zwei sitzen auf dem Rücken, einer am Kopf. Er kann sich nicht mehr bewegen, ruft nach seiner Frau. Diese wird – so beschreibt er es – zeitgleich von drei Polizisten fixiert. „Sie trafen mich so hart, drückten mich auf die Couch, ich konnte nicht mehr atmen“, schildert Rosemary es einer Peitinger Asylhelferin. Die Eltern fühlen sich von einem Behördenmitarbeiter, den sie kennen, verbal erniedrigt, verhöhnt: „Sie haben uns ausgelacht“, so Rosemary.

Abschiebung wird erst am Flughafen München abgesagt

Chaos in der Wohnung, Handschellen werden angelegt, zusätzlich Fixierungen um dem Bauch herum. Damit niemand um sich schlagen kann? So erklären es sich die Helfer nach der Schilderung von Joseph Aigbiremolen. Die Kinder sind verängstigt, schreien. Hektische Abfahrt Richtung Flughafen München ohne große Zeit, zu packen. Am Tag danach sieht die Wohnung aus wie nach einem Einbruch, schildert eine Asylhelferin.

Die Abschiebung erfolgt letztlich doch nicht. Die Nachricht kommt rund um Mitternacht per Funk, da ist man bereits am Flughafen. Es geht zurück nach München in die Aufnahmeeinrichtung in der Maria-Probst-Straße. Joseph Aigbiremolen wird dort gefragt, warum er eigentlich Handschellen tragen muss. Seine Frau wird in eine Münchener Klinik gebracht, dann in die Psychiatrische Klinik Landsberg. Dort befindet sie sich noch immer, bekommt starke Medikamente zur Beruhigung. Nach langem Hin und Her können Vater und Kinder einen Tag später wieder in ihre Wohnung nach Peiting, wo sie seit dem Sommer untergebracht sind.

Sie sind „vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer“

Als der Schock bei Joseph Aigbiremolen viele Stunden später abklingt, spürt er die körperlichen Schmerzen. Am Knie, an Hals und Rücken. Zum Treffen mit den Schongauer Nachrichten kommt er direkt aus dem Krankenhaus. Er wurde gerade geröntgt.

Die Sachlage ist alles andere als einfach. Joseph Aigbiremolen (39), seine Frau Rosemary (32) und die Kinder sind „vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer“. Alle rechtlichen Mittel seien ausgeschöpft, teilt das Landratsamt mit. Es handele sich um keine Ausweisung, sondern um eine Abschiebung.

Bewegte Vergangenheit

Joseph verließ sein Land Nigeria 2001, lebte erst in Niger, seit 2004 in Libyen, wo er seine Frau Rosemary kennenlernte. Dort ist Sohn Great Ojie geboren, heute elf Jahre alt. Während des Bürgerkriegs flüchteten sie über das Mittelmeer nach Italien (Mitte 2011), Ende 2012 weiter nach Deutschland. Die jüngeren drei Kinder wurden alle hier geboren. Abraham wird an Weihnachten neun Jahre alt, Sarah sieben, und die Jüngste, Salomé, ist gerade vier geworden. Ihre Diagnose lautet: Trisomie 21. Grad der Behinderung: 100 Prozent.

Mutter Rosemary wird im Klinikum Landsberg behandelt. Sie macht sich größte Sorgen um die Jüngste.
Mutter Rosemary wird im Klinikum Landsberg behandelt. Sie macht sich größte Sorgen um die Jüngste. © Privat

Joseph Aigbiremolen hat 2019 eine Haftstrafe abgesessen. Eine Bewährungsstrafe wegen Schleuserei – er hatte zwei nigerianische Frauen mit einem nur wenige Tage alten Säugling von Österreich nach Deutschland gebracht – war widerrufen worden. Der Familienvater wollte lange nicht mithelfen bei der Passbeschaffung. Seiner Frau wurde ähnliches vorgeworfen. Ihre zweijährige Bewährungsstrafe wegen des Aufenthalts ohne Pass ist mittlerweile erlassen. Der Familienvater kam nach sechs Monaten wegen guter Führung frei.

Viele kennen die Familie seit Jahren und unterstützen sie

Neben Joseph Aigbiremolen sitzen nur wenige Tage nach dem Abschiebungsversuch in ein Land, das er vor 20 Jahren verlassen hat, zehn Menschen beim Pressetermin im evangelischen Gemeindezentrum Schongau. Alle wollen sie aufstehen. Aufstehen für die Familie, aber auch gegen diese Art der Abschiebung. Dabei war niemand. An den Worten von Joseph Aigbiremolen – in gutem Deutsch – zweifelt aber keiner.

Die Beschreibung des Abends decke sich mit dem, was Rosemary in einer Sprachnachricht berichtete. Und mit dem, was der älteste Sohn erzählte. „Sie haben sich nicht abgesprochen“, ist Jost Herrmann überzeugt. „Ich bin fassungslos und schockiert“, sagt der evangelische Pfarrer aus Schongau. „Er ist ein Straftäter, aber hat niemandem etwas zuleide getan. Diese Familie darf nicht abgeschoben werden.“

Durchsetzung des Ausreisepflicht habe Vorrang

Jeder der Anwesenden kennt die Familie nicht erst seit gestern, ist über die Hintergründe im Bilde. Es sei Zeit für den politisch angekündigten „Spurwechsel“. Anerkennung trotz Asylablehnung, wenn die Integration passt. Das bestätigen für diese Familie alle. Der Vater habe einen Kurs als Baumkletterer absolviert, die Mutter engagiere sich beim THW, besuche die Berufsfachschule für Sozialpflege, wolle in der Altenpflege arbeiten. Der Antrag auf Ausbildungsduldung wurde im November abgelehnt. Begründung: Die Durchsetzung der Ausreisepflicht habe Vorrang.

Jetzt müsse man aus humanitären Gründen unbedingt einen Aufenthaltstitel gewähren. Ganz oben stehe der Schutz der Kinder. Susanne Seeliger, angestellt als Ehrenamtskoordinatorin der Diakonie Herzogsägmühle, sieht das ebenso wie Josef Stöger. Er war für die Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas zweieinhalb Jahre für die Familie zuständig. Bettina Maier aus Schongau (Asylhelferkreis Schongau) setzt sich ebenso ein wie Monika Proske und Tochter Laura, sie begleiten die Familie seit 2014. Und können nicht fassen: „Statt zu helfen, wird immer noch eins oben draufgesetzt.“

„Es ist menschenrechtsverletzend“

Ähnlich empfinden es die Damen vom Asylhelferkreis Peiting Sabine Haser, Gabriele Sanktjohanser und Gabi Kraus. „Es steht im Grundgesetz, dass Familien und Kinder unter besonderem Schutz stehen“, empört sich Kraus. „Es ist menschenrechtsverletzend, was da passiert ist.“ John-Edward Schulz, der Herzogsägmühle vertritt, sagt es deutlicher: „Was passiert ist, darf nicht passieren.“

14 Polizeibeamte seien bei der Abschiebung dabeigewesen, Einsatzkräfte der Polizeiinspektion Schongau mit Unterstützung der Zentralen Ergänzungsdienste in Weilheim. Das bestätigt Stefan Sonntag vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Man habe sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht, es habe einen Einsatzplan gegeben. Man versuche immer, so schonend wie möglich für alle vorzugehen, damit bei den Betroffenen keine Kurzschlusshandlungen passieren – dazu gehöre auch das Anlegen von Fesseln. Das Ehepaar sei „problematisch und auffällig“ gewesen. Eine schriftliche Anzeige seitens der Familie liege bisher nicht vor.

Polizei leitet interne Ermittlungen ein

Dennoch habe man entschieden, das für interne Ermittlungen zuständige Sachgebiet beim Bayerischen Landeskriminalamt „zur Prüfung der latenten Vorwürfe“ einzuschalten. „Das Polizeipräsidium leitete diesen Schritt ein, um eine unabhängige Klärung des Sachverhaltes zu ermöglichen“, so Sonntag. Die Polizei stehe ganz am Ende des langen Weges bis zu einer Abschiebung. „Die Polizei muss das umsetzen, ob uns das gefällt, oder nicht“, so Sonntag. „Den unangenehmsten Part müssen wir erledigen.“

Unklar ist, warum die Abschiebung nicht erfolgte, glasklar, dass sie weiter im Raum steht. Der Asylantrag wurde abgelehnt, die Familie bleibt zur Ausreise verpflichtet. Das bestätigen sowohl das Bayerische Landesamt für Asyl und Rückführungen als auch das Landratsamt. Die Weilheimer Behörde will „den Sachverhalt erst noch weiter und genau aufklären“, Fragen über Aufgabe oder Verhalten von Mitarbeitern bleiben unbeantwortet.

Die Familie hat nun erneut die Möglichkeit, freiwillig nach Nigeria zurückzukehren, was finanziell sogar über mehrere Programme des Bundes und des Landes Bayern gefördert wird – als Starthilfe gewissermaßen. Geld für eine Heimreise, die keine ist, will die Familie nicht. Sie will bleiben. Jost Herrmann: „Herr Aigbiremolen hat die freiwillige Ausreise nochmals abgelehnt.“

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