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Wie ein Mahnmal steht die ausgebrannte Bücherzelle jetzt am Marienplatz. Mitarbeiter des Bauhofs haben einen Zaun angebracht.

Erneuter Brandanschlag auf Bücherzelle 

Unbekannter meldet seine Schandtat selbst der Polizei

  • Jörg von Rohland
    vonJörg von Rohland
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Entsetzen, Wut, Fassungslosigkeit: Die Mitglieder von „Schongau belebt“ sind mit ihrem Latein am Ende. Zum zweiten Mal in drei Jahren ist Sonntagnacht ihre Bücherzelle in der Altstadt in Flammen aufgegangen. Laut Polizei war es Brandstiftung. Jetzt gibt es eine erste Spur, der Täter hat seine Stimme hinterlassen.

++++ Update vom 22. April ++++

Schongau - Der Unbekannte, der in der Nacht auf Sonntag die Bücherzelle in der Schongauer Altstadt angezündet hat, meldete seine Schandtat offenbar höchstpersönlich der Polizei. 

Inspektionsleiter Herbert Kieweg berichtet von einem Mann, der gegen 1.40 Uhr den Notruf wählte und den Beamten von seiner Brandstiftung erzählte. Der Stimme nach sei der mutmaßliche Täter 20 bis 30 Jahre alt, „und er hat akzentfrei deutsch gesprochen“, so Kieweg.

Woher der Anruf kam, konnten die Beamten leicht feststellen. Nach Auskunft des Inspektionsleiters telefonierte der Mann an einer Telefonsäule am Rathaus. Zu den Motiven habe er er sich nicht geäußert. Die Polizei bittet jetzt nicht nur um Hinweise zu verdächtigen Personen in Tatortnähe am Marienplatz, sondern auch auf Nutzer der Telefonsäule.

Brandstifter hat akzentfrei deutsch gesprochen

Nicht nur die Polizei hofft, dem Täter mit seiner aufgezeichneten Stimme auf die Schliche zu kommen, auch Bürgermeister Falk Sluyterman wünscht sich das sehnlichst. Er sei am Sonntagmorgen gegen 2.30 Uhr vom Feuerwehrvorstand informiert worden, sagt er. „Danach fiel mir das Einschlafen sehr schwer.“ Er könne nicht verstehen, was in den Köpfen solcher Menschen vorgehe, klagt der Rathauschef und erinnert an den großen Einsatz der Bürger und der Bürgerstiftung für den Wiederaufbau der Zelle vor drei Jahren.

Bürgermeister will kein zweites Mal Belohnung aussetzen

Bekanntlich war die ehemalige Telefonzelle, in der Bücherfreunde ihren Lesestoff tauschten, fast auf den Tag genau schon einmal angezündet worden. Der Täter wurde nie ermittelt. Die Stadt hatte eine Belohnung ausgesetzt, darauf will Sluyterman dieses Mal verzichten. Das sei nicht bei allen gut angekommen, von „Denunziantentum“ sei die Rede gewesen, nennt der Bürgermeister den Grund.

Sollte der Brandstifter wieder davonkommen, glaubt Sluyterman ebenso wie Initiatorin Beatrice Amberg nicht an einen dritten Anlauf mit einer Bücherzelle. Zumindest nicht an diesem Standort: „Das ist hier nicht ganz ungefährlich, wir sind mitten in einer historischen Altstadt“, sagt der Bürgermeister mit Blick auf einen möglichen erneuten Brandanschlag. 

+++ Die ursprüngliche Meldung vom 19. April ++++

Schongau – Die „Schongau-belebt“-Vereinsvorsitzende Beatrice Amberg mag nicht mehr. „Ihr Baby“, wie sie es nennt, ist tot. Aus Hamburg, wo sie einmal lebte, hatte die Geschäftsfrau die Idee vor einigen Jahren mit nach Schongau gebracht. Sonntagnacht ist der in einer alten Telefonzelle untergebrachte Bücherschrank in Flammen aufgegangen; schon wieder!

Fast auf den Tag genau vor drei Jahren musste die Schongauer Feuerwehr zum ersten Mal ausrücken,um die brennende Bücherzelle in der Altstadt zu löschen. Auch damals hatte ein Unbekannter die Bücher in Brand gesetzt, alles wurde zerstört. Obwohl die Stadt eine Belohnung aussetzte, wurde der Täter nie gefasst.

Auch Feuerwehr hatte viel Herzblut in den Wiederaufbau gesteckt

In der Nacht auf vergangenen Sonntag bot sich den Einsatzkräften der Feuerwehr beinahe exakt das selbe Bild wie vor drei Jahren. 25 Mann waren gegen 1.40 Uhr vor Ort und bekämpften die Flammen. Das Feuer war schnell gelöscht, das Entsetzen groß. Schließlich waren es auch die Brandschützer, die viel Herzblut in die neu aufgebaute Bücherzelle gesteckt hatten. 

Bei dem Anblick kommen nicht nur den Mitgliedern vom Verein „Schongau belebt“ die Tränen. Daniela Puzzovio (Bild oben rechts) und eine ihrer Vereinskolleginnen räumen die Überreste ihrer Bücherzelle zusammen. Alles ist zerstört, die Initiatoren frustriert. Sie können sich nicht erklären, was in dem Täter vorgeht, der Sonntagnacht womöglich schon ein zweites Mal zugeschlagen hat.

Unter Federführung von Kommandant Werner Berchtold und Gerätewart Albert Huber hatten die Frauen und Männer nicht nur den Transport, sondern auch den Innenausbau der neuen Zelle übernommen; alles natürlich rein ehrenamtlich. Spenden für das Material kamen von Schongauer Bürgern und der Bürgerstiftung. Im Dezember 2017 wurde die Zelle freudig eingeweiht und von Bücherwürmern sogleich mit reichlich Lesestoff befüllt.

Sachschaden beträgt 3500 Euro, immaterieller Verlust ist viel größer

Jetzt ist wieder alles dahin. Die Polizei beziffert den materiellen Schaden mit rund 3500 Euro. Der immaterielle Verlust ist natürlich weit größer. „Wir fragen uns, welche Leute schädigen nicht nur ein Gemeineigentum sondern auch Bücher, die gerade jetzt in der Corona-Zeit extrem viel ausgetauscht wurden?“, heißt es von „Schongau belebt“. Und : „Lesen hilft gegen Dummheit, Bücherverbrennung lässt ganz schreckliche Erinnerungen an eine braune Zeit in Deutschland aufkommen.“

Vor fast genau drei Jahren war die Zelle ein erstes Mal in Flammen aufgegangen. Die Feuerwehr war auch damals zur Stelle (Bild unten) und half beim Wiederaufbau mit.

Dennoch hat der Täter sein Ziel wohl erreicht: „Wir werden keine Bücherzelle mehr aufstellen“, blickt Beatrice Ambert tieftraurig voraus. Es sei denn, der Täter wir dieses Mal gefasst. „Dann könnte man es sich überlegen“, sagt sie. Hinweise nimmt die Polizei in Schongau unter 08861/23460 entgegen.

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