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Viele Andechs-Wallfahrer kommen durch das Kiental von Herrsching aus auf den Heiligen Berg.

Pilgertour fällt wegen Corona aus 

Erinnerung an einzigartige Andechs-Wallfahrt

Die traditionelle Schongauer Andechs-Wallfahrt fällt dieses Jahr wegen Corona aus. Christine Fremmer erinnert sich an ihre Oma, die jedes Jahr dabei war, und in den 80er Jahren ist sie selbst einmal mitgepilgert – jetzt hat sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben und uns zur Verfügung gestellt.

Schongau – Nach den Regentagen zuletzt sprießt es im Garten sattgrün. Vom Tisch aus sehe ich die ersten Pfingstrosen. Am Teich sind die Butterblumen als erste aufgegangen. Und die Trollblumen blühen in voller Pracht, ein großer Buschen, viel zu früh. Trollblumen hat meine Oma immer mitgebracht von ihrer alljährlichen Wallfahrt zum Kloster Andechs. Es war für sie das Jahres-Highlight.

Die Pilgertour findet schon seit zig Jahren immer an Christi Himmelfahrt statt. Die Wallfahrer, damals und auch heute noch meist um die siebzig, achtzig Menschen, starteten früher um Mitternacht an der Heiliggeist-Kirche, zogen durch den Birkländer Pirschwald nach Rott und Bischofsried, von Dießen über den See nach Herrsching und erreichten ihr Ziel gegen Mittag. Dort wurde übernachtet.

In zehneinhalb Stunden zurück nach Schongau

Am nächsten Tag, fünf Uhr morgens, war ein Gottesdienst. Es gab den Segen Procedamus in pace – in nomine Domini; dann zogen sie wieder zu Fuß (zehneinhalb Stunden) nach Schongau und kamen spätnachmittags so gegen 17 Uhr dort an. Sie wurden von der Kirchengemeinde und vom Pfarrer höchstpersönlich abgeholt. Man ging gemeinsam betend den Lechberg hinauf und in der Stadtpfarrkirche erwartete sie eine jubelnde Orgel zu einer kurzen Andacht.

Bei der Rückkehr werden die Wallfahrer stets den Lechberg herauf begleitet – das Foto stammt von 2018.

Heute wird nicht mehr übernachtet, ein Bus fährt die Wallfahrer heim und am nächsten Tag wieder nach Andechs. Und Abmarsch ist neuerdings um vier Uhr morgens und nicht mehr um Mitternacht.

Urlaubsreisen gab es seinerzeit nicht

Zurück zur Oma: Urlaubsreisen gab es seinerzeit nicht. Die Höhepunkte waren Besuche bei Verwandten. Onkel Karl lebte mit seiner Familie früher in Tannenberg, dann in Gotzing und Waakirchen. Und eine Fahrt dorthin war immer etwas Besonderes. So wie die Wallfahrt nach Andechs. Kleines Gepäck, ein Rosenkranz, das Laudate, und Oma gönnte sich als zusätzlichen Reiseproviant zwei Weinbrandbohnen. Gekauft bei Konditor Nikolaus Fliegauf, der ein kleines Café in der Altstadt betrieb, Weinstraße 16, 1. Stock, neben Blumen-Pröbstl.

Dieser Konditor verkaufte auch selbst gemachte Pralinen. Mein Bruder und ich durften hin und wieder mit unserem Opa dorthin gehen auf einen kleinen heißen Kakao. Später war in diesem Haus im Erdgeschoss die „Süße Hanni“ (Johanna Fliegauf, seine Verwandte) mit ihrem Süßigkeiten-Laden.

Ein einfaches Quartier in Andechs war immer reserviert

In Andechs gab es ein Quartier, einfachster Art natürlich. Aber die Frau, die dort vermietete, reservierte immer für Oma, die zuverlässig jedes Jahr eintraf. Auf dem Rückweg hat Oma dann Trollblumen und Mehlprimeln gepflückt, einen großen Strauß. Heute sind die Blumen streng geschützt und auch nur noch wenig zu finden.

Ein Meer von Farben und Düften

Zuhause blühte schon der Flieder und mit all diesen Blumen zusammen wurde ein Mai-Altar aufgestellt. Es gab eine kleine weiße Bank, etwa 20 Zentimeter hoch. Auf diese wurde oben eine Marienfigur platziert, links und rechts Kerzen und rundherum die Frühlingsblumen, die leuchtendgelben Trollblumen, die zarten, pinken Mehlprimeln und dahinter der Flieder in Lila, das alles ein Meer von Farben und Düften. Wir Kinder hielten da täglich eine kleine Maiandacht, ein schönes Ritual.

Spontan entschlossen, mitzugehen

Mein Erlebnis mit einer Andechs-Wallfahrt war ein spezielles. Schon lange wollte ich einmal mitgehen, aber irgendwie hat es nie gepasst. In den 80er-Jahren saß ich mit einem Bekannten beim Kaffee und wir hörten, dass an diesem Abend die Wallfahrer starten. Spontan beschlossen wir beide mitzugehen.

Hinter dem Kreuz die Männer, danach die Frauen

Ausgestattet mit einem kleinem Rucksack waren wir kurz vor Mitternacht an der Heiliggeist-Kirche. Viele Menschen warteten schon, samt Pfarrer. Da stand ein junger, kräftiger Mann mit dem Kreuz, das mitgetragen wurde, und dahinter sollten die Menschen gehen. Von der Kirchturmuhr schlug es zwölf Mal, in Windeseile formierte sich der Zug: Hinter dem Kreuz die Männer, danach die Frauen.

Beim ersten Mal gleich vorneweg

Wir standen mittendrin, der Bekannte schloss sich schnell den Männern an, ich ging gleich vorneweg in der Frauengruppe. Laut den Rosenkranz betend marschierte der Trupp den Lechberg hinunter. Plötzlich hörte ich Stimmen hinter mir: „Was macht die denn da vorne?“ „Die war doch noch nie dabei!“ „Wer ist das denn?“ „Die soll sich hinten anschließen!“ „Wieso geht die da?“

Rangfolge musste eingehalten werden

Immer wieder fielen mehr oder weniger laut und scharf solche Bemerkungen. Endlich fragte ich, was ich denn falsch gemacht habe, und wurde unfreundlich darauf hingewiesen, dass es eine Rangfolge gäbe, die gefälligst einzuhalten sei und man sich nicht vordrängen dürfe.

Die Profis hatten Taschenlampen dabei

Schnell waren wir in der Birkländer Straße, dem Industriegebiet Ost von Schongau. Dort befanden sich auch der Zwinger des Schäferhundevereines, die Räume des Tierschutzvereines und in jedem größeren Gebäude mindestens ein großer Wachhund. Gespenstisch kam der Wallfahrer-Zug daher. Die Profis hatten Taschenlampen dabei, denn Straßenlaternen gab es auf diesem Weg nicht. Smartphones mit Licht waren noch nicht erfunden.

Bellkonzert an der Birkländer Straße

Der Geistertrupp bewegte sich laut betend durch die Dunkelheit – und sämtliche Hunde gaben Laut. Es war eine Begegnung der dritten Art. Tiefe Stimmen, dazwischen helle Kläffer, seufzend, heiser, verschiedene Tonarten und Lautstärken, kaum hörte einer auf, fing der nächste an – es war ein irres Bellkonzert in vielen Klangfarben. Als die Wallfahrer längst außer Hörweite waren, haben sich die irritierten Hunde wohl allmählich beruhigt.

Rosenkranz für Rosenkranz, Pause für Pause

Betend ging es weiter, ordentlich sortiert. Nach zwei Rosenkränzen gab es eine etwa halbstündige Pause, in der man unsortiert gehen durfte, ein wenig ratschen konnte und einfach so dahin lief. Rosenkranz für Rosenkranz, Pause um Pause.

Gegen 5 Uhr morgens Rott erreicht, und plötzlich waren alle weg

Gegen fünf Uhr morgens erreichten wir Rott. Ein Stück vor dem Ort war der Rosenkranz zu Ende und man lief wieder einfach so. Plötzlich waren mein Bekannter und ich die Letzten, alle anderen waren schon weit vor uns, gingen viel schneller als bisher. Irgendwann waren alle weg. Was war los? Des Rätsels Lösung: Das Gasthaus in Rott wartete mit einem Wallfahrer-Frühstück auf uns. Es gab Kaffee und Tee sowie Wurst- und Käsesemmeln. Alle saßen da und schmausten mit großem Appetit.

Semmeln waren schon längst alle verputzt

Wir suchten uns einen Platz, nahmen uns vom heißen, dünnen Kaffee – aber die Semmeln waren schon längst alle verputzt. Zum Glück war ich gut gerüstet und hatte mein Vollwertbrot dabei. Die giftige Bemerkung eines Mannes am Tisch: „Sie wissen aber schon, dass Sie ihre vier Mark auch zahlen müssen, egal wieviel Sie essen.“ Nichtsdestotrotz – alles sammelte sich und wir marschierten gestärkt und rosenkranzbetend weiter.

Ein Rosenkranz hat einen bestimmten, fast meditativen Rhythmus. Eine Kette mit Perlen oder Kugeln ist ein Hilfsmittel beim Beten, zum Zählen. Die Betenden lassen diese Kette durch die Finger gleiten. Dies erinnert auch an die Gebetsketten und -schnüre anderer Religionen. Der Name Rosenkranz passt zur Mutter Gottes. Über sie gibt es viele Blumenlegenden. Und im Adventlied „Maria durch ein Dornwald ging“ werden Rosen besungen.

Der Rosenkranz besteht aus einem Kreuz und 59 Perlen. 55 davon – 50 kleinere und fünf größere – bilden eine zusammenhängende Kette. Eine der größeren Perlen dient als Verbindungsglied zu einer weiteren Kette mit drei kleineren Perlen, einer größeren und einem Kreuz. Es folgt vor der ersten Perle der zusammenhängenden Kette das „Ehre sei dem Vater ...“ und das „Vaterunser“. Dies gilt auch für die vier weiteren, etwas größeren Perlen des Rosenkranzes.

Nach jeder großen Kugel folgen zehn „Gegrüßet seist du, Maria“. Im „Gegrüßet …“ ist eingefügt, welcher Art von Rosenkranz gebetet wird. Diese Abschnitte nannte meine Oma, die firm war im Rosenkranzbeten, „Gsätzle“. Es gibt z. B. den freudenreichen, den lichtreichen, den schmerzhaften oder den glorreichen Rosenkranz.

Beispiel: Die freudenreichen Geheimnisse (über die Geburt und Kindheit Jesu) 1. Gsätzle ... Jesus, den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast 2 ... Jesus, den du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast 3 ... Jesus, den du, o Jungfrau, in Betlehem geboren hast 4 ... Jesus, den du, o Jungfrau, im Tempel geopfert hast 5 ... Jesus, den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast. Speziell sind die individuellen Formulierungen für Wallfahrten, Beerdigungen, und sogar jetzt für die Corona-Krise – unglaublich, welche Texte es da gibt.

In Dießen wartete das Schiff zum Übersetzen 

Als wir in Dießen ankamen, wartete schon das Schiff auf uns Pilger aus Schongau und wir setzen über. Gelegenheit zur Pause. Ich spürte meine Beine nicht mehr. Wir gingen fast alles auf Asphalt und mein Schuhwerk war dafür ungeeignet.

Glocken der Klosterkirche begrüßten die Pilger lautstark

Angekommen in Herrsching, mussten wir noch auf den „Heiligen Berg“ von Andechs gehen, wieder betend – und natürlich bergauf. Die Kirchenglocken der Klosterkirche begrüßten uns lautstark. Es war beeindruckend. Ein Klosterpater hielt einen kurzen Begrüßungsgottesdienst.

Und endlich: Das nahe liegende Wirtshaus, ein Mittagessen, große Pause. Damals übernachtete man schon nicht mehr; wir wurden deshalb abgeholt. Zuhause verbrachte ich den ganzen Tag auf dem Sofa, um meine lädierten Knochen zu heilen – die Rücktour habe ich mir geschenkt.

Wer auf eine Wallfahrt geht, zeigt öffentlich, dass er gläubig ist

Auf der Website von Kloster Andechs steht: Wer auf eine Wallfahrt geht, zeigt öffentlich, dass er gläubig ist. Er unternimmt eine spirituelle Reise, man kennt auch den Ausdruck: „Beten mit den Füßen“ – und der Wallfahrer hat meistens ein Anliegen für sich oder Angehörige und Freunde, das er betend zu seinem Ziel trägt, mit der Intention, Erhörung und Lösung zu finden.

Wallfahrt hat mit Demut und Dankbarkeit erfüllt

Ich war nur neugierig und wollte wissen, welchem Zauber meine Oma erlegen ist. Vermutlich war es für sie einfach die Tatsache, dass sie für zwei Tage ihrem Zuhause ausweichen konnte. Mich hat die Wallfahrt, das Gehen, das Beten, die Herausforderung mit Demut und Dankbarkeit erfüllt.

CHRISTINE FREMMER

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