Die „Link-Köhler-Villa“ (re.) heute: Links oben die „Bornschein-Villa“, im Jahre 1911 erbaut. Das ehemalige Gartengelände erstreckte sich bis zum jetzigen Lidl-Areal. 
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Die „Link-Köhler-Villa“ (re.) heute: Links oben die „Bornschein-Villa“, im Jahre 1911 erbaut. Das ehemalige Gartengelände erstreckte sich bis zum jetzigen Lidl-Areal. 

Die Köhlervilla an der Bahnhofstraße in Schongau

Die wechselhafte Geschichte einer reizvollen Villa

Einst stand die vornehme Villa mutterseelenallein in einem großen Garten am Fuße des Südhangs der Schongauer Stadtmauer und war für Spaziergänger damals ein wahrer Blickfang. Wenn man über den hohen Zaun überhaupt einen Blick erhaschen konnte. Die Rede ist von der Köhlervilla an der Bahnhofstraße. Oder sollte man sie Linkvilla oder doch Villa Hannes nennen? Jetzt dümpelt das schmucklos gewordene Bauwerk vor sich hin (wir haben berichtet).

Schongau – Bei einer der vergangenen Schongauer Stadtratssitzungen bezeichnete CSU-Stadtrat Michael Eberle das unter Köhler-Villa bekannte Gebäude als einen Schatz. Viel wird über dieses Gebäude gemunkelt, gesprochen, diskutiert oder in Überlegungen gepackt. Nicht zu vergessen der große Garten, der sich westlich des Anwesens erstreckt und nach oben in Richtung Stadtmauer verläuft.

Diese Kombination aus Villa und prachtvoll gestalteter Grünanlage suchte damals vor weit über 100 Jahren seinesgleichen. Kaum ein Spaziergänger, der an dem Anwesen vorbeigeht, macht sich Gedanken über die Geschichte dieser einst so prachtvollen Villa. Schmucklos steht sie da, ihre Blütezeit in weiter Ferne. Nur ein großes ovales Blechschild erinnert an den Namen Köhler.

Einige Goldmark waren fällig

Dass die Villa erhalten bleibt, ist eigentlich ein „Muss“ für die Stadt, die der derzeitige Besitzer ist. Dass die Villa auch eine gewisse Vorgeschichte hat, macht natürlich neugierig. Also geht man auf Spurensuche . . .

Ein historisches Gemälde der „Villa Hannes“. Neben der Villa Waschküche und Badezimmer, später Pferdestall. Die Villa oben an der Stadtmauer gehörte einem Maler Wolf.

Um sich damals so ein Anwesen leisten zu können, musste man damals schon einige Goldmark auf der hohen Kante haben. Und die hatte Thomas Hannes, der als Kaufmann seine Schäfchen im Trockenen wusste. Also packte er das Vorhaben Edelvilla an. Großzügig gestaltet, mit vielen Extra-Wünschen gespickt.

Im Jahr 1899 ließ der vermögende Kaufmann den Prachtbau entstehen, dazu die parkähnliche Gartenanlage. „Reizend gelegen zwischen Bahnhof und der Stadt“, konnte man damals darüber schwarzgedruckt lesen. Doch die Freude des Bauherrn darüber währte nur kurze Zeit. Irgendwie war für den Kaufmann alles eine Nummer zu groß geraten, die „Villa-Hannes“ stand schon 1904 zur Versteigerung.

Ähnlich in der Zimmeraufteilung

Dazu wurde ein großzügiges Exposé erstellt, das viel über die Ausstattung der Villa verriet: „Im gotischen Style auf das Solideste und Gediegenste erbaut, mit allem Comfort der Neuzeit versehen“, heißt es in der damaligen Beschreibung. Dann die Erklärung der Räume und Zimmer: Drei helle große Kellerräume liegen im Souterrain. Dabei wird nachdrücklich hingewiesen, dass diese Kellerräume trocken sind. Keinesfalls von Schimmel oder Fäulnis befallen.

Parterre und erster Stock ähneln sich in der Zimmeraufteilung: „Je vier herrliche, beheizbare Zimmer, dazu eine Küche, eine Speise mit Closet und zwei Balkone nach Süden und Osten“, ist in der Beschreibung zu lesen.

Waschküche und Pferdestall

In der Mansardenwohnung sind drei freundliche Zimmer zu finden, in denen mit Öfen geheizt wird. Alle Zimmer haben eine stattliche Höhe von 2,90 Metern. Genau sind auch die Böden und Geländer beschrieben: Pinienholz für die Böden, gedrehtes Buchenholz mit Ahorngriffen für die Stiegengeländer, die Stufen aus Eichenholz. Und der Hygiene zuliebe: In allen Etagen Wasserleitungen mit laufendem Quellwasser.

Bierkrüge und Reklameschild der Köhler-Brauerei, wie sie bei alten Schongauern noch in Erinnerung sind.

Im Nebenbau untergebracht sind die helle Waschküche und ein „freundliches Badezimmer”. Daneben schließt sich ein Wäschetrockenraum an. In späteren Jahren dann der Pferdestall.

Auch in Sachen Gartenausstattung hatte sich Bauherr Thomas Hannes einigen Luxus geleistet: Im Ziergarten war neben dem Sommerhaus mit Storchennest ein Springbrunnen angelegt, dessen Fontäne fünf Meter hoch trieb. Im oberen Teil leistete sich Hannes noch ein idyllisches Blockhäuschen. Natürlich war alles in Villa und Außenbereich elektrifiziert: „15 elektrische Flammen mit je 16 bis 25 Kerzenstärken“, so war die Leuchtkraft exakt beschrieben.

Käsermeister kommt aus Ulm nach Schongau

„Dieses Besitzthum, wohl die schönste Villa in Schongau“, so im Exposé beschrieben, hat im Laufe der Zeit einige Male den Besitzer gewechselt. Nach dem Bauherrn Thomas Hannes ist in den Unterlagen Friedrich Baldauf zu finden, der das Anwesen 1910 erwarb. Schon zwei Jahre später wechselte der Besitz an Veronika Wagner. Wiederum sechs Jahre später, also im Jahre 1918, erwarb Johannes Link die Villa mit „1,65 Tagwerk großem Garten“.

Link kam als Käsermeister aus Ulm nach Schongau. In Denklingen setzte er seine Duftmarken in Sachen Käserei, dann hat er in Schongau die Molkerei Genossenschaft mitgegründet. Später wurde daraus das Erste Bayerische Butterwerk. Link verstarb früh, seine Gattin Luise wurde die Erbin von Villa und Besitztum in Schongau.

Deren Tochter Liesl heiratete den Braumeister Wilhelm Köhler, der für einen hervorragenden Gerstensaft in der Lechstadt sorgte. Im Gebäudekomplex am Frauentor – heute Gürtnerhaus – wurde gebraut, daneben befand sich das große Fasslager, in der Gaststätte Post – später Sonne – neben der Posthalterei wurde verköstigt und der Durst gelöscht. Und die Feste wurden im großen Garten der „Köhler-Villa“ gefeiert, die hoffentlich bald wieder besseren Zeiten entgegensieht.

Hans-Helmut Herold

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