Überhaupt nicht verstehen können die Nicolettis, warum Drogeriemärkte ihre Fotodrucker laufen lassen könnten, während ihnen das Geschäft dicht gemacht worden ist.
+
Überhaupt nicht verstehen können die Nicolettis, warum Drogeriemärkte ihre Fotodrucker laufen lassen könnten, während ihnen das Geschäft dicht gemacht worden ist.

Ärger und Verstimmung

Einzelhandel im Landkreis beklagt Regel-Wirrwar

„Man kann die Sache mit guter oder mit schlechter Laune nehmen. Ich habe mich für gute Laune entschieden“, sagt Floristin Michaela Miess. Sie hält den Lockdown, der auch sie trifft, für notwendig. So denken sicher viele Einzelhändler. Aber es gibt Ärger und Verstimmung über manche Bestimmungen und Ungerechtigkeiten.

Landkreis – Die Blumen-Stube Miess in Penzberg ist kein „für die tägliche Versorgung unverzichtbares Ladengeschäft“, wie es im Paragraph 12 der Elften Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung vom 15. Dezember heißt, deshalb ist der Blumenladen seit Mitte vergangener Woche zu. Miess darf ihre Blumen nach einer Bestellung nur liefern: „Einige Anrufe gab es schon. Mal abwarten, wie es weitergeht. Ich lasse mich überraschen.“ Dass man die Blumen nicht abholen darf, ist für sie logisch. Dann würden die Leute zum Laden kommen und davor anstehen – und damit wären die Innenstädte voller, als sie sein sollten.

Kurzfristige Streichung von Abholmöglichkeiten sorgt für Frust

Die Regelung ist großes Thema im Einzelhandel, wie Florian Lipp vom Weilheimer Kaufhaus Rid erzählt. Er ärgert sich über die kurzfristige Streichung der Abholmöglichkeiten in Geschäften, zumal dies in anderen Bundesländern erlaubt sei. Es mache ebenso wie der erlaubte Lieferservice zwar nur einen kleinen Teil des Umsatzes aus, „aber viele Kunden hätten das System click and collect gerne gehabt, vor allem vor Weihnachten. Denen können wir nun nicht helfen“.

Lipp hatte schon ein komplettes Konzept ausgetüftelt

Laut Kabinettsbeschluss vom Montag, 14. Dezember, lauteten die Bestimmungen laut Lipp noch „Die Öffnung von Ladengeschäften des Einzelhandels ist untersagt.“ Unter Ausnahmen werden unter vielem anderen Abhol- und Lieferdienste aufgeführt. Einen Tag später heißt es nach der Landtagssitzung in der endgültigen Verordnung: „Die Öffnung von Ladengeschäften mit Kundenverkehr und zugehörige Abholdienste sind untersagt.“ Lipp hatte inzwischen ein komplettes Konzept für Warenbestellung und Abholung ausgetüftelt – inklusive Werbung sowie diverser organisatorischer und technischer Maßnahmen. „Das konnte ich alles wieder einstampfen.“ Was ihn besonders ärgert ist, dass in der ersten Fassung ganz ausdrücklich formuliert ist, dass Abholdienste erlaubt sind. „Und einen Tag später ist es dann wieder komplett anders rum.“

Fotogeschäft muss schließen, aber Drogerien dürfen ihre Fotoabteilung offen halten

Überhaupt nicht verstehen kann Agostino Nicoletti, warum er und sein Sohn Filippo ihr Fotogeschäft Fine Art Photographie in Schongau schließen mussten. Die beiden hatten erst vor kurzem ein teures Selbstentwicklungsgerät angeschafft: „Das gleiche wie in den Drogeriemärkten – und die dürfen ihre Fotoabteilungen offen halten.“ Er habe überall rumgefragt, beim Landratsamt, bei der Polizei, sogar im Bundespresseamt in Berlin: Keiner habe ihm sagen können, warum das so ist. Seine Schlussfolgerung: „Die großen Drogerieunternehmen haben eine große Lobby, wir sind nur ein kleiner Fotoladen.“

Lobbyarbeit einer Buchhandlung bleibt erfolglos

Lobbyarbeit für seine Branche betrieben hat Klaus Schuster von der Weilheimer Buchandlung Zauberberg. Er hat eine Mail an Abgeordnete des Landtags noch vor der Sitzung am vergangenen Dienstag im Maximilianeum geschrieben. „Da die einzige Ressource, über die wir in Deutschland verfügen, Bildung und Wissen sind, bin ich der Meinung, dass Bücher und die damit einhergehende Vermittlung von Wissen zum täglichen Bedarf gehören“, heißt es darin. Er bittet die Politiker, sich dafür einzusetzen, dass die Bürger „in diesen bedrückenden Zeiten Wissen, Mut und Zuspruch auch weiterhin in Buchhandlungen und Bibliotheken erwerben und erfahren dürfen“. Allerdings ohne Erfolg – auch er musste die Buchhandlung zumachen und darf Bücher lediglich nach Bestellung ausliefern. Der Zauberberg-Bioladen ist allerdings geöffnet.

Wie Schuster erzählt, sieht er seine Mail aber auch als Denkanstoß für die Zukunft. Damit die Politik in diesem Segment nicht alle Umsätze den Online-Händlern zutreibe – „wenn Sie einer weiteren Verödung der Innenstädte nicht tatenlos zusehen wollen“, wie er schreibt. Von den mehr als zehn Angeschriebenen haben drei geantwortet, darunter auch der Stimmkreisabgeordnete der Grünen, Andreas Krahl. Alle drei betonten, dass sie hinter den beschlossenen Lockdown-Maßnahmen stehen würden, sagten Schuster aber Gespräche zu.

RALF SCHARNITZKY

Auch interessant:

Polizei meldet Corona-Verstöße: Der eine rennt durch den Supermarkt - ohne Maske, dafür Zigarette rauchend (!). Die anderen feiern eine lustige Corona-Party mit diversen alkoholischen Getränken.

Nach Lockdown-Start: So läuft die Notbetreuung in den Peitinger Kitas

Mehr Aktuelles aus der Region lesen Sie hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare