Verbreiten wenigstens etwas EM-Stimmung: Lisa Zeitler und David Schmold von der „Teamsportarena“ in Schongau.
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Verbreiten wenigstens etwas EM-Stimmung: Lisa Zeitler und David Schmold von der „Teamsportarena“ in Schongau.

Begeisterung hält sich noch in Grenzen

Gedämpftes EM-Fieber im Landkreis Weilheim-Schongau

Ist da heute Abend etwas? Tatsächlich – die Fußball-Europameisterschaft beginnt. Während es sonst um Public Viewing und Autokorso geht, ist in der Region noch nicht viel Begeisterung zu spüren.

Landkreis – Sein Puls schlägt noch ganz normal. „Es ist alles ruhig“, lautet die Selbsteinschätzung von Claudio Carbone. In früheren Jahren begann das Herz des Geschäftsführers des „Restaurant & Gelateria Emporio“ in Weilheim regelmäßig zu rasen, je näher eine Welt- oder Europameisterschaft rückte. „Da konnte man es kaum erwarten, dass es losgegangen ist“, räumt er ein. Vor der EM 2020, die wegen der Corona-Pandemie erst ein Jahr später ausgetragen wird, kommen bei ihm jedoch keine großen Gefühle auf, obwohl das Heimatland seiner Eltern heute Abend das Eröffnungsspiel bestreitet. „3:1 für Italien“, tippt Carbone ziemlich emotionslos für den Auftakt gegen die Türkei.

Die warmen Sommerabende gehören der Vergangenheit an, an denen im und vor dem „Emporio“ die Tifosi ihre Squadra Azzurra frenetisch anfeuerten. „Dieses Jahr machen wir gar nichts“, kündigt Carbone an, dass es in seinem Lokal weder die farbenfrohe Dekoration noch einen Fernseher geben wird. Die Leidenschaft für den Calcio sieht er nicht nur bei sich erkaltet. „Es gibt für viele Leute aktuell wichtigere Themen als Fußball.“ Er hat festgestellt, dass Corona weiterhin die Stimmungslage im Land diktiert, obwohl die Bevölkerung fast wöchentlich ein bisschen mehr ihrer gewohnten Freiheiten zurückerstattet bekommt.

Nur für den Fotografen verbreitet das Team vom Restaurant „Emporio“ in Weilheim EM-Feeling – dieses Jahr gibt es weder Dekoration noch Übertragung.

Sportgeschäfte im Landkreis Weilheim-Schongau: EM-Stimmung noch nicht ausgebrochen

In der Tat prägen in diesem Jahr keine in Schwarz-Rot-Gold beflaggten Autos die Straßen, die seit dem Sommermärchen 2006 zur Standardausstattung gehörten. Selbst die Rahmendaten der EM haben nicht den Weg ins Bewusstsein der Bevölkerung geschafft. Wann und wo beginnt die Veranstaltung? Wann greift Deutschland ins Geschehen ein? Wer spielt in den sechs Gruppen? Das sind Fragen, die selbst eingefleischte Fußball-Fans nicht immer richtig beantworten können.

„Vielleicht ist es auch ein bisschen untergegangen“, vermutet Sonja Sprenger, dass das allgemeine Interesse noch nicht geweckt wurde. Die Inhaberin von „Sprenger’s Sportland“ in Schongau macht das an der schleppenden Nachfrage für die Trikots der deutschen Nationalmannschaft fest. „Einer, der alleine zuhause Fußball guckt, kauft sich selten ein Trikot“, sagt sie . In der heutigen Zeit brauche es gemeinschaftsfördernde Veranstaltungen wie Public Viewings, um sich als Fan auszuleben. „Die Stimmung ist noch nicht so ausgebrochen“, konstatiert auch Johannes Schmid. Der stellvertretende Filialleiter von „Sport Conrad“ in Wielenbach verkaufte bisher die meisten Trikots der DFB-Elf online.

EM2021: Vielschichtige Gründe für die fehlende Begeisterung

Auch seinen Kollegen von der „Teamsportarena“ in Schongau fällt es schwer, die EM für die eigenen Zwecke zu nutzen. Erst in diesem Tagen baute das Geschäft ein Glücksrad auf, das Kunden nach einem Einkauf drehen dürfen. Als Preise winken Brillen, Schals, Käppis und – was irgendwie bezeichnend ist – ein Trikot der deutschen Mannschaft von 2006, als die Welt noch in Ordnung war, das ein Sommermärchen bescherte und kein gähnendes Nichts.

Die Gründe für die fehlende Begeisterung gestalten sich vielschichtig für Jonas Schneider. Der Verkäufer der „Teamsportarena“ spricht von Entscheidungen, „die keiner nachvollziehen kann“. Für den bekennenden Fan des TSV 1860 München ist es unverständlich, warum in der Münchner Allianz-Arena auf einmal 14 000 Zuschauer Platz nehmen dürfen. Neben der großen Politik, die zusammen mit der UEFA die Dinge scheinbar nach Gutdünken dreht und wendet, erweisen sich auch die Leistungen der Nationalmannschaft als Stimmungsbremse. „Die hat viele Spiele schwach gespielt“, erinnert sich Schneider mit Grausen an die 0:6-Demütigung in Spanien und die peinliche 1:2-Heimpleite gegen Nord-Mazedonien. Wer läuft da schon gern mit einem Trikot von Verlierern herum, die außerdem noch die Nähe zur Basis vermissen lassen?

EM-Stimmung im Landkreis? Das sagen Getränkehändler

Wenn schon in den Kneipen und den Cafés sowie auf den öffentlichen Plätzen fast nichts läuft, bleibt wenigstens das traute Heim, um in EM-Begeisterung zu geraten, wenn man das denn unbedingt will. Immerhin konnte Peter Schwarz in der vergangenen Woche einen kleinen positiven Ausschlag seiner Umsätze verzeichnen. Zwei TV-Geräte verkaufte der Besitzer von „Fernseh Schwarz“ in Weilheim. „Die guten Zeiten sind leider vorbei“, klagt er. Das Geschäft soll nun das Angebot eines Online-TV-Anbieters bringen. „Magenta“ bietet die ersten 30 Tage kostenfrei in UHD. „Da erhoffe ich mir schon was“, gibt sich Schwarz optimistisch.

Profitiert hat von den Fußball-Großereignissen früher auch immer der Getränkehandel. Vor dem ersten EM-Wochenende hält sich der Durst der Fans allerdings noch in Grenzen. „Ich gehe davon aus, dass es wieder aufwärts geht“, hofft Maximilian Egger von „Getränke Sonner“ in Weilheim, dass sich das in den nächsten Tagen ändert. Zuversichtlich gibt sich auch Christian Graf. Der Inhaber des gleichnamigen Getränkemarkts in Obersöchering nennt zwei Faktoren, die maßgeblich für ein erfolgreiches Geschäft sind. „Erst einmal brauchen wir schönes Wetter.“ Und dann sollte auch das DFB-Team nicht schon nach der Vorrunde ausscheiden, damit sein persönlicher Bier-Favorit für die EM am Ende alle Mitbewerber aussticht: Das „Unser Dorfbräu Kellerbier 2sam“ aus Seeshaupt.

Daumen sind für deutsche Mannschaft gedrückt

Das wird sich auch Erkan Tüfekci vom „Café Bistro Orient“ in Penzberg in stiller Stunde zu Gemüte führen. Groß gefeiert wird im Lokal seiner Eltern ohnehin nicht. „Es geht um die Sicherheit der Menschen, Er ist der Ansicht, „dass es in dieser Situation zu gefährlich ist“, die Ansteckung mit Covid-19 zu unterschätzen. Dem Eröffnungsspiel gegen Italien sieht er ganz gelassen entgegen. „Ich gönne es der Mannschaft, die besser spielt“, mag er sich auf keinen Sieger festlegen. Der deutschen Mannschaft drückt er selbstverständlich die Daumen für den Turniersieg: „Das pack’ ma schon.“ Nur das Land seiner Freundin braucht nicht auf seine Anfeuerung zu warten. „Österreich unterstütze ich nicht. Das wäre ja noch schöner.“ Beruhigend zu wissen, dass es wenigstens etwas gibt, was selbst zu Corona-Zeiten beim Alten bleibt. Und wenn es nur die ewige Rivalität mit der Alpenrepublik ist.

VON CHRISTIAN HEINRICH

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