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Zwei Pässe gleichzeitig: Das soll es nach dem Willen der Union künftig nicht mehr geben.

Diskussion um Einbürgerung

812 Schongauer mit Doppelpass

Ein Mensch, zwei Pässe: Aus Sicht von CDU und CSU geht das nicht. Die Unionsparteien wollen die doppelte Staatsangehörigkeit abschaffen. Die Debatte betrifft viele Menschen, allein in Schongau und Peiting haben aktuell über 1000 Deutsche noch einen zweiten Pass – mehrheitlich einen türkischen.

Schongau/Peiting – „Ich fühle mich beiden Ländern zugehörig“, sagt Hava Sirin. Sie stammt aus der Türkei und ist stellvertretende Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde Schongau und zugleich auch Dialogbeauftragte für interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit. Sirin sagt deutlich, dass sie eine Befürworterin der doppelten Staatsbürgerschaft ist. Ihr selber ist dieses Privileg verwehrt worden. „Weil ich meinen Antrag erst nach dem Jahr 2000 eingereicht habe. Da galten bereits andere Gesetze.“ 

Hava Sirin hat sich entscheiden müssen: Entweder deutsche oder türkische Staatsbürgerschaft. „Das war total schlimm“, sagt die Schongauerin. Letztendlich hat sie sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, hätte aber gerne auch die türkische behalten, „weil die Türkei mein Herkunftsland ist und ich dort meine Wurzeln habe“.

Hava SirinsBruder und seine Familie besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft, „weil sie vor dem Jahr 2000 einen deutschen Pass beantragt haben“, schildert Hava Sirin die Situation.

Der „Doppelpass“ ist zuletzt allerdings in die Diskussion geraten. Der CDU-Parteitag stimmte kürzlich mehrheitlich für die Forderung, die doppelte Staatsbürgerschaft nicht mehr zu erlauben. Die Argumentation: Im Sinne der Integration sei es förderlich, wenn sich jeder Bürger klar zu nur einem Staat bekennen muss.

Die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft betrifft nicht wenige Menschen. Eine Umfrage der Heimatzeitung in den Einwohnermeldeämtern im Schongauer Land hat ergeben, dass es in allen Orten Einwohner mit mehr als einer Staatsangehörigkeit gibt. In Schongau sind dies 812 Personen, wobei mit 223 der größte Anteil Türken sind, die auch einen deutschen Pass haben. In Peiting gibt es 242 „Doppelpässler“ (den größten Anteil stellen allerdings die Rumänen).

In der Verwaltungsgemeinschaft Altenstadt, die fünf Gemeinden umfasst, sind 152 Doppelstaatler gemeldet (darunter 15 Deutsch-Russen, 15 Deutsch-Italiener und 14 Deutsch-Rumänen).

In der VG Steingaden sind 74 Doppel- und Mehrstaatler registriert (in Steingaden sind die meisten davon Polen, in Wildsteig sind die Mehrzahl Amerikaner und in Prem Österreicher).

In der VG-Bernbeuren (sechs Doppelstaatler) liegen die Rumänen in Führung. Und in der VG Rottenbuch leben 49 Doppelstaatler mit Hauptwohnsitz und weitere sieben mit Nebenwohnsitz. Auch hier stellen die Deutsch-Rumänen den größten Anteil.

Für die allermeisten Doppelstaatler wird sich wohl auch dann nichts ändern, wenn sich CDU und CSU durchsetzen. Denn für EU-Bürger und Schweizer war es schon immer möglich, ihren ursprünglichen Pass zu behalten, wenn sie in Deutschland eingebürgert wurden.

Die aktuelle Debatte dreht sich vielmehr um die Rückkehr zur sogenannten Optionspflicht, wie sie bis 2014 galt. Demnach mussten sich in Deutschland geborene Kinder spätestens mit 23 Jahren für eine der beiden Staatsangehörigkeiten entscheiden. Dieses Entweder-Oder, zu dem die Unionsparteien zurück möchten, finden Leute wie Hava Sirin aus Schongau nicht gut.

Auch Colette Baar aus Schongau, die aus Lothringen (Frankreich) stammt und seit 1957 in Deutschland lebt, wollte vor langer Zeit schon die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Doch dann hätte sie den französischen Pass abgeben müssen. Das wollte Baar nicht, deshalb hat sie auf die deutsche Staatsbürgerschaft verzichtet. Jetzt wohnt sie halt als Französin in Schongau – und damit kann sie gut leben.

Michael Gretschmann

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