Das Kriegerdenkmal in Birkland.
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Das Kriegerdenkmal in Birkland.

Jahrbuch „Der Welf“: Blick in die Zeit des Wiederaufbaus - Fünfter und letzter Teil der Serie

Die Verwerfungen nach dem Großen Krieg

Im Jahrbuch „Der Welf“ des Historischen Vereins Schongau hat Rainer Schmid regelmäßig auf die Geschehnisse vor 100 Jahren zurückgeblickt und dafür auch die „Schongauer Nachrichten“ durchgeblättert. Mit dem Blick in die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Ersten Weltkrieg hat er die fünfteilige Serie nun abgeschlossen.

Schongau – Ein scheinbar unstillbarer Hang zu runden Zahlen und Jahrestagen scheint in unserem Verständnis ein Ausdruck der kulturellen Entwicklung unserer Spezies Mensch zu sein. Wir feiern runde Geburtstage, silberne und goldene Hochzeiten und Vereinsjubiläen.

Mit geschichtlichen Jahrestagen tun wir uns hingegen etwas schwerer. Besonders, je länger sie zurückliegen. Das ist nicht nur eine Frage des persönlichen Geschichtsbewusstseins, das im Alltag nicht an erster Stelle steht. Das Verständnis dafür, was Ereignisse wie der Deutsch-französische Krieg vor 150 Jahren oder der Erste Weltkrieg und die Zeit danach vor 100 Jahren mit unserem heutigen Leben zu tun haben, fällt mitunter schwer. Verständlich. Wir leben unser Leben schließlich vorwärts und nicht rückwärts.

Wir können allerdings noch auf Mitmenschen als Zeitzeugen zurückgreifen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben und uns einen direkteren Eindruck vermitteln können, als es dicke Bücher vermögen. Das ist beim Ersten Weltkrieg nicht mehr möglich.

Die Generationen, die uns bewusst von dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ erzählen konnten, haben uns bereits verlassen. Aber was nutzt uns heute der Blick zurück auf einen Krieg, der am 11. November 1918 nach 1568 Tagen voller Angst, Tod, Verstümmelung, Zerstörung, Schmerz und Verlust endlich zu Ende ging, und seine Nachwirkungen?

Erleichtert Verständnis der Gegenwart

Bei näher Betrachtung einiges. Der Blick zurück erleichtert gerade aus lokaler Sicht nicht nur das Verständnis der Gegenwart. Er erweitert auch die Sicht nach vorn. Das war ein Kernanliegen der Reihe zum Ersten Weltkrieg und der unmittelbaren Nachkriegszeit, die seit 2014 im „Welf“, dem jährlichen Jahrbuch des Historischen Vereins Schongau Stadt und Land, erschien und 2020 abgeschlossen wurde.

Denn die Nazidiktatur und der Zweite Weltkrieg sind ohne den Ersten Weltkrieg schwer vorstellbar. Er wird in Großbritannien und Frankreich der „Große Krieg“ genannt. Der 11. November ist dort ein Gedenktag und in Frankreich ein gesetzlicher Feiertag.

Charles Kuentz aus Schongaus Schwesterstadt Colmar, der erst 2005 im Alter von 108 Jahren gestorben ist, war einer der letzten lebenden aktiven Zeitgenossen aus dem Ersten Weltkrieg.

Konsequent nüchtern gedacht, brachte der Erste Weltkrieg mit hinreichender Wahrscheinlichkeit lokale Folgen wie das von Altlandrat Luitpold Braun im „Welf“ 2019 und 2020 beschriebene Schicksal der jüdischen Familie Kugler, die Veränderung der Bevölkerungsstruktur durch die Vertriebenen aus dem Sudetenland und den ehemaligen Ostgebieten, den Bau der Altenstädter Kaserne und damit verbunden am Schongauer Landratsamtsgebäude das Denkmal für den ersten Schongauer Landrat Franz Josef Strauß.

Die Mütter und Väter der Verschwisterung Schongaus mit Städten wie Abingdon oder Colmar hatten mindestens den Zweiten Weltkrieg und großteils die Jahre 1914 bis 1918 erlebt und wollten aus diesen beiden blutigen Katastrophen lernen. Sie mussten ihre Söhne für die Kriege des Staates hergeben und opfern, dem sie angehörten. Frauen und Kinder bangten um Männer und Väter und wurden viel zu oft zu Witwen und Waisen.

Skeptisch der neuen Staatsform gegenüber

Die Soldatendenkmäler im Schongauer Land sind stille, aber nicht stumme Erinnerungen daran und sichtbare Zeichen dafür, dass Frieden, Demokratie und Freiheit mühsame Errungenschaften und keine Selbstverständlichkeiten sind. Das waren sie nach dem Ersten Weltkrieg nicht. Der Freistaat Bayern und die Weimarer Republik waren an die Stelle des Königreichs Bayern und des Kaiserreichs getreten. Viele trauerten der Monarchie nach und standen der neuen Staatsform skeptisch bis ablehnend gegenüber.

Zum Karfreitag 1919 brachten die Schongauer Nachrichten die Metapher „Auch im Leben unseres Vaterlandes ist Passionszeit und sie wird es noch geraume Zeit sein“. Ein blumiger Befund nach heutigem Verständnis, aber für die Wahrnehmung damaliger Zustände zutreffend. Millionen Soldaten kamen aus dem Krieg heim und mussten nach jahrelanger Erfahrung von Gewalt, Angst, Verwundung und Tod wieder in das zivile Leben zurückgebracht werden.

Das Bezirksamt Schongau forderte die Gemeinden bereits Anfang November 1918, neun Tage vor Kriegsende, dazu auf, Namenslisten der Soldaten zu erstellen, nach Beschäftigungsmöglichkeiten zu suchen und Maßnahmen zur Sicherstellung der Nahrungsversorgung zu ergreifen. In den Gemeinden im Schongauer Land gab es Begrüßungsfeiern für die Heimkehrer. Der würdige Empfang der Soldaten sollte den Männern die Rückkehr ins zivile Leben erleichtern, nachdem sie jahrelang Gewalt und Tod im Krieg erfahren hatten.

Einmalige lokalgeschichtliche Erfahrung

Die Berichte aus den Orten zeigen eine zwiespältige Stimmung: Freude und Erleichterung über die Heimkehr der Soldaten und Trauer über die Opfer und den verlorenen Krieg. Gefeiert wurde trotzdem mit Gottesdiensten, Umzügen, Ansprachen, Gesang, Gedichten und Festessen. Veranstaltungen dieser Art waren und sind eine einmalige lokalgeschichtliche Erfahrung.

Wie während des Krieges wurden die Menschen zu Spenden aufgefordert. Für Heimkehrer aus Krieg und Gefangenschaft gab es Spendensammlungen und Wohltätigkeitskonzerte, obwohl Mangel und Not nach dem Krieg fortdauerten. Die Stadt Schongau gab nach wie vor Lebensmittelmarken heraus, auf Schwarzschlachtungen stand Gefängnis, Kohle war knapp und weiterhin wurde Vieh gezählt.

Die Heimatzeitung rief zum Preisschießen der Einwohnerwehren auf und nahm im Oktober 1921 am Tod des ehemaligen bayerischen Königs Ludwig III. regen Anteil. Zu jener Zeit galt ab 23 Uhr eine allgemeine Polizeistunde, wurde wieder „Auslandsmehl“ verteilt und kam Zucker in den freien Handel.

In der Stadtratssitzung am 18. November 1921 gab es nach dem anschaulichen Bericht in der Heimatzeitung eine deutliche Unzufriedenheit über Mängel an der „Kriegsgedächtnisglocke“, die als Ersatz für eine im Krieg abgelieferte Glocke von der Pfarrgemeinde mit städtischer Beteiligung angeschafft worden war.

Die zunehmende Begeisterung der Jugend für das Fußballspielen anstelle des „deutschen Turnens“ weckte ebenso wenig das Wohlwollen der Stadtväter wie die „pietätlose“ Forderung von 460 Mark für die Musik anlässlich der Totenfeier für die Gefallenen an Allerheiligen. Diese Beispiele aus der Lokalzeitung zeigen die Verwerfungen durch den Großen Krieg und seine Wirkungen auf die kleine Welt am Lech. Die Berichterstattung über Ereignisse wie den polnischen Sieg im Krieg gegen Lenins Rote Armee rundet das Nachkriegschaos ab.

Franz Bader 14 Jahre im Amt

Die ersten Nachkriegswahlen zeigten im damals zu über 90 Prozent katholischen Schongauer Land gleichwohl keinen Hang gegenüber politischen Extremen. Die Bayerischen Volkspartei (BVP), eine Vorgängerin der CSU, knüpfte an die Wahlerfolge der Zentrumspartei vor dem Krieg an. Der am 15. Juni 1919 neu gewählte Stadtrat bewältigte ein umfangreiches Arbeitsprogramm. Die Tagesordnungspunkte beschreiben die Sorgen in der Nachkriegszeit: Lebensmittelversorgung, Ehrenmal für die Gefallenen, Fürsorge für Heimkehrer und Versehrte, Stromversorgung, Neuguss zertrümmerter Glocken.

Im Gegensatz zu den häufigen politischen Personalwechseln in Berlin blieb Bürgermeister Franz Bader bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 14 Jahre im Amt. Die inneren Spannungen als Kriegsfolge werden aber durch einen Blick in die Heimatzeitung vom 2. August 1924 deutlich. Zum zehnten Jahrestag des Kriegsausbruchs rief der Augsburger Generalvikar dazu auf, den Sonntag, 3. August 1924, als Trauertag zu begehen und ihn dem Gedächtnis der Kriegsopfer zu weihen. In derselben Ausgabe der Heimatzeitung gab die Schongauer Ortsgruppe der „Vaterländischen Bewegung“ bekannt, dass sie sich künftig „Vaterländischer Verband Gau Schongau“ nennen wollte, um jede Parteipolitik auszuschließen.

Dazu passend folgt ein Bericht über eine Gerichtsverhandlung in Weilheim. Der Hohenpeißenberger Peter Graf, Landtagskandidat der BVP, wehrte sich erfolgreich gegen die Darstellung seiner Person in einer Weilheimer Zeitung. Diese hatte ihn als „roten Peter“ bezeichnet. Der verantwortliche Redakteur wurde wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe verurteilt.

Die politische Radikalisierung als Kriegsfolge hatte fatale Ergebnisse. Die pauschale und einseitige Beurteilung der Menschen aus heutiger Perspektive setzt der Erkenntnis jedoch Grenzen. Nach heutigen Maßstäben wäre die damalige Mehrheit in Ausdruck und Einstellung nationalistisch, vaterlandsgläubig, reaktionär. Der Versuch, unsere Vorfahren aus ihrer Zeit heraus zu verstehen, ist mühevoller. Aber er erleichtert die Antwort auf das „Warum“ und das Lernen aus Schicksalen und Fehlern.

Erinnerung an Charles Kuentz aus Colmar

100 Jahre später kämpfen Europas Nationen trotz aller Differenzen gemeinsam gegen die Corona-Pandemie und nicht gegeneinander auf dem Schlachtfeld. Nach dem Ersten Weltkrieg waren in der Heimatzeitung der Versailler Vertrag als „Schandfrieden“ und Reparationszahlungen an Frankreich und Großbritannien Thema. 2021 lässt eine gemeinsame europäische Behörde Impfstoffe zu. Diese gab es bei der Spanischen Grippe, die ab 1918 auch im Schongauer Land Opfer forderte und zu Schulschließungen führte, nicht. Man kann an der Europäischen Union die Bürokratie und Regelungswut kritisieren. Als gemeinsamer Raum für Gestaltung von Gegenwart und Zukunft wirkt die europäische Idee beim Blick 100 Jahre zurück jedoch schlicht alternativlos. Oder sind Schlagbäume und Kopfrechnen beim Bezahlen etwa wünschenswerte Urlaubsgestaltungsträume?

Der 2005 in Schongaus Schwesterstadt Colmar im Alter von 108 Jahren verstorbene Elsässer Charles Kuentz würde uns dazu sehr wahrscheinlich einiges zu sagen haben. Bei seiner Geburt gehörte Colmar zum Kaiserreich. Er war im Großen Krieg in der deutschen und im Zweiten Weltkrieg kurzzeitig in der französischen Armee und hat mehrmals die Staatsangehörigkeit gewechselt. Auf dem Grab seines 1944 als deutscher Soldat an einer Verwundung gestorbenen Sohnes steht „Mort pour la France“, gestorben für Frankreich.

Wie der ehemalige Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker beim Volkstrauertag 2008 im Deutschen Bundestag sagte: „Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen“. Im Schongauer Land gibt es jedoch keine großen bedrückenden Kriegsopferstätten wie in Frankreich bei Verdun. Aber die Soldatendenkmäler und das Grab eines russischen Kriegsgefangenen auf dem Peitinger Friedhof Maria Egg reichen als Erinnerung und Mahnung aus.

Der neue Welf ist erhältlich bei Schreibwaren Seitz in Schongau und im Kaufhaus Bögle in Rottenbuch. Bei Buch am Bach Peiting kann er telefonisch oder per Mail geordert werden. Nach dem Lockdown liegt der Welf auch in der Büchergalerie Schongau aus. Er kostet 15 Euro und hat 179 Seiten.

Rainer Schmid

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