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Massive Schäden gibt es überall im Schongauer Stadt- und Spitalwald, Stadtförster Klaus Thien zeigt ein Bündel abgestorbene Buchenschösslinge.

Stadtförster zieht erschreckende Bilanz

Mäuse zerstören 5000 Bäume in Schongau

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Eine geradezu erschreckende Bilanz zog jüngst Schongaus Stadtförster Klaus Thien. Sein Waldschadensbericht macht deutlich: Große kahle Flächen wie in Mitteldeutschland könnte es bald auch im Schongauer Land geben. Dabei wird der Wald gleich durch mehrere Komponenten arg in Mitleidenschaft gezogen, sogar Mäuse sind mittlerweile eine Bedrohung.

SchongauViele Fotos hatte Klaus Thien für die Schongauer Stadträte mit im Gepäck, von Stürmen leergefegte Flächen, Kahlschlag durch den Borkenkäfer, vertrocknete Laubbäume.

Große Schadholzmengen gibt es aber nicht nur in Mittel- und Südeuropa, sondern eben auch auf Schongaus Waldflächen, und dies nicht zu knapp. Schäden durch Wind seien seit 2015 beständig angestiegen, wenn Wurzeln dann einmal angerissen sind, brauche es gar keinen stärkeren Wind mehr, einen Baum zu Fall zu bringen, erläuterte Thien in einer Stadtratssitzung.

Zahl der Borkenkäfer steigt stark, Eschentriebsterben nimmt weiter zu

Die Zahl der Borkenkäfer sei stark gestiegen. „Die Käfer schaffen jetzt drei Generationen im Jahr, vorher nur zwei.“ Außerdem breiten sich verschiedene Pilzarten weiter aus, das Eschentriebsterben hat weiter zugenommen. Auch die Niederschläge hätten sich verändert, im Winter gebe es mehr Regen als Schnee. Bei gleichzeitigem Temperaturanstieg hätten die Bäume dann Trockenstress im Sommer. „Und der Laubaustrieb ist heute vier Wochen früher, als vor 30 Jahren“, erklärt Thien. Die jungen Triebe seien durch Spätfrost stärker gefährdet.

Mäuse fressen Wurzeln der neu gepflanzten Bäumchen

Und noch eine Gefahr wartet gerade auf frisch aufgeforstete Bäumchen: Mäuse. Die Nager hätten sich derart stark vermehrt, dass die Wurzeln von rund ein Viertel der in diesem Jahr im Wasserschutzgebiet Kreut gepflanzten 20 0000 Bäumchen abgefressen wurden – damit ist ein großer Teil der letzten Aufforstung hin. Zur Demonstration hatte Thien ein ganzes Bündel trockener Buchenschösslinge dabei.

Waldpflege wird immer aufwändiger und auch gefährlicher

„Auch die Unfallgefahr im Wald steigt“, macht Thien deutlich. Heuer habe er mehr als 15 Zecken gehabt, und die Rußrindenkrankheit bedroht nicht nur die Ahorne, die Pilzsporen seien auch für Menschen gefährlich. Auch die Waldpflege an sich werde immer aufwändiger und gefährlicher. Buchen etwa, die von oben dürr würden, könne man nur noch mit Maschinenunterstützung fällen, damit niemand von splitterndem Holz verletzt wird. Der Stadtförster und sein Team betreuen insgesamt 650 Hektar Stadt- und Spitalwald.

Fichten leiden besonders, aber auch die Waldkirschen sterben

Besonders in Mitleidenschaft gezogen sind in Schongau die Fichten, die Kronen werden lichter, die Rinde bröckelt, etwa in der Rösenau. Aber auch der Laubholzbestand ist geschädigt – oberhalb vom Krankenhaus sind alle Waldkirschen abgestorben. „Die Pflanzungen sind 22 Jahre alt, jetzt stehen sie kaputt da.“ Eschen wiederum, die 1994/1995 gepflanzt wurden, sind großflächig abgestorben. „Wir haben 25 Jahre Geld und Arbeit investiert, alle Eschen auf sechs Hektar sind kaputt.“

Jene Bäume mit eigentlich zähem Holz, aus dem früher Stiele für Werkzeuge gemacht wurden, werden nun von einem Pilz regelrecht zersetzt. „Wir werden alle Eschen wegmachen müssen, weil sie zusammenbrechen.“ Probleme bereiten aber auch Pflanzen, die sich ungewollt stark ausbreiten wie Brombeeren oder Indisches Springkraut. Sie überwuchern die Böden und Jungpflanzen wie im Forchet, „eigentlich müssten sie weggemäht werden“.

Kleine bis mittlere Katastrophen gibt es inzwischen das ganze Jahr über

Kleine bis mittlere Katastrophen gebe es inzwischen das ganze Jahr über im Wald, was sich auch auf die wirtschaftliche Situation der Stadt auswirkt. Bis in die 90er Jahre habe man ganz normal wirtschaften können, dies sei nun vorbei.

Im letzten Waldjahr – man rechnet immer vom 1. Oktober bis zum 30. September – mussten zwangsweise 2800 Kubikmeter Holz eingeschlagen werden, das sind 60 Prozent des Normaleinschlags. Betrachtet man den Forsteinrichtungswert 2013 bis 2032, sei man nach sieben Jahren durch den sogenannten „Kalamitätseinschlag“ bereits bei 124 Prozent der eigentlich vorgegebenen Nutzung. „Das heißt, wir müssen die Nutzung nun reduzieren.“

Holzmarkt in Europa ist komplett eingebrochen

Ohnehin sei der Holzmarkt in Europa komplett eingebrochen. „Es wird seit zwei Jahren doppelt so viel gefällt, als in der Industrie verwertet werden kann.“ Man könne gar nicht mehr von einem Preisproblem sprechen, es sei ein Absatzproblem daraus geworden. „Im Vergleich zu den Vorjahrespreisen bedeutet dies in Schongau einen Einkommensverlust von rund 180 000 Euro pro Jahr“, so Thien.

Bei gleichzeitigem Mehraufwand etwa wegen teurer Maschinen oder der Sicherung von Fällgebieten – „da hat es schon ein paar brenzlige Situationen gegeben, wo Leute, die sich nicht an Absperrungen gehalten haben, fast unter Bäume gekommen wären“ –, rechnet Thien mit 200 000 bis 300 000 Euro Mindereinnahmen bzw. Mehraufwand.

Thien: „Wir müssen scharf jagen, damit wir unsere Wälder aufrechterhalten können“

Das Langzeitziel natürliche Waldverjüngung sämtlicher heimischer Baumarten sei dennoch geschafft, man habe dadurch jährlich bis zu 100 000 Euro für künstliche Aufforstung eingespart. Ohne eine intensive Rehwildbejagung durch die Forstverwaltung geht es aber nicht: „Wir müssen scharf jagen, damit wir unsere Wälder aufrechterhalten können“, so Thien.

Die Zukunft liege in einer Vielfalt an Baumsorten, wobei es keinerlei Empfehlungen gebe, die Fachleute sind selbst ratlos. Der Appell von Thien war aber deutlich: „Der Wald hat nicht nur Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion, der Wald ist systemrelevant für unser Dasein – das ist eine existenzielle Frage.“

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Das Schwabsoier Landschaftsbild dürfte sich  erheblich verändern. Der Fichten- und Eschenwald am nördlichen Ortsrand wird auf einer Fläche von rund 2,3 Hektar abgeholzt. Ein Eichenmischwald mit Hainbuche, Winterlinde und Vogelkirsche soll an seiner Stelle entstehen.

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